„Die Fakultäten haben jetzt die schwierige Aufgabe, die wir an anderer Stelle haben“
Die Konsolidierung hält die Universität Leipzig in Atem – 16 Mio. Euro müssen in drei Jahren eingespart werden. Rektorin Eva Inés Obergfell ist verantwortlich dafür, diesen Prozess zu koordinieren.
Aufgrund der angespannten Haushaltslage im Freistaat Sachsen bleiben Sonderzuweisungen an die Universität Leipzig aus. Aus diesem Grund muss die Universität innerhalb von drei Jahren 16 Millionen Euro einsparen, damit dieses Defizit ausgeglichen werden kann. Als Rektorin ist Eva Inés Obergfell für die Koordination dieses Konsolidierungsprozesses verantwortlich. Im Interview mit luhze-Redakteurinnen Hannah Kattanek und Caroline Tennert beantwortet sie, ob es möglich ist, dass Studiengänge aus dem Angebot der Universität Leipzig verschwinden und, wie sie die Kritik an den Konsolidierungsmaßnahmen wahrnimmt.
luhze: Im April sind Sie seit vier Jahren Rektorin der Universität Leipzig. Was ist Ihr Resümee der bisherigen Amtszeit?
Obergfell: Für ein Resümee ist es natürlich zu früh. Aber ein Schwerpunkt war und ist die Exzellenzentwicklung: Wir haben ein Exzellenzcluster bekommen, dieser Meilenstein ragt heraus. Er steht auch exemplarisch dafür, in welcher Weise ich eine Transformation der Universität Leipzig im Sinn hatte und habe.
Mir schwebt eine moderne, sichtbare und zukunftsfest aufgestellte Universität Leipzig vor. Eine Universität, die ihre Stärke aus der Vielfalt der Fächer und der disziplinären Kulturen zieht. Eben eine Volluniversität der Zukunft – innovativ, vernetzt, nachhaltig. Wir sind eine Volluniversität und keine Spartenuniversität, die auf bestimmte Bereiche fokussiert ist. Wir sind breit aufgestellt. Aus dieser Breite heraus möchte ich interdisziplinäre Verknüpfungen schaffen. Eine Volluniversität, in der nicht alle nebeneinander arbeiten, sondern miteinander.
Ein weiterer Schwerpunkt meiner Amtszeit und der meines gesamten Rektorats war und ist die Stärkung der Beziehung zu Studierenden und Mitarbeitenden, eine Weiterentwicklung unserer Universitätskultur. Erstmals haben wir regelmäßige Dialogformate umgesetzt – und den Raum für Diskussion, Fragen und Meinungen geöffnet.
Wie berührt ein Erfolg mit einem Exzellenzcluster Studiengänge, die mit dem Cluster nicht direkt in Verbindung stehen?
Ein Exzellenzcluster umfasst 25 Principal Investigators (verantwortliche Wissenschaftler*innen eines Forschungsprojekts, Anm. d. Red.), die aus unterschiedlichen Fachrichtungen kommen. Es ist immer ein interdisziplinäres und transdisziplinäres Konsortium. Wir beraten jetzt neue mögliche Konstellationen für weitere Cluster. Schon das zeigt, dass eine große Vielfalt an Fachrichtungen beteiligt sein kann.
Studierende profitieren von der Exzellenzentwicklung in mehrfacher Weise. Einmal, weil sie Lehrende haben, die in solchen Clustern an der Top-Forschung beteiligt sind. Zum anderen, weil möglicherweise daraus Masterstudiengänge entstehen. Wir haben beispielsweise hoch spezielle Masterstudiengänge im Bereich Data Science und Evolutionäre Anthropologie, die thematisch aus angehenden Exzellenzbereichen gespeist werden. Und drittens kommt der allgemeine Gewinn an Renommee der Universität hinzu. Das ist für alle Studierende wichtig, wenn sie später beim Berufseintritt sagen können, sie kommen aus einer Universität mit Exzellenzcluster.
Auch die Konsolidierung prägt Ihre Amtszeit als Rektorin: Wie wollen Sie dabei alle Angehörigen der Universität in den Prozess miteinbeziehen?
Das ist ein Thema, dass in meine Amtszeit hineingekommen ist, ohne dass es zu Beginn meines Amtsantritts ersichtlich war. Es prägt jetzt natürlich meine Arbeit. Mir ist es dabei vor allem wichtig, transparent zu kommunizieren und im Dialog zu sein mit allen universitären Gruppen und der Politik. Das geschieht regelmäßig in den Gremien wie im Senat. Ich habe mit Beginn meiner Amtszeit auch eine monatliche Runde mit Dekaninnen und Dekanen, das Consilium decanale, gegründet. Und es geschieht in neuen Formaten. Wir haben im vergangenen Jahr alle Beschäftigten und Studierenden zu vier Town Hall Meetings eingeladen und auch auf harte und unangenehme Fragen geantwortet. Ich habe gemerkt, dass das möglicherweise noch nicht reicht. In diesem Jahr habe ich zusätzlich noch das Format „Auf einen Kaffee mit der Rektorin“ ins Leben gerufen.
Die Auftaktveranstaltung dieses Formates fand schon statt. Wie wurde es angenommen?
Im Foyer vor meinem Büro durfte ich rund 30 Menschen zum Auftakt begrüßen, es gab Kaffee und Tee. Es waren zum Beispiel Studierende aus dem Stura da, viele Mitarbeitende aus dem Mittelbau und eine Gruppe Studierender aus der Archäologie. Das Format ist komplett offen und alle konnten mich ansprechen. Das finde ich gut, denn da höre ich zwar Dinge, die ich schon weiß, erfahre aber auch von Sachverhalten, von denen ich so vielleicht noch nicht gehört habe.
Wie kann man sich die Timeline im fortschreitenden Konsolidierungsprozess vorstellen?
Wir sind gerade dabei, die Timeline für 2026 final zu verabschieden. Es ist so, dass wir Entscheidungen innerhalb des Rektorats und in vielen Gesprächsrunden und Klausursitzungen diskutieren, und parallel dazu läuft die Haushaltsaufstellung für 2027. Wir werden dazu im März hochschulintern umfassend informieren. Mit der Haushaltsaufstellung 2026 wurden den Fakultäten Konsolidierungsbeiträge für das jeweilige Personalkostenbudget zugeordnet, die dauerhaft zu erbringen sind. Zum 15. April ist dazu die Rückmeldung aus den Fakultäten erbeten, also die Benennung ihrer konkreten Sparbeträge im Personalbereich. Wir haben bereits vor der Konsolidierung jährliche Fakultätsperspektivgespräche eingeführt. Und im Moment sind diese Gespräche Zielvereinbarungsgespräche. Das heißt: Wir machen interne Zielvereinbarungen mit den Fakultäten. In diesem Zusammenhang sprechen wir schon seit Jahren darüber, ob Sparbeiträge erbracht werden können.
In der Verantwortung für das Einsparen von Personal sind im Wesentlichen die Dekanate, also die Leitungen der Fakultäten. Wir geben den Fakultäten das Personalbudget und steuern es nicht zentral, weil dies nicht sach- oder zeitgemäß wäre. Die Fakultäten haben jetzt die schwierige Aufgabe, die wir an anderer Stelle haben, nämlich das Budget zu verwalten und Entscheidungen bezüglich der Strukturen, der Aufgaben und des Personals zu treffen.
Hat die Konsolidierung eventuell auch positive Seiten für die Universität?
Die Finanznot und die Kürzungen für Universitäten haben nichts Positives. Schon im vergangenen Jahr mussten wir eine globale Minderausgabe verkraften – dieses Jahr wieder. Jedoch ist der Konsolidierungspfad, auf den wir uns jetzt begeben haben, nicht eingleisig. In dem Prozess liegt auch eine Chance.
So habe ich es auch im Town Hall Meeting gesagt. Es ist die Chance, das zu tun, was man eigentlich auch ohne Konsolidierungsdruck immer tun sollte, nämlich eine Aufgabenkritik: Was sind die gesetzlich vorgeschriebenen Aufgaben? Was sind die Aufgaben, die wir freiwillig übernehmen? Und wie effizient erledigen wir diese? Wo sind die möglichen Konsortien, die schon stark genug sind und die man eben jetzt in Richtung Exzellenzwettbewerb weiterentwickeln kann?
Diese Inventur, die ist gut. Also darauf zu schauen, was wir tun und uns zu fragen: Wollen wir das wirklich weitermachen? Müssen wir das weiter machen? Und können wir das überhaupt weitermachen? Das gilt durchaus auch für das Studiengangsportfolio.
Inwiefern?
Es ist eine normale Entwicklung, dass man Studiengänge über die Zeit weiterentwickelt und moderner aufstellt. Nehmen wir das Beispiel der Archäologie: Hier ohne digitale Methoden zu arbeiten, sozusagen ausschließlich mit den Händen zu graben, ist nicht mehr zeitgemäß, sagen Experteninnen und Experten. Also bilden wir auch unsere Studierenden mit Blick auf digitale Methoden aus und haben das Studienangebot in der Archäologie weiterentwickelt.
Kann das auch bedeuten, dass Studiengänge gestrichen werden?
Die jetzigen Studierenden, die da sind, können ihr Studium immer entsprechend ihrem Studienverlaufsplan zu Ende studieren, weil es einen sogenannten Vertrauensschutz (schützt Studierende vor plötzlichen Änderungen der Studienbedingungen, Anm. d. Red.) gibt. Dies wird grundsätzlich bei allen Weiterentwicklungen von Studiengängen berücksichtigt. Aber wir sind in der Tat dabei, eine generelle Überprüfung durchzuführen. Das heißt, mit den Fachbereichen, den Fakultäten und in den einzelnen Studieneinheiten zu schauen, wo möglicherweise auch eine weitere Entwicklung im Sinne von integrativen Studiengängen möglich ist. Wir haben das mit der Archäologie gemacht. Ich finde das auch eine normale und angemessene Entwicklung. Studiengänge verändern sich. Es gibt natürlich auch die Diskussion um die sogenannten „kleinen Fächer“. Wir stehen jetzt nicht da und sagen, wir streichen hier alle kleinen Fächer. Das wäre Quatsch. Es geht stattdessen darum, möglicherweise sinnvolle Verschränkungen vorzunehmen.
Gibt es dafür schon ein Beispiel?
Nein, das ist in Arbeit. Wir entscheiden dabei auch nichts von oben, sondern sind im Gespräch mit den Fächern. Die fachlichen Kompetenzen liegen schließlich ganz klar in den Fakultäten.
Es gibt viel Kritik bezüglich der Konsolidierung, auch an das Rektorat adressiert. Wie empfinden Sie diese?
Ich habe großes Verständnis dafür, dass es hier Sorgen und Ängste gibt. Beschäftigte und Studierende fürchten, dass die notwendige Konsolidierung zu Lasten der Lehre, der Forschung und der Arbeitsbedingungen geht. Und die Hochschulangehörigen hören natürlich nicht jeden Tag von uns: Jetzt haben wir dieses und jenes Thema bearbeitet. Wir sind dabei, uns die Strukturen anzuschauen, auch die zentrale Verwaltung und Zentrale Einrichtungen. Dazu sind wir immer wieder im Austausch in den Gremien und führen auch zahlreiche individuelle Gespräche.
Wir arbeiten unablässig daran, das strukturelle Defizit abzubauen – 16 Millionen Euro, die wir in drei Jahren einsparen müssen. Diese Aufgabe gut, sinnvoll und angemessen anzugehen, sodass die Qualität unseres Angebots und konkret des Studiums möglichst wenig leidet, das war und bleibt unser Leitmotiv. Das heißt leider nicht, dass auch künftig alle gewohnten Module im Wahlbereich oder jedes Tutorium angeboten werden. Auch wird manche Lehrveranstaltung aufgrund unserer Besetzungssperre nicht mehr oder noch nicht von einer Professorin oder einem Professor angeboten werden – wobei die Lehre durch Lehrbeauftragte zumeist sehr bereichernd ist.
Thematisiert wird oft, dass wir in Dresden stärker für unsere Anliegen eintreten sollten. Natürlich müssen wir unsere Belange stark vertreten, nicht zuletzt gegenüber dem Wissenschaftsminister, der Landesregierung und den Abgeordneten im Landtag. Sie können mir glauben: Das habe ich nicht nur im Blick, das tue ich unentwegt. Aber zum Gesamtbild gehört auch: Der nächste Doppelhaushalt im Freistaat wird rückläufig sein. Das ist das, was ich höre, und es heißt, es geht noch mal weiter nach unten. Dass es also hier und dort auch schwierige Einschnitte gibt, das wird sich nicht vermeiden lassen. Und das lässt sich auch nicht schönreden. Im Feld unserer Konsolidierung kann ich nur appellieren an uns alle: Lassen Sie uns unsere Energie darauf lenken, wie wir uns so aufstellen, dass wir durch diese harte Zeit durchkommen, dass wir diese Transformation bestmöglich gestalten.
Termin-Info:
Am Montag, 19. Januar 2026, feierte „Auf einen Kaffee mit der Rektorin“ Premiere. Es kamen rund 30 Gäste ins Rektoratsfoyer in der Ritterstraße. Weitere dieser informellen Begegnungen ohne Programm oder Protokolle, mit Kaffee oder Tee, wird es am 16. März, am 11. Mai und am 29. Juni geben, stets von 8:30 Uhr bis 9:30 Uhr – am 29.6. wird es sich um eine Sonderausgabe als Spaziergang handeln. Eine Anmeldung ist nicht nötig.
Titelbild: Swen Reichhold/Universität Leipzig
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