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  • Was tut die Stadt gegen Straßenbahnlärm?

    Im vergangenen Herbst scheiterte eine Petition „Für leisere Straßenbahnen“ im Leipziger Stadtrat – Begründung: Die Stadt handle bereits. Stellt sich die Frage: wie sieht dieses Handeln aus?

    „Müssen Straßenbahnen wirklich wie ein Donnergrollen durch unsere Stadt fahren?“ Diese Frage stellten die Unterzeichnenden einer Petition für leisere Straßenbahnen, über die der Leipziger Stadtrat im vergangenen Oktober abgestimmt hatte. Und tatsächlich: Mehr als jede*r zehnte Leipziger*in ist von konstantem Straßenbahnlärm betroffen – zumindest, wenn man den Zahlen des Amts für Umweltschutz folgt, die im Lärmkartierungsplan der Stadt Leipzig aufgeführt sind. „Lärm“ beginnt der Kartierung nach bei 55 Dezibel. Was in etwa den Geräuschpegeln eines leisen Fernsehers oder dem eines Geschirrspülers in der Küche nebenan entspricht.

    Die Weltgesundheitsorganisation WHO spricht bereits ab 45 Dezibel von einem Lärmpegel, der negative Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit haben kann. Folgen konstanter Lärmeinwirkungen können unter anderem Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen sein. Die WHO stuft Lärm deshalb als den zweitgrößten, die Krankheitslast vergrößernden Umweltfaktor ein. Nur Luftverschmutzung wirke sich in absoluten Zahlen noch negativer auf die Gesundheit der Weltbevölkerung aus.

    Die Unterzeichner*innen forderten deshalb unter anderem: Tempolimits in reinen Wohngebieten und während der Nachstunden; Schmieranlagen und bessere Wartung; Anschaffung moderner, geräuscharmer Straßenbahnfahrzeuge sowie die Einrichtung einer Beschwerdeplattform für Straßenbahnlärm.

    Petition bereits „erledigt“

    Von Seiten der Stadt wird die Petition als „erledigt“ betrachtet. Die Vorschläge, so heißt es im Endbericht des Stadtrats vom 11. November 2025, seien bereits Gegenstand des Handelns der Verwaltung, „insbesondere der Leipziger Verkehrsbetriebe“.

    Marc Backhaus, Pressesprecher der Leipziger Verkehrsbetriebe (LVB), erklärt im Interview mit luhze: „Ich habe vollstes Verständnis für die in der Petition vorgebrachten Anliegen.“ Er fände es schön, wenn sich Menschen engagieren und Zeit in politischen Aktivismus investierten. Lärm, so gibt er jedoch auch zu verstehen, sei eine kontinuierliche Aufgabe. „Damit“, sagt Backhaus, „ist man nie ganz fertig“.

    „Lärm ist eine kontinuierliche Aufgabe“, sagt Marc Backhaus, Pressesprecher der Leipziger Verkehrsbetriebe. Foto: Leipziger Gruppe 

    „Auf neuen Strecken schnurren die Fahrzeuge“

    Gleicht man die Vorschläge der Petition mit der Leipziger Mobilitätsstrategie, dem Lärmaktionsplan der Stadt und bereits umgesetzten Bauprojekten ab, wird man feststellen, dass die Stadt hier tatsächlich aktiv war und ist: Im gesamten Netz existieren derzeit 46 Schmieranlagen – also Anlagen, an denen Schmieröl über die Gleise verteilt wird, um das sogenannte „Kurvenquietschen“ zu reduzieren. Weiter sollen in den kommenden Jahren alle Straßenbahnfahrzeuge vom Typ Tatra (dabei handelt es sich um die nicht-barrierefreien Straßenbahnzüge, die beispielsweise auf der Linie 8 verkehren, Anm. d. Red.) von den Gleisen genommen und durch moderne Straßenbahnen ersetzt werden. Auch großangelegte Modernisierungen, wie beispielsweise die Erneuerung der Straßenbahnstrecke auf der Karl-Liebknecht-Straße, beinhalteten Maßnahmen zum Lärmschutz. Durch Füllelemente und Dämmmaterial, so erklärt Backhaus, seien hier Gleise und Straße voneinander entkoppelt worden. Das reduziere den Körperschall – vereinfacht gesagt: die Vibrationen und Erschütterungen, die man bei vorbeifahrenden Straßenbahnen vernimmt. „Auf neuen Strecken schnurren die Fahrzeuge“, so Backhaus.

    Streitpunkt Tempolimit

    Beim Thema Tempolimit wird die Sache etwas komplizierter. Die Fraktion der Grünen etwa teilte auf Nachfrage mit, dass man der Petition in diesem Punkt folgen könne. Schon lange, erklärt Kristina Weyh, Stadträtin und Sprecherin für Mobilität der Fraktion Bündnis 90 / Die Grünen, fordere ihre Fraktion Tempo 30 innerorts zur Regelgeschwindigkeit zu erklären. „Auch“, so sagt sie, „im Sinne des Lärm- und Gesundheitsschutzes“. Backhaus sieht dies kritisch: Zum einen zöge eine Tempobeschränkung auf 30 km/h bei gleichbleibender Taktung eine Aufstockung der Straßenbahnflotte und des Personals nach sich. Zum anderen müsse daran gearbeitet werden, die Attraktivität des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) zu erhöhen. Und das, so Backhaus, funktioniere vor allem dann, wenn die Straßenbahn spürbar schneller am Ziel ankomme als das Auto. Ähnlich argumentiert Etta Fremer, Referentin für Stadtentwicklung, Bauen, Wohnen, Umweltpolitik und Ordnung von der Fraktion Die Linke. Gegenüber luhze teilt sie mit: „Ein allgemeines Tempolimit lehnen wir ab, weil der ÖPNV aus unserer Sicht das Rückgrat der Verkehrswende ist und wir keine Einbußen im Takt hinnehmen wollen.“ Die Bahn, so Fremer weiter, müsse sich immer an ihrer Attraktivität gegenüber dem Autoverkehr messen.

    Leipzig und die „Großstadtschmerzen“

    In Punkto Beschwerdeplattform sieht Backhaus Stadt und LVB gut aufgestellt. Man könne sich sowohl telefonisch als auch per Mail bei den entsprechenden Ansprechpartner*innen melden und seine Beschwerde vorbringen. „Bei uns gehen konstant Lärmbeschwerden ein. Wir sind immer ansprechbar und kümmern uns um die aktuellen Probleme“, so der Pressesprecher.

    Wie die Unterzeichnenden zur Entscheidung des Stadtrats stehen und ob sie einen neuen Anlauf unternehmen wollen, ist nicht bekannt. Eine Interviewanfrage an die Petitionsführerin blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

    Pressesprecher Marc Backhaus hingegen ist sich sicher, dass das Thema Straßenbahnlärm auch in Zukunft kontrovers diskutiert werden wird. „Wir wollen unser Angebot weiter ausbauen – die Nachfrage nach höheren Taktungen, neuen Linien und mehr nächtlichem Straßenbahnverkehr ist groß“, erklärt er im Gespräch. Die Rekordzahl von gut 171 Millionen Fahrgästen im Jahr 2025 solle bis 2030 auf 200 Millionen Fahrgäste gesteigert werden. „Das wird nicht ohne Reibungen vonstattengehen“, so Backhaus. Städte, die schnell wüchsen, hätten immer mit „Großstadtschmerzen“ zu kämpfen, Infrastrukturanpassungen geschähen immer zeitversetzt zu Bevölkerungsentwicklungen.

    „Doppelrolle“ des ÖPNV

    Ute Köhler-Siegel und Frank Franke von der SPD-Fraktion bringen das Grundproblem auf den Punkt, indem sie auf die Doppelrolle verweisen, die dem öffentlichen Personennahverkehr bezüglich des Lärms zukomme. „Einerseits“, so erklären sie gegenüber luhze, „trägt er im Vergleich zum motorisierten Individualverkehr zur Lärmreduzierung bei, da deutlich weniger Fahrzeuge benötigt werden. Andererseits verursacht er ebenfalls Lärmbelastungen“.

    So störend es auch sein mag: In gewisser Weise scheint sich Lärm langfristig nur dann reduzieren zu lassen, wenn kurz- und mittelfristig mehr Lärm emittiert wird.

    Titelbild: Emin Hohl

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