Koliada und die Kunst des Überlebens
Eine Lecture-Performance über ukrainische Weihnachtsrituale wird zur Erzählung über Ahnen, Gesang und Widerstand. Koliada ist mehr als Folklore – sie ist ein Seelenschrei.
Auf der Terrasse eines Reihenhauses in der niedersächsischen Salzgitter schlägt ein Großvater mit einem Jutesack auf Weizenkörner ein. Neben ihm gärt in einem großen Topf das Sauerkraut seiner Frau, und im Wohnzimmer glitzert ein kleiner silberner Plastikbaum, geschmückt mit Kugeln, die einst die Reise aus der Ukraine überstanden haben. Zur kleinen Welt dieses Festes gehört auch eine kleine griechisch-katholische Gemeinde bei Braunschweig: vor allem ältere ukrainische Frauen, wenige Kinder, wenige Familien.
So sah die Weihnachtsfeier der ukrainisch-deutschen Musikerin und Sängerin Melanka Piroschik aus. Eine Feier zwischen Ländern, Generationen und Kalendern, die in der Lecture-Performance „Koliada: ukrainischer magischer Realismus“ zum Ausgangspunkt wird. Am 6. Dezember im im offenen Kulturraum Hinzundkunz verwandelt Piroschik gemeinsam mit der ukrainischen Szenografin und Kostümbilderin Maryna Ianina diese privaten Erinnerungen in eine Erzählung über Rituale, Verlust und Überleben.
Was ist Koliada?
Koliada ist kein einzelnes Weihnachtslied und kein festgeschriebener Brauch, sondern ein ganzes Geflecht aus Gesängen, Wegen und Begegnungen. Die Menschen, die diese Lieder singen, heißen „Koliadnyky“. In der dunklen Jahreszeit ziehen sie in Gruppen von Haus zu Haus, sprechen den Bewohner*innen ihre Wünsche aus, bringen mit ihren Stimmen Segen und werden dafür mit Essen, Süßigkeiten oder sogar Geld empfangen. „Man durfte sie nicht wegschicken“, heißt es an diesem Abend, denn wer die Koliada abweist, weist nicht nur Fremde ab, sondern auch die Verbindung zur Gemeinschaft.
An diesem Abend wird diese Tradition nicht nur erklärt, sondern hörbar gemacht. Der ukrainische Chor „De Libertate“ aus Halle füllt den Raum mit archaischen, polyphonen Gesängen, die weniger wie ein Konzert wirken als wie eine Beschwörung. In ihnen überlagern sich unterschiedliche Zeiten und Vorstellungen: die Verherrlichung der Geburt Christi ebenso wie alte, vorchristliche Erzählungen von der Erschaffung der Welt. Bilder von Sonne und Mond, von Wasser und Getreide tauchen auf, verbunden mit Wünschen nach Fruchtbarkeit, Wohlstand und einer reichen Ernte, nach Schutz für Haus und Familie. Die Stimmen des Ensembles tragen das Publikum in eine Praxis, in der Koliada nicht als folkloristisches Relikt erscheint, sondern als lebendige soziale Handlung.
Wenn der Mythos tanzt
Aus den Gesängen heraus führt der Abend weiter in eine andere Form des Erzählens. Koliada bleibt nicht bei der Stimme stehen: Sie wird sichtbar, körperlich, komödiantisch. Magischer Realismus wird greifbar.
Die sogennanten Vertep-Stücke, traditionelle ukrainische Weihnachtsspiele, verbinden Masken, kurze Spielszenen und archetypische Figuren zu kleinen Inszenierungen. Gestalten wie die Ziege, die Hexe Soloha oder andere überzeichnete Wesen bewegen sich zwischen Tier, Mensch und Mythos – und verhandeln Chaos, Fruchtbarkeit, Tod und Wiedergeburt oft in humorvollen, manchmal derben Szenen.
Am Abend wird dieses Ritual vom Ensemble mit wenigen Requisiten aufgeführt. Die Szene wirkt bewusst klein, beinahe improvisiert. Das Ensemble beginnt ohne Einführung, die Darbietung findet vollständig auf Ukrainisch statt. Für einen kurzen Moment liegt etwas Ungewissheit im Raum, erkennbar an vereinzelten fragenden Blicken mancher Zuschauer, bevor sich die Szene entfaltet.
Im Zentrum der Szene steht eine Ziege, ein altes Symbol für Fruchtbarkeit und Wohlstand, die ihr Besitzer verkaufen will. Um potenzielle Käufer zu beeindrucken, lässt er sie tanzen. Auf Zuruf springt die Ziege von einem Bein auf das andere, begleitet von immer dringlicheren Rufen: Tanz! Tanz! Dann kippt die Situation. Die Ziege bricht zusammen und bleibt reglos liegen. Ratlos wendet sich der Besitzer an das Publikum – was tun? Die Rettung erscheint in Gestalt einer Ärztin, ausgestattet mit einem spritzenähnlichen Gerät. Mit einer einzigen Geste wird die Ziege wieder zum Leben erweckt. Sie springt auf und tanzt weiter, als sei nichts geschehen. In dieser abrupten Wiederkehr verdichten sich Tod, Wiedergeburt und Erneuerung – zentrale Motive der Koliada.
Wir bitten zu Tisch!
Nach den Vertep-Stücken richtet sich der Fokus wieder auf den festlich gedeckten Tisch – das Herz der ukrainischen Weihnachten. Hier verschmelzen Rituale von Haus und Herd, von Nahrung und Gemeinschaft.
„Wir fangen mit Kutya an“, erklärt Sängerin Piroschik, während sie die einzelnen Zutaten zeigt: Getreide, Mohn, Walnüsse, Uswar (Getränk aus getrocknetem Obst) und Honig. Jedes Element trägt eine eigene Bedeutung, von Leben und Liebe bis zu Gesundheit und Fülle. „Früher wurde Kutya nur einmal im Jahr gegessen“, erzählt Piroschik weiter, „als heilige Speise, das erste und wichtigste Essen der Weihnachtszeit“.
Die Teilnehmer dürfen einen Löffel Kutya probieren, riechen und schmecken. Währenddessen wird erzählt: An Heiligabend werden keine tierischen Produkte gegessen, die Tiere im Haus werden besonders gut versorgt, denn man glaubt, dass sie an diesem Tag mit Gott sprechen und über die Güte der Menschen berichten. Weihnachten ist so auch ein Fest der Ahnen und der Verbindung zwischen Lebenden, Toten und Natur.
Auf dem Tisch stehen traditionell zwölf Festengerichte – von Kutya, Brot, Varenyky (gefüllte Teigtaschen) bis zu Uswar –, die Zahl variiert je nach Region. Jedes Gericht symbolisiert Wohlstand, Fruchtbarkeit, Erinnerung und Schutz. Unter der Tischdecke liegt Heu, auf dem Boden Stroh – Schutz vor bösen Geistern. Die Details wirken nicht dekorativ, sondern vertraut – als wäre man zu Gast bei einer Familie und nicht bei einer Performance. Ein leerer Teller steht mit auf dem Tisch, als stille Erinnerung an jene, die fehlen, aber mitgedacht werden.
Mehr als Folklore
Ritual und Spiel werden hier zum Schutzmechanismus. Koliada, so wird deutlich, war nie nur Unterhaltung oder Folklore, sondern eine Form, sich selbst zu behaupten. Das laute Singen, das Chaos und Spiele schufen Nähe und Menschlichkeit – besonders in den langen Winternächten. „Das Lachen war wie ein Schutzschild“, heißt es an dem Abend, ein Mittel gegen Angst, Vereinzelung und Verzweiflung.
Gerade deshalb gerieten sie ins Visier der sowjetischen Macht. Weihnachten und die damit verbundenen Bräuche wurden systematisch unterdrückt, nicht nur als religiöse Praxis, sondern auch als Ausdruck ukrainischer Identität. Gesänge, Rituale, selbst das Kochen von Kutya galten als verdächtig und wurden verboten. „Alles, was mit ukrainischem Sein zu tun hatte, wurde verboten, verfolgt und aus dem öffentlichen Leben verdrängt“, wird erinnert. Was blieb, verlagerte sich ins Verborgene: heimlich gekochte Speisen, leise gesungene Koliada im Dunkeln, Kerzen und Ikonen hinter Vorhängen, Weihnachtsbäume, die im Schrank versteckt und nur für einen kurzen Moment hervorgeholt wurden.
Die Erzählerinnen berichten von Menschen, die für das Singen von Koliada verhaftet und in Lager deportiert wurden, von Jahren schwerster Zwangsarbeit in Sibirien. Die Häftlinge versuchten, wenigstens ein wenig Getreide zu sammeln, um einmal im Jahr Kutya zu kochen. Koliada wurde geflüstert, umgeschrieben, angepasst an die Gegenwart.
„Koliada ist ein Seelenschrei“, heißt es in einem karpatischen Spruch – ein Gesang gegen das Verschwinden. So wird Koliada zu mehr als Erinnerung: zu einer leisen, aber beharrlichen Form des Widerstands. In diesem Abend, wird spürbar, wie nah diese Tradition noch immer ist – nicht als museale Überlieferung, sondern als gelebte Erfahrung. Dass dabei ein Publikum zusammenkommt, das weit über die ukrainische Community hinausreicht, verleiht der Koliada eine Aktualität, die berührt und verbindet.
Titelbild: Vlada Kostohlodova
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