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  • Ein Riss im Bild

    Eine kleine Erzählung darüber, wie wir uns die Welt schönreden – und ob Entzauberung überhaupt funktionieren kann.

    Die Fähre nach Gozo kann heute nicht fahren, sagt die Dame durch das Fenster ihres engen Verkaufshäuschens. Zu viel Wind. Wir stehen am Hafen von Valletta, der Hauptstadt Maltas, und möchten nach Gozo, auf die zweitgrößte Insel des Landes. Das Meer ist unnatürlich blau und scheint mir nicht sonderlich aufgewühlt.

    Später erwischen wir eine andere Fähre. Vorhin dachte ich, die hätten keine Lust zu arbeiten, so schlimm könne das mit dem bisschen Wind schon nicht sein. Jetzt starre ich konzentriert den Horizont an und versuche, mich nicht zu übergeben.

    Es ist dunkel, als wir auf Gozo ankommen. Wir schlafen in einem hergerichteten und als Hostel neu belebten Bauernhaus. Überall Katzen. Steinmauern, Bögen über den Türen, blaue Fensterläden, grüne Palmen, sogar ein Gasherd. Was ist romantischer als einen Gasherd?

    Foto: Henning von Wulffen

    Geleitet wird das Hostel von einer Australierin. Sie kommt aus Queensland, hat dort zehn Jahre lang als Pflegerin gearbeitet, jetzt lebt sie als Aussteigerin auf Gozo. Ein wenig eifersüchtig bin ich, als sie rauchend in den Garten geht und ein paar Tomaten erntet.

    Seit einiger Zeit schon wächst der Wunsch, irgendwohin zu ziehen, wo alles weit weg erscheint. Auf einer einsamen Insel wird der orangene Mann aus den USA plötzlich unwichtig. In einem Cottage irgendwo in Schottland interessiert einen nicht, was der Bundestag beschließt.

    Die Australierin kommt aus dem Garten zurück, sie pfeift. Warum sie hierhergekommen ist, frage ich. Sie habe sich in ihrem Job nichtmehr wohlgefühlt. Viel mehr sagt sie nicht. Ob sie plant, für immer auf Gozo zu bleiben, möchte ich wissen. So wirklich könne sie das nicht sagen, entgegnet sie, allerdings fühle sie sich langsam doch ein wenig isoliert.

    Das beeindruckt mich. Isoliert sein, das ist doch genau das Ziel, denke ich. Zum ersten Mal bekommt meine imaginierte Pettersson-und-Findus-Welt einen kleinen Riss. Ich probiere, ehrlich mit mir zu sein: Wahrscheinlich würde ich mich an diesem Ort zu Tode langweilen.

    Immer dort, wo Ideale mit der Realität kollidieren, lösen sie sich ein Stück weit auf. In einer kultigen Kneipe feststellen, dass man den Gestank von Rauch, Bier und Schweiß hasst. Beim glänzenden Sonnenuntergang am Strand in Thailand bemerken, dass es zuhause vielleicht doch ganz schön ist. Es macht nur so lange Spaß, Hemingway zu sein, wie die Leber mitmacht.

    Eigentlich eine banale Erkenntnis. Um mich in Zukunft an sie zu erinnern, kaufe ich eine Postkarte. Die kann ich mir immer anschauen, wenn ich es mal vergesse.

    Vier Tage später. Wir sitzen auf der Fähre, die uns zurück zur Hauptinsel bringt. Noch immer ist es windig. Die Zeit war schön, die Insel wie aus einem Bilderbuch.

    Wieder in Deutschland. Das Land versinkt im Schneechaos, wir warten ewig auf unser Gepäck, ein paar frustrierte Reisende beschimpfen das nicht weniger frustrierte Flughafenpersonal, alle haben schlechte Laune und dann fällt auch noch der Zug aus – und sofort möchte ich zurück auf die einsame Insel. Ich seufze und ziehe die Postkarte hervor.

     

    Titelbild: Henning von Wulffen

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