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  • Neurodivergenz in der Wissenschaft

    Zwischen Kreativität und Leistungsdruck setzt sich Geophysikerin und Geoinformationswissenschaftlerin Ana Bastos für ein Studienumfeld ein, das besser auf neurodivergente Menschen zugeschnitten ist.

    „Meine direkte Art wurde manchmal kritisiert und als aggressiv wahrgenommen, bei Männern gilt so etwas als positiv.“ Ana Bastos, die an der Universität Leipzig arbeitet und selbst ADHS hat, beschreibt eine Erfahrung, die für viele FLINTA* Personen in der Wissenschaft gelebte Realität ist. Sie ist Professorin für Interaktionen zwischen Land und Atmosphäre. Ursprünglich aus Portugal, hat sie 2015 in Lissabon in Geophysik und Geoinformationswissenschaften promoviert, bevor sie in den USA, Frankreich und Deutschland forschte und lehrte. Dass sie einmal in der Wissenschaft arbeiten würde, stand für sie früh fest, nur das Fachgebiet war anfangs noch unklar. Zunächst studierte sie zwei Jahre lang Physik, brach das Studium jedoch ab. Ein Vortrag über Waldbrände in Portugal weckte ihr Interesse an erneuerbaren Energien und lenkte sie schließlich in Richtung Klimaforschung.

    Im Gespräch erzählt sie offen vom Umgang mit ihrem ADHS. Das fiel ihr anfangs schwer. „Die wissenschaftliche Karriere ist prekär“, sagt sie. „Aber wenn man nicht über Neurodivergenz redet, dann ändert sich auch nichts.“ Heute sieht sie ihre Neurodivergenz als Teil ihrer Stärke und erklärt: „Wenn ich mich für ein Thema interessiere, kann ich mich tief hineinarbeiten und Wissen kreativ verknüpfen.“

    Gleichzeitig kennt sie die Risiken ihrer hohen Lernfähigkeit. Unter dem wissenschaftlichen Leistungsdruck müsse man aufpassen, sich nicht zu überarbeiten. Trotzdem würden Ihre Forschungstätigkeit und Neurodivergenz gut zusammenpassen, denn man brauche Kreativität, um in dem Feld weit zu kommen. Die Kombination aus Neurodivergenz und weiblichem Geschlecht bringe zusätzliche Herausforderungen mit sich: Als neurodivergente Frau würden Eigenschaften wie Direktheit und Ehrgeiz schnell negativ gelesen. „Ab der Postdoc-Phase wird es leider immer männlicher“, beobachtet sie. Entsprechend scheinen FLINTA* Personen häufig stärker performen zu müssen, denn eine Demaskierung bleibt riskant.

    Seit ihrem Lehrstuhlantritt im Mai in Leipzig spricht sie zunehmend öffentlich über ihr ADHS und Erfahrungen mit psychischer Erkrankung. Mit 16 Jahren litt sie an einer Depression und traute sich anfangs nicht darüber zu sprechen, bis Lehrkräfte aktiv das Gespräch mit ihr suchten und von eigenen psychischen Problemen erzählten. Das habe sehr geholfen. „Wenn wir offen über unsere Probleme reden, helfen wir uns gegenseitig“, findet Bastos.

    Nach diesem Prinzip versuche sie ihre Studierenden zu unterstützen. In Stresssituationen wie Klausuren stelle sie ihnen Gummibänder zum stimming zur Verfügung, um Gefühle von Unruhe und Überforderung zu bewältigen. Auch bei Gruppenarbeiten versuche Bastos mit inklusiven Maßnahmen zu arbeiten. Manche Studierende empfinden Gruppenarbeiten als zu stressig, um gut arbeiten zu können. Bastos bekräftigt: „Rein mathematisch, ist eine Gruppe ein Element oder mehr.“

    Im akademischen und schulischen Umfeld sieht sie Verbesserungsbedarf, wenn es um Inklusion geht. Die meisten Lehrkräfte sind nicht dafür ausgebildet, mit Neurodivergenz umzugehen. „Es ist wichtig zu vermitteln, was Neurodivergenz bedeutet, sodass Unterricht für alle inklusiv gestaltet werden kann.“ Klassenzimmer ließen sich anpassen, etwa durch Stehplätze oder Bewegungspausen, und an Universitäten könne man Dozierende und Studierende zusammenbringen, um zu besprechen, was es braucht. „So kann jeder seinen Platz finden“, erklärt Bastos.

    Titelbild: Dr. Ana Bastos, Foto: Antje Gildemeister

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