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  • Sieben Quadratmeter Verzweiflung

    Eine Kolumne über Macht, Mangel und Menschlichkeit auf WG-Gesucht.

    Vor ein paar Monaten war ich überzeugt, den stressigsten Ort Leipzigs identifiziert zu haben: den Aldi im Hauptbahnhof an einem Sonntagabend. Menschen mit leeren Blicken, vollen Körben und einer Aggressivität, die sich nur durch ausverkaufte Tiefkühlpizza erklären lässt. Boy, was I wrong.

    Der stressigste Ort Leipzigs ist streng genommen gar kein Ort.
    Eher eine digitale Standortbestimmung. Er heißt: WG-Gesucht.

    Sollte es eine Hölle auf Erden geben, dann ist es die WG-Suche in deutschen Großstädten. Schon das Design der App treibt einen an den Rand des Nervenzusammenbruchs – aber das ist Stoff für eine andere Kolumne. Fakt ist: Ab dem ersten April bezieht jemand Neues mein jetziges Zimmer. Wenn ich bis dahin nichts gefunden habe, stehe ich samt Hausrat auf der Straße. Keine Aussicht, die zu Luftsprüngen verleitet. Also begann ich frühzeitig mit der Suche (gottseidank) – und natürlich mithilfe von WG-Gesucht. Wie auch sonst.

    Was mich dort erwartete, war völlige Anarchie. Ein rechtsfreier Raum, in dem sämtliche gesellschaftlichen Normen außer Kraft gesetzt sind. Da sind Anzeigen, die ganz offen zugeben, dass das sieben Quadratmeter große „Zimmer“ bisher als Abstellkammer diente. Da sind mit viel Liebe verfasste Vorstellungstexte, auf die einsilbige Antworten voller Rechtschreibfehler folgen – wenn überhaupt.

    Kolumnistin Greta wünscht sich mehr Menschlichkeit auf der Plattform WG-Gesucht. Foto: privat

    Eine WG forderte mich auf, zunächst einen fünfseitigen Fragebogen auszufüllen, bevor man meine Bewerbung überhaupt in Betracht ziehe. Andere wollten wissen, ob ich eher eine „Kartoffel-“ oder eine „Reis-Person“ sei. Wieder andere meldeten sich nach euphorischem Kennenlernen nie wieder. Ghosting – aber mit Warmmiete.

    Und hat man mehrere Besichtigungen und Kennenlernabende hinter sich gebracht, beginnt das eigentliche Drama: das Warten. Die eine WG will sich „am Montag“ melden und tut es erst am Donnerstag. Die andere verlangt sofortige Zusagen, am besten mit Blut unterschrieben. Und wenn sich ausnahmsweise beide Seiten füreinander entscheiden, gibt es immer noch höhere Mächte: Die Vormieterin zieht doch später aus. Oder eine entfernte Cousine braucht plötzlich genau dieses Zimmer. Schicksal, nennt man das wohl.

    Wohnungssuche ist stressig – das liegt in der Natur der Sache. Der Wohnraum ist knapp, die Nerven liegen blank. Aber vielleicht könnten wir es uns gegenseitig trotzdem ein wenig leichter machen: Antworten. Absagen. Ehrlichkeit. Und ein Mindestmaß an Menschlichkeit.

    Und falls ihr zufällig noch ein freies Zimmer habt: Ich nehme auch die sieben Quadratmeter.

     

    Titelbild: Ravi Sharma

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