Die 90er haben angerufen…
: … und bringen nicht nur ihre Styles zurück, sondern auch Zigaretten und alte Körperideale. Warum Mode, Popkultur und Rauchen gerade wieder gefährlich nah zusammenrücken.
Modemagazine schreiben gerade, dass Styles der 90er und 2000er zurück sind und feiern das mit Baggy-Jeans, Wide-Leg-Hosen, Crop-Tops und Plateau-Schuhen.
Das ist nicht nur eine modische Retro-Bewegung, auch die Ideale, die sie einst geprägt haben, werden wieder aktuell. Die Looks werden bis auf die kleinste Naht betrachtet, die Models darunter beinahe übersehen.
Doch mit den Styles kommen auch die Körperbilder von damals zurück.
Vor ein paar Tagen zeigte sich die Modebranche auf der Berlin Fashion Week und dabei wurde bei genauerem Hinsehen etwas deutlich: Size Zero ist zurück. Die Tagesschau sprach schon an Tag 2 des wichtigsten deutschen Modeevents von einer „Rückkehr der Magermodels“. Diversity und Body Positivity seien nicht mehr gefragt, stattdessen werden extrem dünne Models auf den Laufstegen der Welt wieder zur Norm.
Schon im vergangenen Jahr waren etwa 97 Prozent aller Looks auf den großen Fashion Weeks in Paris, New York, London und Mailand auf sogenannte Straight Sizes ausgelegt, zeigte eine veröffentlichte Analyse des Magazins Vogue Business. Straight Sizes entsprechen etwa den deutschen Kleidergrößen 32 und 34, vereinzelt auch 36. Damit war der Anteil an Normal- oder Übergrößen verschwindend gering.
Mit Size Zero erlebt auch der sogenannte Heroin Chic der 90er-Jahre ein Comeback: Ein Look, der durch einen kränkliches, abgemagertes Aussehen mit blasser Haut und Augenringen gekennzeichnet war, angelehnt an das Erscheinungsbild bei einer Heroinabhängigkeit.
Und während sich Körperideale erneut verengen, verläuft eine andere Entwicklung auffällig parallel.
Wir rauchen (wieder) mehr – und auch das passt zur Mode
Noch in den 90ern rauchten laut des Bundesministeriums für Gesundheit knapp 30 Prozent der 12- bis 17-Jährigen und fast jede*r zweite junge Erwachsene. Besonders bei Mädchen und jungen Frauen stiegen die Zahlen damals deutlich an. Zigaretten standen für Freiheit, Erwachsensein und Rebellion – sie waren sichtbar, akzeptiert und Teil der Popkultur.
Mit den 2000ern änderte sich das. Das Bewusstsein für gesundheitliche Folgen wuchs, Warnhinweise wurden Pflicht, Rauchverbote in öffentlichen Verkehrsmitteln und Behörden folgten. Die Freiheitsstimmung der Nineties verlor an Glanz und der Tabakkonsum sank kontinuierlich.
Parallel dazu gewann in den 2010ern die Body-Positivity-Bewegung an Bedeutung. Nachdem im deutschen Raum ab 2012 der Hashtag #bodypositivity Plattformen wie Instagram flutete, wurde mehr Vielfalt in der Mode gefordert. In den Jahren vor der Corona-Pandemie stieg die Anfrage nach unterschiedlichen Körpergrößen, Körperformen, Hautfarben oder speziellen Markern.
Auch Formate wie Germany’s Next Topmodel griffen diesen Zeitgeist auf. Seit der 17. Staffel im Jahr 2022 setzt Heidi Klum verstärkt auf Diversität, indem Kandidat*innen unterschiedlicher Körpergrößen, Konfektionsgrößen und Altersgruppen präsentiert wurden. Ein Jahr später gewann das erste Curvy-Model die Show. Doch dieser Trend scheint zu kippen. Spätestens im vergangenen Jahr wurde deutlich, dass die Nachfrage nach Diversität und die Akzeptanz verschiedener Körpertypen zurückgegangen ist. Die beiden Gewinner*innen der 20. Jubiläumsstaffel: groß, dünn, blond, weiß und scheinbar makellos.
Mit den Styles scheinen also auch die Körperbilder von damals zurückzukehren. Historisch betrachtet waren kaum erreichbare Schönheitsideale nie zufällig, sondern ein Mittel, um Frauen zu verunsichern, sagt die Berliner Professorin für Modejournalismus Diana Weis gegenüber der Tagesschau.
Auch auf den Social-Media-Plattformen bewegt sich der Trend wieder hin zu extrem schlanken weiblichen Körpern. Und mit dem Erstarken konservativer Politik, werden Frauen wieder gezielt in traditionelle Rollenbilder zurückgedrängt.
Vielleicht ist Rauchen deswegen wieder zum Ausdruck selbstbestimmter Gleichgültigkeit gegenüber dem eigenen Körper geworden und zum Ausruf von Rebellion, ähnlich wie in den 90ern. Andererseits hemmt das in Zigaretten enthaltene Nikotin den Appetit und somit kann Rauchen auch ein Mittel sein, das Schönheitsideal schlanker Körper zu erreichen und zu bestätigen.
Warum wir gerade überall rauchende Menschen sehen
Um das Jahr 2020 lag der Tabakkonsum unter jungen Menschen auf einem historischen Tiefstand laut Angaben des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit. Doch seit 2021 greifen immer mehr Jugendliche und junge Erwachsene (wieder) zur Zigarette, Tendenz steigend. Zurückzuführen ist das vor allem auf die Stressbelastungen in den Pandemie-Jahren. In dieser Zeit hätten junge Menschen Kontrollverluste erlebt, soziale Beziehungen vermisst und sich Sorgen um ihre Zukunft gemacht, schreibt die Deutsche Apotheker-Zeitung.
Aber auch die Mode spielt dabei eine Rolle. Auf der Pariser Fashion Week vergangenen Herbst machten Modelabels wie Enfants Riches Déprimés und Eckhaus Latta Zigaretten bewusst zum Stilmittel und ließen ihre Models rauchend über die Laufstege laufen.
In der Popkultur nutzen insbesondere weiblich gelesene Popstars wie Charli XCX, Sabrina Carpenter und Lorde die Zigarette als Stilmittel in Musikvideos und Lyrics, um Coolness, Nostalgie oder Rebellion zu inszenieren. In Filmen und Serien sind ebenfalls (wieder) vermehrt rauchende Figuren zu sehen. Eine bereits 2022 veröffentlichte Studie, die den Tabak- und Alkoholkonsum in Filmen und Serien auf Netflix untersucht hat, bestätigt, dass „recently released movies have increased incidence of drinking and smoking scenes“.
Gleichzeitig hat die Streaming-Nutzung von Filmen, Serien und Musik seit 2020 stark zugenommen – und mit ihr die Bilder von rauchenden Körpern, die Coolness, Gleichgültigkeit und Unberührbarkeit ausstrahlen.
Mode und Popkultur spiegeln unsere Gesellschaft wider und reflektieren kulturelle Werte, Stimmungen und Machtverhältnisse. Wenn extrem schlanke Körper, Erschöpfung und Selbstschädigung wieder ästhetisiert werden, egal ob durch Hungern oder Rauchen, dann ist das kein Zufall. Es ist Ausdruck eines Zeitgefühls, das Erschöpfung und Selbstschädigung als Kontrolle, Coolness und Gleichgültigkeit gegenüber der eigenen Gesundheit neu romantisiert.
Rauchen scheint also entweder Gegenbewegung zum Schlankheitstrend oder Teil dessen zu sein.
Was die Zeit aber nicht ändert, sind die gesundheitlichen Schäden. Jährlich sterben in Deutschland laut des Bundesministeriums für Gesundheit über 127.000 Menschen an den Folgen des Tabakkonsums. Fast jede fünfte Krebsdiagnose sei auf das Rauchen zurückzuführen.
Hilfe, mit dem Rauchen aufzuhören, bekommst du unter www.rauchfrei-info.de des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit.
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