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  • Zwischen Faszination und Frust – Julia Cantzler und Ruth Fechner über die Oper, Tradition und problematische Frauenrollen

    Die Regisseurin und die Dramaturgin des Stückes: „Viva la Primadonna-eine Kneipenoper“ im Gespräch über die Idee, den Entstehungsprozess und die intendierte Wirkung.

    Das Stück „Viva la Primadonna – eine Kneipenoper“ widmet sich der Ambivalenz zwischen der künstlerischen Leidenschaft für die Oper und der Empörung über die häufig misogynen Erzählungen der traditionellen Stücke. Vor der Premiere am 24. November hatte luhze-Autorin Mia Peintinger die Möglichkeit, mit Regisseurin Julia Cantzler (26) und Dramaturgin Ruth Fechner (29) über das Projekt zu sprechen.

    luhze: Was ist die Idee des Stückes und wie seid ihr darauf gekommen?

    Cantzler: Ich kam schon früh aus der Publikumsperspektive in Kontakt mit Oper und habe mich sehr von dieser Welt angezogen gefühlt. Doch schnell kam ich in diesen Konflikt zwischen der Liebe zur Musik auf der einen und den Geschichten, die erzählt werden, auf der anderen Seite, denn es ist nicht unbedingt das, was ich auf der Bühne erzählen möchte. Die typischen Werke sind in weiten Teilen misogyn geprägt, und diese Strukturen werden selten aufgebrochen. Auch durch die traditionellen Musikstücke stellt die Oper eine Art „Korsett“ dar, denn die Texte lassen wenig Spielraum für Umdeutungen. Dementsprechend habe ich bei dem Projekt bewusst eine Mischform aus Musik- und Sprechtheater gewählt.

    Fechner: Mein Ursprungsinteresse galt dem Tanz, ich bin im Zuge meines Studiums dann bei der Oper gelandet. Je mehr ich mich jedoch mit den Handlungen beschäftigt habe, desto mehr kam die Frage auf, ob man die nicht moderner gestalten könnte. Ich habe durch Julias Ausschreibung von dem Projekt mit ebendiesem Ziel erfahren und habe mich als Dramaturgin beworben.

    Das Projekt heißt „Viva la Primadonna – eine Kneipenoper“, was ist das Konzept einer „Kneipenoper“?

    Cantzler: Die Idee war, die Oper aus der Institution herauszulösen, aus diesen prunkvollen Gebäuden und den Dresscodes, die sehr stark mit der Oper assoziiert werden. Im Kneipensetting ist erstmal eine gelöste Stimmung, die Zuschauer*innen sitzen mit Getränken um die Bühne herum. Trotzdem werden immer noch ernste Themen verhandelt. Aufbrechen wollten wir auch die musikalische Struktur. Dafür arbeiten wir auch mit dem Jazz-Pianisten Johannes Wasikowski zusammen, so treffen in Kombination mit dem klassischen Gesang  zwei Welten aufeinander.

    Fechner: Dennoch soll es keine Abrechnung mit dieser Gattung sein, im Gegenteil. Es ist vielmehr die Suche danach, was Oper sein kann. Es gibt diesen verstaubten Baukasten und wir haben Wege gesucht, damit Neues zu erschaffen.  Es gibt diese großartige Musik und viel Witz in der Oper und es war uns wichtig, dass das alles nicht verloren geht. Das Genre ist nicht eindeutig festzulegen, denn wir verwenden bereits bestehende Arien zusammen mit selbstgeschriebenen Dialogen. Dazu kommen noch tolle Bewegungschoreographien, die wir in Zusammenarbeit mit einer Tänzerin der Company TanzHarz, Caterina Cerolini, erarbeitet haben. Das heißt also, unser Stück ist Musiktheater im weitesten Sinne, ein großes Crossover.

    Julia Cantzler hat das Stück als Regisseurin mit auf die Bühne gebracht. Foto: Ruth Fechner

    Wie war der Entstehungsprozess?

    Cantzler: Der Wunsch war da, diesen Zwiespalt in der Darstellung von Frauenfiguren in der Oper auf die Bühne zu bringen, deswegen war auch klar, dass die Hauptperson weiblich ist und diesen selbst erlebt. In dieser Idee wurde ich noch bestärkt, als ich mich mit anderen Aufführungen und Stücken auseinandergesetzt habe. Einzelne Aspekte aus beispielsweise „Freischütz“ und „Othello“ habe ich auch in mein Werk eingearbeitet. Mit dem groben Konzept habe ich mich auf die Ausschreibung des Vereins Werkstattmacher beworben, der mit dem LOFFT- Das Theater kooperiert und bei der es darum geht, die Projekte von Nachwuchskünstler*innen zu fördern. Vor ungefähr einem Jahr begann dann die Recherchearbeit und die Erarbeitung des Textes.

    Sind euch während des Prozesses Zweifel am Projekt gekommen?

    Fechner: Für mich persönlich war es das erste Mal, dass ich einen solchen Bühnentext schreibe. Die ersten Proben waren intensiv und aufregend, anschließend haben wir noch einmal Änderungen vorgenommen, die uns im Schreibprozess gar nicht aufgefallen waren oder sich erst durch die finale Besetzung ergeben haben. Es war auch etwas schwierig, nebenbei auch noch Studium oder Ausbildung zu managen.  Außerdem gab es einen Punkt im Schreibprozess, an dem wir einfach nicht wussten was das Ende wird. Das war stressig, aber so richtige Zweifel hatten wir trotzdem nicht. Durch die Kooperation mit dem Verein Werkstattmacher hatten wir eine Deadline und es war klar, dass diese Aufführung stattfinden wird.

    Dramaturgin Ruth Fechner hat im Studium begonnen, sich mit der Oper auseinanderzusetzen. Foto: Martin Deckelmann.

    Was soll das Publikum aus dem Stück mitnehmen?  

    Fechner: Ich habe zwei Ansatzpunkte. Zum einen wünsche ich mir, dass Menschen mit viel Opernerfahrung eine kritische Perspektive mitbekommen zu den erzählten Geschichten und etablierten Lesarten, die selten hinterfragt werden. Und zum anderen möchte ich das Interesse von Menschen wecken, die wenig Berührungspunkte mit der Oper haben und den Spaß daran vermitteln. Ich möchte, dass trotz der Hürden und Voraussetzungen der Oper was bei den Menschen ankommt.

    Sind noch weitere Projekte geplant?

    Fechner: Konkret geplant ist nichts. Im Laufe des Projekts wurde jedoch deutlich, dass das Thema noch viel Potenzial für weitere Auseinandersetzungen bietet. Vor allem die Dringlichkeit des Themas motiviert uns, weiterzumachen. Während unserer Recherche fiel auf, wie wenig sich die bestehende Literatur kritisch mit problematischen Operninhalten beschäftigt, die Künstler*innen sind da oft schon weiter. 

    Cantzler: Aber da ist viel gerade noch im Werden, das ist der Anfang. Hoffe ich zumindest.

    luhze-Reporterin Rebecca Franz hat sich das Stück angesehen und ihre Eindrücke und Gedanken dazu festgehalten.

     

    Titelfoto: Pixabay

     

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