„Ich arbeite, um frei zu sein.“
Kunstdruckverkäufer Andrew Gray über seine Arbeit.
Er möchte sein Leben nicht mit einem Job verschwenden, den er hasst – der 62-jährige Künstler und Kunstdruckverkäufer Andrew Gray, ursprünglich aus Großbritannien, hat sich diesen Traum erfüllt. Unter den Student*innen ist er dafür bekannt, dass er ein- oder zweimal pro
Semester auftaucht und Drucke verkauft – von Filmplakaten für „Back to the Future“ über
provokante Bilder in Toiletten bis hin zu Basquiat-Drucken. Als Künstler hatte er einige Probleme, trotzdem konnte er dem Berufsfeld nicht ganz entsagen. Den luhze Autorinnen Joana Lehr und Mia Peintinger erzählt er mehr über seine Arbeitsphilosophie.
luhze: Wie würden Sie Ihren Beruf beschreiben und wie kamen Sie dazu?
Gray: Ich hatte noch nie in meinem Leben einen Job und ich hatte lange Zeit kein Geld. Deswegen wurde ich depressiv und meine Ärztin sagte mir, ich solle
Kompromisse eingehen und etwas „Normales“ machen. Der Verkauf von Postern
war meine Antwort auf ihre Worte und das mache ich nun schon seit 32 Jahren.
Auch habe ich nie für ein Unternehmen gearbeitet, sondern nur für mich selbst und es macht mir Spaß.
Ich verkaufe immer blockweise für 13 Wochen an verschiedenen Universitäten die Poster. Zwischen diesen Arbeitsphasen, in meiner Freizeit, tanze ich dann meistens. Aber ich
vermisse es auch Poster zu verkaufen, vermisse all die Menschen. Aber jedes Mal
wird mir klar, dass ich dann die Freiheit habe, mich mit meinen Freund*innen zu treffen und zu
tanzen, und dann bin ich schnell darüber hinweg. Ich könnte nicht die ganze Zeit arbeiten, es
braucht eine Balance.
Wie verlief der Jobwechsel vom Künstler zum Verkauf von Kunstdrucken?
Wenn man Künstler ist, macht man das nicht wegen des Geldes, sondern weil man kommunizieren will und weil man eine Leidenschaft dafür hat. Trotzdem wurde mir irgendwann klar, dass man im Kapitalismus Geld braucht. Über einen Freund bin ich dann zu dieser Tätigkeit gekommen. Ich habe in Frankreich angefangen, dann habe ich Deutschland und andere Länder für mich entdeckt.
Warum verkaufen Sie die Poster an Universitäten und nicht woanders?
Ich wähle das Umfeld, in dem ich arbeite, denn wenn ich etwas für Geld mache, muss es angenehm sein. Einmal habe ich an die Öffentlichkeit verkauft und hatte eine ganz andere Erfahrung. Das hat mir überhaupt nicht gefallen. Mit Student*innen kann ich nette Gespräche führen, hochwertige Interaktionen haben, und sie
schätzen die Dinge, die ich habe, die Kunst. Die Öffentlichkeit hingegen braucht das
nicht wirklich.
Wie wählen Sie die Motive für die Drucke aus?
Hauptsächlich geht es natürlich nach Beliebtheit, jedoch können 5 oder 10 % der Bilder Motive haben, die ich auswähle und die nicht
kommerziell sind. Das führt zu tollen Gesprächen. Wie vor ein paar Wochen mit einer Studentin, die ein bestimmtes Bild mit arabischer Schrift für ihre Mutter kaufte. Es freute mich, dass es einen hohen sentimentalen Wert für sie hatte, deswegen ist es okay, wenn ich vielleicht weniger davon verkaufe, als von bekannten Filmpostern.
Wann kamen Sie dann nach Leipzig und was ist Ihr Eindruck von der Stadt?
Ich habe 1996 zum ersten Mal in Leipzig verkauft, die Mauer war also erst ein paar Jahre zuvor gefallen. Ich kam hierher und Straßen waren noch aus Stein. Die Student*innen waren gleich sehr offen, sie haben mir sogar angeboten, bei ihnen zu übernachten. Das hätte im Westen niemand gemacht. Ich habe das Gefühl, der Osten ist etwas bodenständiger, weniger kommerziell. Deswegen hatte ich sofort ein gutes Gefühl bei diesem Ort, es ist einer meiner Lieblingsorte zum Verkaufen.
Was sind die anderen Favoriten?
Insgesamt muss ich sagen, dass Österreich mein Lieblingsort ist, weil die österreichischen Student*innen irgendwie nett und umgänglicher sind. In Deutschland habe ich viele Kund*innen, die mich vor der Bestellung nicht einmal begrüßen, aber in Österreich fragen mich alle, wie es mir geht. Vor allem Tirol ist der entspannteste Ort, an dem ich je gewesen bin. Ich verkaufe dort genauso viele Poster wie anderswo, aber irgendwie fällt es mir leichter, ein langsameres Tempo anzuschlagen.
Ist es schwer für Sie, so viel zu reisen?
Ja, das ist es, aber manchmal ist es auch toll. Als ich zum Beispiel am Sonntag von Frankfurt nach Leipzig kam, war es ein schöner sonniger Tag und ich habe die Reise genossen. Als ich jünger war, habe ich verrückte Autofahrten unternommen, aber jetzt versuche ich, meine Route wirklich so zu planen, dass ich möglichst wenig reisen muss. Aus ökologischen Gründen, aber auch, um sicherzustellen, dass ich auf meine Bedürfnisse höre
und mich nicht nur darauf konzentriere, härter zu arbeiten. Es ist wichtig, auf sich selbst zu achten.
Wo leben Sie, wenn Sie nicht arbeiten?
Ich habe ein Haus in England, aber durch den Brexit hat sich alles verändert, sodass ich jetzt auch in Deutschland wohnhaft bin. Ich lebe mit einem Freund in der Nähe von Düsseldorf und verbringe jetzt mehr Zeit in Deutschland als in England. Ich bin immer noch dabei, mit den Auswirkungen des Brexits zurechtzukommen.
Was war Ihr Traumjob, als Sie aufgewachsen sind?
Mein Traumberuf war es, Philosoph zu werden. Als ich jung war, interessierte ich mich nur für ernste Themen, über die andere Kinder nicht sprechen wollten. Dann entdeckte ich Bücher für mich und studierte Literatur und Philosophie. Aber etwas fehlte. Man muss das Gelernte selbst erleben, in Kontakt mit Menschen treten. Das habe ich getan, ich habe die Welt entdeckt. Ich begann zu trampen und kam mit 15 Jahren ohne Geld in der Tasche bis nach Spanien. Natürlich hatte ich Angst, ich weinte nachts. Ich war einsam, aber ich traf Menschen, die mir etwas gaben, eine Gemeinschaft. Außerdem konnte ich auf der Straße zeichnen und Geld für Essen verdienen. So habe ich gelernt, keine Angst vor der Welt zu haben.
Was ist Ihre Arbeitsphilosophie, welche Rolle spielt Freiheit ihrem Beruf?
Für mich ist es Freiheit, hier bei der Arbeit zu sein. Das ist meine wertvollste Zeit. Hier
knüpfe ich Kontakte. Ich habe kein Bedürfnis, mich abends mit jemandem zu treffen oder
auszugehen, weil ich den Tag mag. Ich mag es, wenn wir frisch und lebendig sind und ich
kann tagsüber inspirierende Gespräche führen. Was ich durch diese Arbeit gelernt habe, ist, dass wir soziale Wesen sind und dass wir am meisten davon profitieren, wenn wir mit anderen Menschen interagieren. Ich könnte nie einen regulären Beruf haben, vor allem wenn ich sehe wie andere, beispielsweise mein Vater, darunter leiden. Aber man kann das System, in dem wir leben auch nicht komplett ablehnen. Wir müssen es akzeptieren, aber dann Lösungen finden, die für uns funktionieren.
Wie würden Sie Erfolg in Ihrem Beruf beschreiben?
Das ist eine Frage, die ich mir gerade stelle, denn im Moment ist es in Bezug auf meine Verkaufszahlen sehr erfolgreich. Aber der wahre Erfolg ist nicht, wenn Leute ein Bild kaufen, sondern wenn ich an der Universität stehe und tagsüber viele Student*innen stehen bleiben und mit mir sprechen, weil sie mich zweimal im Jahr sehen. Außerdem versuche ich, eine bestimmte Atmosphäre zu schaffen, und die Leute erkennen das und danken mir für meine Arbeit. Das ist Erfolg: diese Gemeinschaft, die ich überall spüre, diese geteilte Verletzlichkeit. Ich könnte auch mehr verdienen, aber ich möchte nicht. Das ist auch eine Art Freiheit: nein zu mehr Geld und mehr Arbeit zu sagen. Ich arbeite, um frei zu sein.
Titelbild: Mia Peintinger
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