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  • Timothée, lass mal in die Oper!

    Ein Rundumschlag des Schauspielers Timothée Chalamet eröffnete Debatten über Opern-, Ballett- und Theaterhäuser und deren Zukunft. Was können wir aus dem Konflikt mitnehmen?

    Auf Social-Media-Plattformen machte in den letzten Wochen ein Video die Runde; zu sehen ist der berühmte Schauspieler Timothée Chalamet. Niemals würde er für Oper oder Ballett arbeiten wollen, so Chalamet in einem Interview mit Matthew McConaughey im Format Variety/CNN Town Hall des US-amerikanischen Fernsehersenders CNN.

    Zitat Chalamet:,,I don’t want to be working in ballet, or opera, or you know things where it’s like, Hey, keep this thing alive, even though it’s like no one cares about this anymore. All respect to the ballet and opera people out there. I just lost 14 cents in viewership…”

    Als Reaktion hagelte es Kritik. Opern-, Ballett- und Theaterhäuser konterten die provokanten Aussagen Chalamets mit Videos, die beispielsweise dramatische Szenen in Opernaufführungen oder Standing-Ovations nach besonders gelungenen Vorführungen zeigten. Auch große Freude vieler Kulturschaffender über die nicht gewonnen Oscars, für die Chalamet nominiert war, lieferte Material für Memes und Instagram-Rage. Selbst Deutschlands (im-Moment-noch-)Kulturstaatsminister Wolfram Weimer mischte sich ein und lud Chalamet in einem unter anderem von der Tagesschau auf Instagram veröffentlichten Statement zu einem Abend in der Oper ein. Der Schmerz der Opernhäuser saß unterschiedlich tief – die Oper Leipzig kommentierte unter Weimers Statement, dass sie die beiden gerne zu einer Aufführung einladen würde.

    Autor Jakob Griebsch. Foto: privat.

    Wenn jeder Mensch nur die Reichweite Chalamets hätte und nach einer solchen Aussage zu einem Opernabend eingeladen werden würde…

    Zum einen wird also der Schauspieler und Multimillionär Chalamet, der durch Rollen in Filmen wie LadybirdCall me by your Name oder Little Women, berühmt wurde (hier spielte er Charaktere, mit denen er durch ständiges Buch-in-der-Hand-halten oder Gitarre spielen, dem männlichen Intellektuellentum ein neues Gesicht gab) und zum anderen Wolfram Weimer, dem (im-Moment-noch-)Kulturstaatsminister Deutschlands (,der in autokratischer Cancel-Culture-Manier in den letzten Wochen zunächst einen Verhaltenskodex für Kulturschaffende bei der Berlinale forderte und daraufhin drei linke Buchhandlungen vom Buchhandlungspreis ausschloss) von der Leipzig eingeladen.

    Das einzige Problem: Der Leipziger Kulturszene geht es, wie der in anderen Städten, nicht gut. Spielplanpausen von mehreren Tagen und ein großer Anteil an Gastspielen zeichnen hier die Spielpläne des Schauspiels und der Leipziger Oper. Auch Orte, an denen Club-, Konzert- oder Barkultur stattfinden, also Orte an denen Menschen zusammenkommen leiden unter Kürzungen der staatlich ausgezahlten Finanzmittel für die Kulturbranche.

    Chalamets Äußerungen sind exemplarisch für eine politische Debattenkultur, in der erst mal nach unten und um sich getreten wird und Probleme anderer Gruppen hervorgehoben werden, anstatt auf die eigenen einzugehen. Die Filmindustrie selbst hat mit immer größerem Einfluss von KI eine große Zukunftssorge: So könnten Rollen in Filmen durch KI ersetzt werden. Unternehmen wie Netflix trainieren bereits ihre KIs, beispielsweise im Bereich Synchron, so, dass diese aus Synchronversionen von Filmen oder Serien lernen und die übersetzten Versionen in einigen Jahren nicht mehr von Menschen gesprochen, sondern durch KI generiert werden.

    Das Medium Film und Timothée Chalamet, der in diesem Kunstfeld tätig ist, sorgen also mit jedem neu gedrehten Film dafür, dass KI trainiert wird und Beteiligte vor und hinter der Kamera ihre Jobs selbst abschaffen könnten. Diese Sorge haben Oper, Ballett und Theater nicht, da sie auch noch in weiter Zukunft davon leben, dass echte Menschen vor, hinter und auf der Bühne sind.

    Während die Reaktion vieler Opernhäuser zurecht sehr empört ausfiel, zeigt die Oper Leipzig einen eher gemäßigten Umgang und hält Chalamet die andere Wange hin. Eine Art, mit einem Konflikt umzugehen, wie es in der heutigen Zeit nur selten passiert: versöhnend. Davon können nicht nur Kulturschaffende lernen, sondern alle Menschen. Zwar muss Chalamet und Weimer nicht der Hof gemacht werden. Beide könnten sich, wie jeder andere Mensch auch, einfach Karten kaufen, nur zeigt die Reaktion der Oper Leipzig einen Umgang mit einer anderen Meinung, der zulässt, in ein Gespräch zu kommen.

    Egal ob Hoch-, Club- oder Barkultur, alle sind Orte des Zusammenkommens, an denen Diskurse und Meinungsverschiedenheiten ausgetragen und verhandelt werden können. In der Kulturszene war es noch nie „in“, anderen Kunstformen das Daseinsrecht abzusprechen, da Kunst und damit Anschauungsweisen der Welt genau davon leben, dass es verschiedene von ihnen gibt. Chalamets Kommentar ist böswillig und spaltet, eröffnet aber auch Chancen für Orte aller Arten von Kultur, sich besonders dadurch zu profilieren, zusammenzuhalten und zu zeigen, dass diese Orte des menschlichen Zusammenseins wichtiger denn je sind.

    Titelbild: Kirsten Nijhof

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