Vergessen & Verraten von zwei Ländern – Die grausame Geschichte der Ostjuden
Die Geschichte der Polenaktion 1938 ist aus der deutschen Erinnerungskultur nahezu verschwunden. Warum sind die ersten grausamen Testaktionen der Nationalsozialisten und deren Opfer nicht bekannt?
Es ist ein kalter und grauer Donnerstagabend als ich mich auf dem Weg zu der Ausstellung „Ausgewiesen – Geschichte der Polenaktion 1938“ mache. Diese steht kurz vor ihrem Ausstellungschluss und hat die öffentliche Aufmerksamkeit schon hinter sich gelassen. Die Ausstellung konnte vom 12. November 2025 bis zum 12. Januar 2026 an der Leipziger Volkshochschule besucht werden. Organisiert wurde diese von dem Referat der Strategischen Kulturpolitik der Stadt Leipzig. Finanziert wurde sie von der Professur für Kultur und Geschichte Mittel- und Osteuropas an der Europa-Universität. Sie handelt von der Polenaktion 1938, einer Ausweisung von Jud*innen nach Polen. Folgen: Hunger, Hass und Existenzängste.
Doch möchte ich lieber am Anfang beginnen. Denn die Polenaktion ist nicht wirklich bekannt. Eigentlich habe ich bis zu dieser Ausstellung noch nie von ihr gehört und das trotz kultureller Verbindung und Aufklärungsarbeit im privaten Leben. Aber wie kann das sein?
Die Polenaktion war der erste Test der Massenausweisung von Jud*innen in Deutschland, eine Übung für die später folgende Deportation in Konzentrationslager. Die Ausstellung bestand aus tristen Pappaufstellern und einem zur Verfügung gestellten Flur, was die damalige Grausamkeit in ihrer Kargheit widerspiegelt. Die Pappaufsteller zeigten die unterschiedlichen Stationen, die letztendlich zu der Polenaktion 1938 führten. Auch konnten einige Familiennamen und deren Schicksal recherchiert werden, doch ein Großteil der Biografien der Opfer ging verloren. 5.000 Jud*innen waren aus Leipzig betroffen, 16 Familiennamen und Schicksale konnten rekonstruiert werden – ein meiner Meinung nach trauriger und bitterer Fakt. Umso wichtiger erscheint es den ermordeten Jud*innen einen Namen und vor allem ein Gesicht zu geben. Dies geschieht meiner Meinung nach viel zu selten und gerade dies hebt die Ausstellung mit wertvoll und sorgfältig recherchierten Fotografien und Biografien hervor.
An den verschiedenen Stationen der Ausstellung lernte ich, dass sich die später ausgewiesenen Jud*innen auf den Weg von Polen nach Deutschland machten. Diese nahmen eine doppelte Staatsbürgerschaft an. Doch langsam etablierte, sich in der deutschen Gesellschaft das vom NS-Regime verbreitete und festgelegte narrativ des „Ostjuden“. Der Ostjude galt damals nicht nur als Jude, sondern auch als ein Ostmensch. Ostmenschen wurden von dem NS-Regime damals auch „Untermenschen“ genannt. Jegliche Menschlichkeit und jeglicher Mehrwert wurden den (Ost)Jud*innen, somit abgeschrieben.
Weiter lerne ich das ein fataler Vorreiter für die Ausweisungen das polnische Märzgesetz war. Dieses veranlasste die Aberkennung der polnischen Staatsangehörigkeit von Jud*innen die länger als 5 Jahre in anderen Staaten gelebt haben. Die deutsche Regierung nutze dieses, um die polnischen Jud*innen später ausweisen zu können. Es folgte die erste Ausweisung der Jud*innen aus Deutschland. Doch aufgrund des Märzgesetzes waren diese unter schrecklichen humanitären Bedingungen zwischen den Grenzen gefangen, ohne polnische oder deutsche Staatsangehörigkeit. Dazu kam das viele der Jud*innen weder polnisch noch jiddisch sprachen, da sie ihr Leben in Deutschland aufgebaut hatten. Somit war die Jud*innen a staatslos und wurden ebenso behandelt.
Die internationale Presse reagierte auf die Ausweisungen mit Kritik, doch die Ausschreitungen der Novemberpogrome ließen sie schnell in Vergessenheit geraten. Vor Ort probierten Hilfsorganisationen mit Essen und Kleidung zu helfen, ein besonderer Fokus lag auf den betroffenen Kindern. Zwischenzeitlich kam es teilweise zu einer kurzeitigen Rückkehr nach Deutschland, denn aufgrund von bürokratischem Problem durften manche Jud*innen nochmal zurück um ihre geschäftlichen Affairen, Geldgeschichten und administrativen Verantwortungen auf bürokratischem Wege korrekt abzugeben. Darauf folgte dann die zweite Polenaktion. Manchen Ausgewiesenen gelang es noch vor dem Überfall von Deutschland auf Polen dieses fluchtartig zu verlassen, doch diese stellten eine Minderheit dar. Die Polenaktion geriet unter den Grausamkeiten des NS-Regimes in Vergessenheit.
Schlussendlich verlasse ich die Ausstellung mit einem bitteren Gefühl im Magen und dem Wunsch nach mehr Aufmerksamkeit für dieses in Vergessen geratene Ereignis. Die Ausstellung leistete einen wertvollen Beitrag zur Aufklärungsarbeit und zu der Erinnerungskultur. Gerade in heutigen Zeiten, wo antisemitische Haltungen vermehrt wieder vorkommen, ähnliche narrative und verhärtete rassistische Fronten in unserer Gesellschaft aufeinandertreffen, ist es wichtig sich zu erinnern. Wir sind alle Menschen und es kann mit einem Narrativ und ersten Ausweisung starten.
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