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  • Passmann ist Pop: Zwischen „weiblicher Erfahrung“ und echter Empörung

    Viel Witz, viel Wärme – und eine Spur Müdigkeit: Sophie Passmann überzeugt auf der LitPop 2026: charmant, souverän und erst gegen Ende mit gewohntem Biss.

    Samstagabend des Buchmesse-Wochenendes in Leipzig. Noch vor wenigen Stunden wimmelte die Innenstadt von kostümierten – oder bewusst zivil gekleideten – Besucher*innen der Buchmesse. Jetzt wirkt sie wie leergefegt. Der Regen gießt in Strömen, breite Rinnsale ziehen sich durch die Straßen. Drinnen jedoch, in den hohen Räumen der Kongresshalle am Zoo, herrscht eine beinahe intime, warme Atmosphäre. Trotz des Wetters: kein Mangel an Publikum. Ein dichter Menschenteppich füllt den opulenten Saal.

    Es scheint, als seien sie alle ihretwegen gekommen: Sophie Passmann. Sie ist ohne Zweifel der Star des Abends, gewissermaßen die Taylor Swift der deutschen Gegenwartsliteratur. Schon vor ihrem Auftritt ist der Saal gut gefüllt, danach ebenfalls – doch währenddessen platzt er aus allen Nähten. Zu Recht?

    Passmann – Autorin, Moderatorin, Podcasterin, Berufsbeobachterin der Gegenwart – versteht es gewohnt souverän, das Publikum zu unterhalten. Gleichwohl wirkt sie zu Beginn etwas erschöpft, braucht einen Moment, um in Fahrt zu kommen. Die Energie, die ihr der lange Buchmessetag offenbar abverlangt hat, gleicht der Moderator Robin Solf jedoch mühelos aus. Mit bemerkenswerter Präsenz führt er durch das Gespräch. Wenn Solf im Großen Saal die diesjährige LitPop eine, seit 2008 etablierte Literaturparty im Rahmen der Leipziger Buchmesse, mit den Worten eröffnet, die Gäste auf der Bühne stünden für das „Lit“, er sei für das „Pop“ zuständig, dann liegt er allerdings falsch: Passmann ist Pop. Während klassische Literaten oft eine Distanz zum Zeitgeist wahren, taucht sie mitten in ihn ein. Sie nutzt die Mechanismen der Aufmerksamkeitsökonomie – Selbstinszenierung, Zuspitzung und Ironie –, um gesellschaftliche Analysen dorthin zu bringen, wo der Pop zu Hause ist: in die Feeds, die Talkshows und die Clubs. Sie liefert nicht nur den Text, sie ist das Event.

    Wer gehofft hatte, Passmann würde aus ihrem aktuellen Buch „Wie kann sie nur“ lesen – jener Reflexion über das Älterwerden, den Verlust von Coolness und das Ringen mit feministischen Idealen –, wird enttäuscht. Stattdessen: klassisches Gesprächsformat. Solf fragt, Passmann antwortet. Was zunächst schlicht klingt, gewinnt durch die spürbar freundschaftliche, gelöste Dynamik zwischen beiden eine überraschende Qualität. Es entsteht ein runder, unterhaltsamer und stellenweise geradezu herzerwärmender Austausch.

    Inhaltlich bewegt sich das Gespräch zunächst auf erwartbarem Terrain: Botox, Feminismus, die von Passmann häufig bemühte „weibliche Erfahrung“. – jene kollektive Sozialisation, die Frauen durch Schönheitsideale, Rollenerwartungen und patriarchale Strukturen weltweit miteinander verbindet – und das Älterwerden.  Ihre Positionen sind pointiert, wenn auch nicht radikal: Äußerliche Veränderungen bedeuten nicht automatisch Anpassung an patriarchale Strukturen; Botox sei weder per se unfeministisch noch explizit feministisch. Immer wieder plädiert sie für mehr Nachsicht – für das Unvollkommene, für die eigenen Widersprüche und das Scheitern an den eigenen hohen Ansprüchen. „Es ist okay, manchmal einfach nur ein Idiot zu sein, der abhängen will“, sagt sie. Sätze wie dieser prägen den Grundton des Abends: entspannt, zugänglich, behaglich.

    Gelegentlich streift Passmann auch kontroversere Themen, etwa ihre Kritik am akademischen Feminismus, der durch seine Sprache eher ausschließe als einlade. Doch echte Tiefe erreicht sie selten – was angesichts des engen Zeitrahmens kaum überrascht. Insgesamt wirkt der Auftritt weniger bissig und provokant als man es aus anderen Kontexten kennt, etwa aus ihrem Podcast oder dem Auftritt auf der Literaturbühne von ARD, ZDF und 3Sat am Vormittag.

    Erst gegen Ende gewinnt das Gespräch spürbar an Spannung. Auf die Frage, welche Interviewfragen sie nerven, kommt Passmann auf ein Gespräch im Podcast „Hotel Matze“ zu sprechen. Ohne es explizit zu machen, wird klar: Die dort gestellte Frage „Geht es dir eigentlich gut?“ hat sie nachhaltig verärgert. Passmann wirkt in diesem Moment sichtlich aufgebracht. Gerade diese emotionale Zuspitzung verleiht dem Auftritt plötzlich neue Energie: Die letzten Minuten sind wacher, direkter, pointierter.

    So bleibt ein insgesamt gelungener Auftritt: etwas ruhiger, etwas gesetzter als manch anderer, aber dennoch klug, originell und ausgesprochen witzig. Sophie Passmann zeigt sich als das, was sie ist: Eine routinierte Entertainerin, die auch mit angezogener Handbremse ihr Publikum mühelos erreicht – auch wenn die „weibliche Erfahrung“ an diesem Abend vielleicht ein wenig zu häufig bemüht wurde.

    Und obwohl es hier eigentlich nicht um ihn gehen soll, sei eine Randnotiz erlaubt: Robin Solf gibt als Moderator eine ausgezeichnete Figur ab.

    Titelbild: Greta Eising

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