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  • Der Februar, der nie endet

    Ein Raum voller Fotografien. Ein Blick in bekannte Augen. Und ein Monat, der zum Zustand wurde.

    Während sich in der Bibliotheca Albertina während der Prüfungszeit noch immer eine Vielzahl von Studierenden über Laptops und Notizen beugt, führt mich mein Weg nicht in den Lesesaal, sondern in einen kleinen, nur spärlich beleuchteten Ausstellungsraum. Rundherum hängen Fotografien: Porträts junger Menschen aus Kyjiw, Tschernihiw, Cherson, Sumy und Charkiw, aufgenommen während der vollständigen Invasion Russlands. Die Ausstellung ist Teil der Ukrainian Week in Leipzig – eine Woche mit Diskussionen, Filmvorführungen, Ausstellungen, und Begegnungen – und trägt den Titel „Coming of Age Amidst War // Ukrainian Portraits“.

    Unter scheinbar alltäglichen Motiven – spielende Kinder auf dem Spielplatz, Spaziergänge durch die Stadt, Sommertage am Fluss, Sportunterricht in der Turnhalle – finden sich Bilder, die die Veränderungen, die der Krieg für Kindheit und Jugend mit sich gebracht hat, nicht verbergen.

    Teenager aus der Hauptstadt stehen mit Plakaten bei einer Demonstration für das Recht ukrainischer Soldaten auf Rückkehr aus russischer Gefangenschaft. Auf einem anderen Foto absolvieren ein 19-jähriger Junge und ein Mädchen eine Ausbildung in territorialer Verteidigung. Ein weiteres Foto zeigt einen 20-jährigen Soldaten in einem Bunker, der die letzten zwei Jahre an der Front gekämpft hat. Und hier ein Foto von Kindern um den Sarg ihrer Freundinnen, Zwillingsschwestern, die bei einem russischen Raketenangriff getötet wurden.

    Keines dieser Bilder lässt kalt. Und doch ist es etwas anderes, das mich nicht loslässt: die Augen.

    Ich kenne keines dieser Kinder persönlich. Aber ihre Augen, ihre Blicke… es scheint mir, als kämen sie mir doch bekannt vor. Es ist, als sähe ich in meine eigenen Augen.

    Kyjiw, 24. Februar 2014.

    Die achtjährige Vlada in Kyjiw, kurz nach dem Ende des Euromaidan.

    Zwei Tage nach dem Ende der Revolution der Würde, auch bekannt als Euromaidan. Ich bin acht Jahre alt und trage meine liebste silberne Hello-Kitty-Jacke, wegen der ich damals den Spitznamen „Kosmonautin“ bekam – obwohl ich nie ins All wollte. Ich stehe auf dem zentralen Platz der Stadt, dort, wo sich nur wenige Tage zuvor Ereignisse zugetragen haben, die für die Geschichte meines Landes von Bedeutung sind, an dem Menschen für die Freiheit von der banditenhaften prorussischen Regierung gekämpft und ihr Leben gegeben haben, damit das Land eine Chance auf Demokratie und Unabhängigkeit hat. Der Platz ist übersät mit Barrikaden, herausgerissenen Pflastersteinen, verbrannten Fassaden, Fahnen und Plakaten.

    Das Foto von diesem Tag – und einige verschwommene Eindrücke, die meine Kinderaugen festgehalten haben – sind im Grunde alles, was mir in Erinnerung geblieben ist. Damals konnte ich nicht ahnen, dass dieser Tag kein isoliertes Datum bleiben würde. Dass ab diesem Februar die Krim okkupiert und der Donbas angegriffen werden würde. Und dass der 24. Februar acht Jahre später, 2022, ein zweites Mal Geschichte schreiben würde.

    Von da an begann der Februar, der nie endet. Nicht vor vier Jahren. Sondern vor ganzen zwölf.

    Wahrscheinlich ist „endless February“ für manche nur eine Zeile aus einem Taylor Swift-Song, zu der man ästhetische Instagram-Reels sehen kann. Für Ukrainerinnen und Ukrainer ist der endlose Februar kein literarisches Bild. Er ist Biografie.

    Endloser Februar ist ein Morgen, an dem du zum ersten Mal den Klang einer Luftschutzsirene hörst.

    Endloser Februar ist das Packen eines Koffers, ohne zu wissen, ob es ein Abschied für Tage, Monate oder für immer ist – ob es noch ein Zuhause geben wird, in das man zurückkehren kann.

    Endloser Februar ist das ständige Überprüfen von Nachrichten, das Zählen von Namen, das Hoffen auf eine Antwort.

    Endloser Februar ist das Warten auf die Wiederherstellung von Strom, Wasser und Wärme für mehrere Tage bei minus zwanzig Grad nach regelmäßigen Angriffen Russlands auf die kritische Infrastruktur.

    Endloser Februar ist eine Kindheit, die nicht in Schuljahren gemessen wird, sondern in Offensiven und ebenso endlosen diplomatischen Verhandlungen, während die Menschen weiter sterben.

    Endloser Februar ist das Erwachsenwerden mit einem Datum im Kopf, das sich unauslöschlich eingebrannt hat.

    Und als ich in Gedanken zur Fotoausstellung zurückkehre, alleingeblieben im Saal, drehe ich mich um mich selbst herum. Überall begegnen mir Augen.

    Augen einer Generation, die in diesem endlosen Februar aufgewachsen ist.

    Augen, die gelernt haben, mit Unsicherheit zu leben.

    Augen, die älter wirken, als sie sein sollten.

    Vielleicht ist der Februar für andere nur ein Monat. Für uns ist er eine Wunde, die nicht aufhört zu bluten. Wir können nicht einfach die Augen schließen und uns von dieser Realität abwenden. Ich hoffe, ihr auch nicht.

    Fotos: vk

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