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  • Aufzüge für alle

    Kolumnistin Elisa ist nach einem Unfall vorübergehend verletzt. Im Uni-Alltag wird ihr dadurch bewusster, dass Barrierefreiheit an so vielen Stellen kaum vorhanden ist.

    Es ging ganz schnell. Vor einer Sekunde saß ich noch an meine beste Freundin geklammert auf dem Motorrad und freute mich über die Freiheit der Geschwindigkeit. Und in der nächsten Sekunde wusste ich nicht mehr, wie ich mich vom Fleck bewegen sollte.

    Der Unfall – das Ergebnis einer etwas zu abenteuerlustigen Aktion auf einer Urlaubsreise – hätte schlimmer ausgehen können. Die gute Reaktion meiner besten Freundin hat schlimmeres als Schnittwunden und einen Bänderriss verhindert. Alles heilbar, alles flickbar – die Sanitäter wirkten fast gelangweilt.

    Den Rettungsdienst hatte eine Einwohnerin gerufen, die – so dachte ich in dem Moment – der Himmel geschickt hatte. Sie hat uns bei aller Heilbarkeit und Flickbarkeit wohl den Arsch gerettet. Immerhin waren unsere Möglichkeiten aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse und steigender Panik eingeschränkt.

    Kurz darauf saß ich zum allerersten Mal in meinem Leben in einem Rollstuhl. Anders wäre ich nicht ins Krankenhaus gekommen. Und nachdem alles vernäht war, mussten wir uns Gedanken machen, wie wir am besten wieder wegfahren. Schließlich gehörten die Rollstühle nicht uns. Und wohin überhaupt, denn der billige Campingplatz mit ewigen Fußwegen und ohne Klobrillen war keine Option mehr.

    Auf einmal mussten wir uns überwinden, ständig Leute um Hilfe zu bitten und unser Budget zu sprengen.

    Kolumnistin Elisa im Urlaub. Foto: Lilly-Pauline Richter

    Zurück in Deutschland ging es mir wieder besser, doch die unumgänglichen Treppen im Institutsgebäude ließen mich nun zweimal überlegen, ob ich eine Veranstaltung besuchen will. Meinen Arbeitsweg konnte ich zwei Wochen lang auch nicht mehr bestreiten – die 20 Minuten Fußweg, die ich sonst immer genieße, machten mir einen Strich durch die Rechnung – und zwar einen gewaltigen, da ich das Geld nach dem Unfall dringend brauchte. Sport als Ausgleich zur Frustration konnte ich auch vergessen, da ich von barrierefreien Sportarten keine Ahnung hatte. Partys deprimierten, weil ich beim Tanzen oder Tischtennisspielen nur zusehen konnte.

    Klar hat es mich schon immer aufgeregt, dass man an manchen Instituten in Leipzig nicht studieren kann, ohne eine Treppe benutzen zu können. Dennoch verstehe ich erst jetzt, was das wirklich für einen Unterschied macht. Genau wie der Fahrstuhl zu meiner Wohnung im fünften Stock.

    Nachteilsausgleiche bringen Studierenden mit körperlichen Behinderungen gar nichts, wenn Institute und WGs nicht barrierefrei zugänglich sind. Als wären WG-Suche und Zulassungsbeschränkungen nicht so schon anstrengend genug. Auch Hochschulsport, Bibliotheken und Socialising-Events können noch einige Barrieren abbauen. Das Referat für Inklusion des Student*innenrats der Uni Leipzig beklagt auf seiner Website, „dass Inklusion trotz des Inkrafttretens der UN – Behindertenrechtskonvention in Deutschland im Jahre 2009 noch lange nicht in der gesellschaftlichen Realität angekommen ist“. Inklusion bedeute, „dass Menschen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen sich nicht mehr integrieren und an die Umwelt anpassen müssen, sondern die Welt von vornherein so ausgestattet ist, dass alle Menschen gleichberechtigt leben können.“

    Mein kurzer Einblick in die Lebensrealität vieler Menschen war ein Aufrüttler: Barrierefreiheit geht uns alle an. Sie ist kein Randgruppenthema, denn fast jeder wird im Laufe seines Lebens einmal auf sie angewiesen sein. Dann sitzen wir alle im gleichen Fahrstuhl. Und wie wir miteinander umgehen, macht uns als ganze Gesellschaft aus – wir sollten uns also jederzeit bemühen, alle einzubeziehen.

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