Patina und Porzellan
Die größte Dramatik besteht in der Frage, ob ein Händler 180 oder 200 Euro bietet. Genau darin liegt der Reiz: In einer Zeit, die unentwegt aufputscht, verführt eine TV-Sendung zum Trödeln.
Manchmal verrät ein Fernsehformat mehr über ein Land als jede Regierungserklärung. „Bares für Rares“ zum Beispiel: eine Sendung, die so unspektakulär wirkt, dass sie aus Prinzip nicht hätte überleben dürfen. Während Streamingdienste verzweifelt Milliarden in dramaturgische Dopaminpumpen stecken, schaut die Generation Z ungerührt zu, wie ein 80 Jahre alter Kerzenständer seinen Auftritt bekommt. Ausgerechnet hier, im ästhetischen Biotop aus Porzellan, Patina und gepflegter Langsamkeit, sammeln die Jungen sich – wie erschöpfte Großstadtvögel auf einem Ast, der nicht digital vibriert.

Horst Lichter ist kein Moderator, er ist ein emotionales Beruhigungsmittel im Sakko, findet Kolumnistin Greta.
Denn „Bares für Rares“ ist kein TV, es ist ein Gegenwarts-Symptom. Während die Welt draußen im Highspeed-Modus rotiert, liefert das Format ein antizyklisches Versprechen von Entschleunigung und verführt zur wohligsten aller Sünden: zur Ruhe. Genau darin liegt sein subversiver Reiz.
Und dann ist da Horst Lichter: ein Fernsehphänotypus, den die Gegenwart kaum noch hervorbringen dürfte. Mit rheinischem Humor und anekdotischer Milde verkörpert er eine verlorene Figur – den Meister der unaufdringlichen Autorität. Kein Drama, kein Dominanzgehabe, und gerade deshalb glaubwürdig.
Dass die Generation Z ihn verehrt, sagt weniger über sie aus als über die übrige Medienlandschaft: Wo sonst findet man heute noch Menschen, die nicht in Endlosschleifen über Optimierung sprechen, sondern einfach existieren dürfen?
Kein Zufall, dass ausgerechnet die Nachhaltigkeitsgeneration das Trödeln zur moralischen Routine erhebt. Jedes Stück ist ein kleiner Widerstand gegen die Wegwerfgesellschaft. In Städten wie Leipzig ist der Flohmarkt längst geistige Tankstelle geworden.
So entsteht ein Format, das den Puls der Zeit misst, ohne ihn künstlich zu beschleunigen. Vielleicht ist „Bares für Rares“ deshalb keine Retro-Sendung, sondern unsere Gegenwartsdiagnose – mit Lichter als lächelndem Chefarzt.
Titelfoto: ZDF/Sascha Baumann
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