• Menü
  • Kultur
  • Über Dilettantismus und Genialität: „Gut gemacht!“

    Ein etwas unerklärliches, aber spielfreudiges und eigensinniges Theaterstück wird derzeit in der Residenz des Schauspiel Leipzig aufgeführt.

    Das Stück „Gut gemacht! – Eine Versuchsanordnung über Werteverschiebung“ wurde am 18. Dezember 2025 in der Residenz im Schauspiel aufgeführt, mit Premiere tags zuvor. Das Bühnenbild zeigt ein überdimensioniertes, grellgrünes Billardfeld und einen Schreibtisch mit Totenkopf. Eine bis auf die High Heels splitternackte Frau eröffnet energisch das Stück. Eine etwas bedrückende Atmosphäre entsteht. Schnell wird klar, dass es sich bei diesem Setting um einen verkorksten Gerichtsprozess handelt .

    Billardfeld, Gesang, rote Socken und ein Gerichtsprozess über die Regeln der Kunst. Foto: Rolf Arnold

    Hier sollen die gängigen Spielregeln der Kunst neu verhandelt werden. Ein Choreograph ist angeklagt, ein Gerichtstänzer befangen und die Richterin hantiert ratlos mit dem Totenkopf. Das Billardfeld wird zur Republik erklärt und die herkömmliche Rechtsordnung scheint weit entfernt, während staatliche, körperliche und künstlerische Grenzen neu ausgehandelt werden . Wer sich einen Eindruck dieses nonkonformen, etwas wirren Stückes verschaffen möchte, kann sich die Songs der Berliner Punk-Band „Binninger Birne“ mit Luise Meier anhören, die am Premierenabend spielte .

    Besonders ist die Entstehung des Stückes”: Die vier Schauspielen den Antonia Baehr, Jule Flierl, Hermann Heisig, Claire Vivianne Sobottke, aus Berlin und Leipzig, erarbeiteten „Gut gemacht!” als temporäres Kollektiv in geteilter Autor*innenschaft. Sie kennen sich bereits aus anderen Produktionen und bringen viel Energie mit auf die Bühne. Das Stück ist eine Koproduktion der Residenz Schauspiel Leipzig. mit dem Berliner Theater HAU Hebbel am Ufer und dem französischen Verein “Les Bazis” zur Förderung zeitgenössischer Kunst. Die visuelle Installation kommt von Nadia Lauro.

    In einer Szene werden roten Socken, an- oder aus- oder gar nicht angezogen und in rote Pantoffeln gesteckt, was dann entweder als „gut gemacht“ „schlecht gemacht“ und „nicht gemacht“ betitelt wird. Das grelle Rot der kniehohen Socken auf dem grünen Filz des riesigen Billardtisch bliebt einprägsam in Erinnerung. Es gibt Hundegebell, Gesang, blech Trommeln, zarthafte Tänze und große Gefühlsausbrüche. Oft ein Gurren, komische Klänge und komische Szenen. er Abend verläuft skurril und einzelne Passagen sind so absurd, dass das Publikum laut lacht.

    Gut gemacht, schlecht gemacht oder nicht gemacht? Foto: Rolf Arnold

    Obwohl es die Umrahmung durch den Prozess und das Billardfeld gibt, ist ein großer Zusammenhang zwischen den einzelnen Szenen des Stückes nicht leicht erkennbar. Das Stück wirkt collagiert und ohne stringenten Aufbau. Eine Aufdröselung von allem, was in den Worten des Titels „Gut gemacht!“ steckt – etwa Leistung, Erwartung, Ansprüche – bleibt aus. Etwas Ordnung verschafft die auf einer Leinwand angezeigte Gliederung in drei Teile und einen Epilog.

    Dass sich das Stück mit dem Urteilssystem vom Fluxus-Künstler Robert Filou auseinandersetzt, lässt sich vor allem aus der Stückbeschreibung erfahren. Ebenfalls lässt sich aus dieser schließen, dass das Stück sich mit dem Werk der DDR-Künstlerin Gabriele Stötzer und der Künstlergruppe „Die tödliche Doris“ beschäftigt.

    Während der Aufführung bekommt das Publikum allerdings nicht viel mehr Informationen zu diesen Künstler*innen, die als Inspiration des Stückes dienten. Dies wäre sicherlich interessant gewesen und würde das Stück einem größeren Publikum nicht nur erklärlicher machen, sondern auch zugänglicher. Einige Menschen greifen während der Aufführung sogar zu ihren Handys, wohl auf der Suche nach schnellen Erläuterungen.

    In „Gut gemacht!” gehen die vier Schauspieler*innen sehr konsequent und mit viel Spielfreude eigenen Interessen nach. Vor dem Hintergrund, dass sich das Stück gerade mit „Dilettantismus“, also Laienhaftigkeit und „Genialität“ auseinandersetzen möchte, ist diese eigensinnige Darstellung wohl ziemlich „Gut gemacht!“.

    Besonders empfehlenswert ist das Stück daher für ein offenes Publikum, dass bereit ist, sich auf Ungewohntes einzulassen und etwas Vorwissen zur Performance- und Aktionskunst mitbringt.

    Weitere Aufführungen am 29. Januar, 30. Januar, und 31. Januar 2026 in der Residenz in der Spinnerei, ermäßigt 10€.

     

    Titelbild: Rolf Arnold

    Hochschuljournalismus wie dieser ist teuer. Dementsprechend schwierig ist es, eine unabhängige, ehrenamtlich betriebene Zeitung am Leben zu halten. Wir brauchen also eure Unterstützung: Schon für den Preis eines veganen Gerichts in der Mensa könnt ihr unabhängigen, jungen Journalismus für Studierende, Hochschulangehörige und alle anderen Leipziger*innen auf Steady unterstützen. Wir freuen uns über jeden Euro, der dazu beiträgt, luhze erscheinen zu lassen.

    Verwandte Artikel

    Verheiratet, tot oder dem Wahnsinn verfallen – die Frau in der Oper

    Die Oper zeigt große Gefühle, hält aber an stereotypen und frauenfeindlichen Inszenierungen fest. Warum werden sexistische und diskriminierende Stücke noch immer so aufgeführt?

    Kultur | 2. Januar 2026

    Über Grenzen hinweg tanzen

    Tanz, Musik und Geschichten verschmelzen zu einem Abend voller Begegnung. Bei „Dancing with Our Neighbours“ wird Leipzigs Festivalbühne zum Ort von Austausch, Nähe und gemeinsamen Momenten.

    Kultur | 3. November 2025