• Menü
  • Licht bringen, Halt geben

    Über den ambulanten Pflegedienst ServicePflege und Menschlichkeit im Pflegealltag

    Der ambulante Pflegedienst ServicePflege unter Leitung von Andreas Märten versucht der Dunkelheit des einsamen Altwerdens entgegenzuwirken. Bei dem Unternehmen handelt es sich um einen stadtteilorientierten Service- und Krankenpflegedienst in der Residenz am Zoo. Der Pflegedienst trägt zur Unterstützung im Alltag älterer Menschen bei, indem diese Hilfe bei der Körperpflege, Nahrungsaufnahme, Behandlungsleistungen und Begleitungen erhalten. Hilfeleistungen erhalten sowohl Menschen innerhalb des Hauses, als auch Hilfsbedürftige in einem Umkreis von knapp zwei Kilometern. Neben den Pflegefachkräften werden für die Arbeit auch Betreuungskräfte, Hauswirtschaftsbeschäftigte und Bürotätige hinzugezogen, die eng mit Ärzt*innen und Krankenpfleger*innen zusammenarbeiten.

    „Die Leute sind dankbar“

    Daniel Schulz ist seit elf Jahren Pflegefachkraft, Praxisanleiter und Wundexperte bei ServicePflege. Er habe einen Weg gesucht, um seine Arbeitskraft einzusetzen und diesen in der Pflege gefunden, erklärt er. Kollegin Claudia Vonthin, Sozialassistentin und seit 17 Jahren im Unternehmen, habe es nach ihrer Schwangerschaft „verpasst, nochmal die richtige Ausbildung zu machen“ und sei so bei ServicePflege gelandet. Beide sind zufrieden mit Beruf, Unternehmen und Unternehmensleitung. Schulz erklärt warum: „Natürlich haben alle ihre eigenen Vorstellungen, aber man merkt dann schon, dass man an einem Strang zieht.“ Das Ziel: Den Menschen soll es gut gehen, und sie sollen so lange wie möglich selbstständig bleiben, natürlich im Rahmen ihrer Möglichkeiten.
    Claudia Vonthin schließt sich dem an. Das Wichtigste sei sowieso das, was man von den Menschen zurückbekommt: „Die Leute sind dankbar. Beispielsweise, wenn weniger mobile Menschen aus dem Krankenhaus entlassen werden und wir sie gemeinsam dabei unterstützen, wieder selbstständig zu werden.“ Gemeinsam – ein passenderes Wort lässt sich kaum finden, denn aufgrund der Größe des Unternehmens ist das Klima familiär: „Wir kennen uns alle sehr gut. Jeder weiß, wie der andere tickt. Ich glaube, deswegen funktioniert die Teamarbeit auch sehr gut.“

    „Ohne wäre ich alleine geblieben“

    Ähnliches berichtet Daniel Brauner, der die mittwochs stattfindende Kaffeerunde begleitet, heute werden hier Plätzchen gebacken und verziert. Die Kaffeerunde ist – neben Gedächtnistraining, Spielenachmittagen, Sportgymnastik sowie Ausflügen und anderen Aktivitäten im Rahmen der ServicePflege aktiv – ein fester Bestandteil des Programms. Während einige der Teilnehmer*innen offen auf andere zugehen, berichtet eine Dame von der Zeit, bevor sie die ServicePflege-Angebote für sich nutzte: „Ich bin hier eingezogen und alle zogen sich in ihre Wohnungen zurück. Ich dachte mir, dass das hier eher ein Krematorium ist.” Auch Daniel Schulz und Claudia Vonthin bestätigen, dass Einsamkeit ein großes Problem in der Altenpflege ist.
    Heute sitzt dieselbe Dame zusammen mit ihren langjährigen Freundinnen in der Kaffeerunde und sie stechen gemeinsam Plätzchen aus: „Ohne diese Möglichkeit hier, wäre ich vollkommen alleine geblieben.” Daniel Brauner unterstützt sie. Er unterhält sich mit ihr und reicht die nötigen Utensilien zum Verzieren herüber. Brauner schätzt sehr, dass das Unternehmen ihm die Möglichkeit gibt, auf diese Weise mit den Menschen zu arbeiten. Das mache ihm große Freude. Selbst Außenstehenden falle auf, dass hier ein besonderer Raum geschaffen wurde, denn die unterschiedlichsten Leute treffen hier aufeinander. Alle Plätzchenbäcker*innen sind über 80 Jahre alt, manche auch über 90 und es fühlt sich so an, als würde sie die Abwechslung jung und aufgeweckt halten. Eine Teilnehmende berichtet von ihrer Zeit als Biologin und Chemikerin, eine andere schwärmt von ihrer Familie oder erzählt, wie sie sich als Schweißerin in einem Männerbetrieb durchgesetzt hat. Doch der Pflegedienst konfrontiert die Mitarbeiter*innen auch oft mit schweren Themen, besonders bei der Betreuung der Nachkriegsgeneration.

    „Sie würden ein Strumpfloch stopfen“

    Daniel Schulz spricht von der Schwierigkeit mancher Menschen, Hilfsangebote in vollem Maße anzunehmen. Er erklärt: „Viele der Menschen, die wir betreuen, überlegen sehr genau, welche Unterstützung sie in Anspruch nehmen. Sie versuchen häufig, möglichst vieles selbst zu erledigen.
    Einige gehören zu der Generation, die im Kriegswinter 1944/1945 als kleine Kinder mit ihren Familien flüchten musste, beispielsweise aus Schlesien oder Pommern – und Erfahrungen gesammelt hat, die laut Schulz bis heute nachwirken und auch ihren Umgang mit Alltagssituationen prägt. Wenn diese Generation Geschichten erzählt, dann seien das für ihn häufig echte Gänsehautmomente. „Wenn ich ein Loch im Strumpf habe, dann werfe ich den weg. Die Generation würde ihn stopfen“, meint er. Wenn man im Pflegebereich arbeitet, müsse man manche Themen vor der Haustür lassen, bestätigen auch seine Kolleg*innen Claudia Vonthin und Daniel Brauner.

    Fachkräftemangel in der Ambulanz

    Ein weiteres schwieriges Thema für die Branche ist der Fachkräftemangel. Laut dem Institut der Deutschen Wirtschaft werden bis 2027 rund 36.000 Pflegekräfte fehlen. Besonders bei kleinen Unternehmen sei es schwieriger geworden, führt Daniel Schulz aus. Aus der Hoffnung auf erhöhte Sicherheit würden sich Auszubildende lieber Stellen im stationären Bereich suchen. Trotzdem ist er davon überzeugt, dass sich die Voraussetzungen, wie Bezahlung, für die Arbeit in der Pflege verbessert haben.
    Die Arbeitszeiten haben sich weniger verändert – Claudia Vonthin beginnt donnerstags um sieben Uhr morgens ihre Tour zu den im Umkreis lebenden Pflegebedürftigen. Kompressionsstrümpfe anziehen, bei der Medikamenteneinnahme unterstützen und Waschen und Umziehen gehört zu Vonthins häufigsten Aufgaben: „Und Reden, das ist sehr wichtig, besonders, wenn manche Leute niemanden mehr haben.“

    „Sie sind eine wahre Bereicherung”

    Eine Dame bekräftigt: „Es wird Zeit, dass endlich berichtet wird, was diese Menschen alles für uns tun. Sie sind eine wahre Bereicherung.“ Egal ob ein Weltenbummler, ein Arzt, ein Kabarettist oder eine Hausfrau – diese Menschen haben die verschiedensten Wege im Leben eingeschlagen und trotzdem- keiner entkommt dem Lauf der Zeit. „Altwerden ist nichts für Feiglinge“, fasst Vonthin passend zusammen.

     

    Titelbild: Joana Lehr

    Hochschuljournalismus wie dieser ist teuer. Dementsprechend schwierig ist es, eine unabhängige, ehrenamtlich betriebene Zeitung am Leben zu halten. Wir brauchen also eure Unterstützung: Schon für den Preis eines veganen Gerichts in der Mensa könnt ihr unabhängigen, jungen Journalismus für Studierende, Hochschulangehörige und alle anderen Leipziger*innen auf Steady unterstützen. Wir freuen uns über jeden Euro, der dazu beiträgt, luhze erscheinen zu lassen.

    Verwandte Artikel

    Wenn Dunkelheit unter die Haut geht

    Von Winterblues, Vitamin D und Antriebslosigkeit.

    Thema | 25. Februar 2026

    „Der Erfolg ist die Gemeinschaft“

    Kunstdruckverkäufer Andrew Gray über seine Arbeit.

    Interview | 22. Februar 2026