Das Leipziger Nachtleben steht auf dem Spiel
Wer gerne ausgeht oder sich in der Szene umhört, dem*der wird schnell klar: das Leipziger Nachtleben geht durch harte Zeiten. luhze hat mit Menschen gesprochen, die die Probleme kennen – und Lösungen.
Leipzig ist schön. Wenn der Kanal, die Jugendstilhäuser und die Parks von der Sonne bestrahlt werden, gibt es wohl kaum eine Stadt, in der es sich so gut leben lässt. Doch auch – und vielleicht sogar gerade – wenn die Sonne untergeht, zeigt sich Leipzig von seiner besten Seite. Dann schlägt nämlich die Stunde der Clubs und das Nachtleben beginnt, das mindestens genauso als Aushängeschild der Stadt gilt, wie der Clara-Park oder die Spinnerei.
Doch dieses nächtliche Idyll hat in den letzten Jahren mit immer mehr und zunehmend vielschichtigen Problemen zu kämpfen. Bereits letztes Jahr mussten beispielsweise das Duqo und das Institut für Zukunft (IfZ) schließen und im September 2025 wurde bekannt, dass das Elipamanoke einer ungewissen Zukunft entgegenblickt. Grund dafür ist, dass Christoph Gröner, der Besitzer der Immobilie, die der Club anmietet, Privatinsolvenz angemeldet hat und bereits im Vorhinein Rechnungen von ihm nicht bezahlt worden waren. Eine Initiative innerhalb des Stadtrats zum Kauf der Immobilie durch die Stadt scheiterte.
Das aktuelle Schicksal des Elipamanoke steht hierbei repräsentativ für den Kern des Problems des Leipziger Nachtlebens: immer wieder prallen die Interessen des Publikums, der Clubbetreibenden, Immobilienbesitzenden und Politik und Verwaltung aufeinander.
Botschaft der Nacht als Ausgangspunkt
Besonders das Moderieren der verschiedenen Perspektiven sei dabei die schwierigste und größte Aufgabe, meint Anne Petzold, Inhaberin der Koordinierungsstelle Nachtleben, die zur sogenannten Botschaft der Nacht gehört. Der Kern dieser Position bestehe darin, die Perspektiven möglichst vieler beteiligter Akteur*innen an einen Tisch zu bringen. Der Nachtrat ist das zentrale Gremium dieser Initiative.
Noch als Studentin entwickelte Kordula Kunert 2017 bis 2020 das Konzept der Night Governance in ihrer Masterarbeit „Botschaft der Nacht“. Sie interviewte dafür Nachtbürgermeister*innen in verschiedenen Städten Europas über ihre Arbeit und Strukturen. Ihre Ergebnisse lösten eine rege Debatte in der Leipziger Stadtpolitik aus, an deren Ende man zu dem Schluss kam, es bedürfe einer ähnlichen Institution. Diese sollte jedoch dualistischer funktionieren, also sowohl Belange der Kulturszene als auch der Verwaltung abbilden.
Dieses Anliegen läuft in Leipzig weiterhin unter dem Namen „Botschaft der Nacht“. Der Ansatz stellte damals europaweit ein Novum dar, meint Nils Fischer, Fachbeauftragter für Nachtkultur der Stadt Leipzig. In anderen Städten habe es entweder Vertreter*innen der Szene selbst gegeben, die dementsprechend stärker für die eigenen Anliegen aufgetreten seien oder eben Verantwortliche in der Verwaltung, denen die ordnungspolitischen Anliegen der Verwaltung wichtiger gewesen wären.“
Schaffung der Stellen in Verwaltung und Clubszene
Um diesem Anspruch gerecht zu werden, trat zum einen im September 2021 der Nachtrat als ehrenamtliches Expert*innengremium zu allen Themen rund um das Leipziger Nachtleben zu seiner konstituierenden Sitzung zusammen. Zum anderen wurde auf Verwaltungsseite die Stelle des Fachbeauftragten für Nachtkultur geschaffen, die seit Oktober 2021 Nils Fischer innehält. Den Weg in die Verwaltung fand er eher als Quereinsteiger, half dabei jedoch immer wieder, Kulturprojekte zu fördern. Dadurch sei der neu geschaffene Posten als Schnittstelle für Kulturschaffende in einer städtischen Stelle für ihn wie maßgeschneidert gewesen, erzählt er.
Als nächstes entstand im Rahmen der Initiative dann 2023 die Koordinierungsstelle Nachtleben Leipzig, die beim Verein LiveKommbinat angesiedelt ist. Ursprünglich war eine Finanzierung durch die Szene selbst angedacht. Hohe Stromkosten und Pandemieschulden aufseiten der Kultureinrichtungen machten jedoch einen Strich durch diese Rechnung. Nachdem die ursprüngliche Besetzung Kristin Marosi nach anderthalb Jahren aufgrund von unklarer Finanzierung die Segel streichen musste, entschied sich der Stadtrat in seinem Haushaltsbeschluss vom Dezember 2024 doch noch dazu, die Stelle zwei weitere Jahre zu finanzieren. Schließlich übernahm Anne Petzold ab April 2025. Im Gespräch erzählt sie, dass sie in den Jahren davor schon länger ehrenamtlich Öffentlichkeitsarbeit für den Verein LiveKommbinat gemacht hätte und somit die Stelle die perfekte Gelegenheit geboten habe, Ehren- in Hauptamt umzuwandeln.
Nachtrat arbeitet unabhängig
Der Nachtrat wird von den beiden organisiert und besteht aus stimmberechtigten Mitgliedern (u. a. Aidshilfe, LiveKommbinat) und assoziierten Mitglieder wie die Polizeidirektion Leipzig, welche bei Abstimmungen kein Stimmrecht besitzen.
Formell ist der Nachtrat in seiner Funktion kein Beirat des Stadtrats, sondern ein unabhängiger Zusammenschluss, in dem alle Beteiligten ehrenamtlich mitarbeiten. Dies habe zwar den Nachteil, dass es keinen festgelegten legislativen Mechanismus gibt, allerdings müsse man sich so keiner aufwendigen Geschäftsordnung beugen, so Fischer.
Szene, Politik und Verwaltung sind sich über große Bedeutung des Nachtrats einig
Insbesondere der ehrenamtliche Aspekt sei eine riesige Herausforderung für alle Teilnehmenden, mahnt Petzold an. Wie verbreitet unbezahlte Arbeit in der Szene ist, zeigt die 2024 veröffentlichte Studie zu Clubs und Livemusikspielstätten (CLIV-Studie): 66 Prozent der Beschäftigten im Nachtleben arbeiten unentgeltlich. Sie wünscht sich daher eine Aufwandsentschädigung für die Treffen des Nachtrats. Somit könnten Vertreter*innen regelmäßiger teilnehmen und auf Dauer wäre es einfacher, neue Mitglieder zu gewinnen, um die Perspektiven weiter zu bereichern.
Trotz aller Schwierigkeiten betonen Politik und Szene regelmäßig die wichtige Rolle des Nachtrats bei Konfliktlösung und Vermittlung. Aron Eichstädt, auch bekannt unter seinem Alias DJ Purpur, bis vor Kurzem noch bei einem großen Leipziger Club für Fundraising, Community-Building und Awareness angestellt, ist voll des Lobes für die Institution. Der Nachtrat sei für die Clubs immer erreichbar, habe aktuelle Themen und Konflikte akteursübergreifend auf dem Schirm und schaffe für diese Angebote und Unterstützung. Vor allem die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Akteur*innen des Nachtlebens sei ihm wichtig, besonders weil die Szene in Leipzig sehr politisch agiere und daher einen hohen gesellschaftlichen Einfluss habe. Dies schaffe Attraktivität für die gesamte Region, vor allem für junge Menschen, wie auch die CLIV-Studie belegen konnte. Der Nachtrat biete für all dies eine geeignete Plattform.
Auch Juliane Nagel, die für Die Linke im Stadtrat sitzt, findet ihn „hochvernünftig“, da er über „Konfliktlösung und -vermittlung, Vernetzung, Prävention und Sensibilisierung“ eine Brücke zwischen Kulturschaffenden und der Verwaltung baue. Dennoch könne er nicht die ganz großen Fragen lösen.
Zahlreiche Probleme für Clubs und Livespielstätten
Doch die gibt es zu Genüge. Zwar verfügt der Freistaat Sachsen über die relativ größte Clubdichte, werden zahlreiche Institutionen regelmäßig ausgezeichnet und konnte die CLIV-Studie sowohl die wirtschaftliche als auch die gesellschaftliche Bedeutung der Leipziger Clublandschaft wissenschaftlich untermauern. Dennoch kriselt es an vielen Stellen. Laut der Studie sehen 53 Prozent der Clubbetreibenden überwiegend eher Risiken für die weitere Betreibung ihrer Einrichtung und 5 Prozent sogar deutlich überwiegende Risiken statt Chancen.
Dies ist auch durch den Rückgang der Besucher*innenzahlen begründet: 34 Prozent der Kulturstätten geben an, dass die Zahlen nach der Coronapandemie stark gesunken seien, bei 18 Prozent seien sie etwas gesunken und nur bei 13 Prozent wären sie stark gestiegen. Das spricht insgesamt für einen Rückgang, der gepaart mit steigenden Energie-, Miet- und allgemeinen Betriebskosten die Wirtschaftlichkeit der Einrichtungen stark auf die Probe stellt.
Juliane Nagel, die früher selbst gerne ins Conne Island oder IfZ ausgegangen sei, hat das Problem ebenfalls erkannt. Die Clubs seien teilweise zu sehr von Immobilienbesitzer*innen abhängig. Die Stadt habe zwar wiederholt betont, dass die Clubs zur Stadtkultur dazugehören, jedoch sei ihr aufgrund mangelnden eigenen Immobilienbesitzes teilweise die Hände gebunden. Zwar sei der politische Wille da, Kultureinrichtungen abzusichern und zu fördern, jedoch sei bei der knappen Haushaltslage der finanzielle Rahmen stark begrenzt.
Generell stelle sich die Frage, ob Clubs überhaupt als gewinnorientierter Betrieb funktionieren können oder nicht als Kulturgut anerkannt und dementsprechend deutlich mehr gefördert werden sollten, wie es beispielsweise bei klassischen Konzerthäusern der Fall ist. Sie sieht dabei den Bund in der Pflicht, den Kulturstätten finanziell unter die Arme zu greifen.
Die Bereitschaft, Neues zu schaffen, fehle
Ähnlich argumentiert auch Aron Eichstädt, der selbst auch nicht mehr so häufig wie früher feiern gehe. Er schätze die Offenheit der klassischen Leipziger Einrichtungen wie dem Gewandhaus gegenüber den alternativeren Institutionen. Im November 2025 hat das Axxon N. das Gewandhaus dabei unterstützt, eine Party zu veranstalten. Solchen Austausch schätze er persönlich sehr und betont, dass in dem Bereich alle versuchen müssten, die jeweils andere Partei und deren Arbeitsweise zu verstehen. Er spüre dafür grundsätzlich die Bereitschaft, sehe Kulturschaffende dennoch in der Pflicht, deutlich häufiger gemeinsam an einem Strang zu ziehen, insbesondere wenn es um die Zusammenarbeit auf kommunaler Ebene gehe. Alle müssten verstehen, dass „Lobbyarbeit“ und politisches Engagement für die eigenen Interessen wichtig seien, auch wenn das Ehrenamt dies an vielen Stellen natürlich erschwere.
Doch abseits politischer Forderungen moniert er durchaus Versäumnisse der Clubs selbst. Corona habe einen massiven Einschnitt dargestellt, dennoch sei verschlafen worden, Innovationen zu schaffen, stattdessen habe man sich häufig zu sehr auf dem eigenen Erfolg oder Namen ausgeruht. Gerade die Verjüngung sei verschlafen worden, da es in der Szene immer noch viel zu elitär zugehe, wodurch ohne Kontakte zu den richtigen Personen häufig Türen verschlossen blieben und auf Dauer keine neuen Leute in die Strukturen nachrücken könnten. Dies führe dazu, dass das junge Publikum immer weniger Bezug zu den Clubs habe, wodurch der Effekt ausbleibe, dass sich die Crowd eines Events häufig fast automatisch aus Freund*innen der Veranstaltenden ergibt.
Nicht nur eine Frage des Geldes
Er wünsche er sich daher professionellere Strukturen in den Kultureinrichtungen selbst, durch die transparent – etwa durch offene Ausschreibungen – neue Menschen in wichtige Positionen kommen können. Davon verspreche er sich qualifiziertes Personal an den richtigen Stellen und frischen Wind, und dass „Jobs nicht im Backstage vergeben werden, wie ich das bisher erlebt habe.“
Die Probleme sind laut Petzold und Fischer vielschichtig. Die wirtschaftliche Lage schade sowohl direkt den Clubs als auch indirekt, da das Publikum ebenfalls weniger Geld ausgeben könne. Unsichere Mietverhältnisse kommen dazu sowie Anwohnende, die sich nach dem Empfinden der beiden seit der Pandemie immer häufiger beschweren würden. Es bräuchte deutlich mehr finanzielle Zuwendungen für den Ausbau von Schallschutzvorgaben sowie vermehrte Unterstützung beim Umsetzen behördlicher Vorgaben zum Brandschutz.
Leipzig braucht seine Clubs
Für Aron Eichstädt ist klar, dass Leipzig vor allem für junge, kreative Menschen an Attraktivität verlieren würde, sollten weitere Institutionen wegfallen. Daher hält er es für essenziell, dass sowohl regional als auch bundesweit noch mehr Anerkennung dafür entsteht, welchen positiven Einfluss Subkultur und Clubszene auf die Gesellschaft und Politik haben. Generell blickt er optimistisch in die Zukunft: er sehe viele sehr engagierte Menschen, die mit Herzblut dabei seien.
Juliane Nagel erhofft sich für die Zukunft keine weiteren Einschnitte, Stabilität und hebt hervor, dass bereits auf Stadtebene viel für die Clubs getan werde. Ihre Hoffnung, aber auch Forderung, richtet sich vor allem an Bund und Länder. Sollten dieser Clubs als Kulturorte anerkennen, wären sie durch das Bauplanungsrecht besonders geschützt.
Einige hoffnungsvolle Projekte laufen bereits
Lichtlein betont, was bereits erreicht wurde. Zum einen gäbe es mittlerweile elf städtische Open-Air-Flächen, die mit relativ leichten Genehmigungsverfahren zu bespielen seien, des Weiteren seien das Kulturkataster zur besseren Sichtbarkeit der Clubs in der Stadtplanung geschaffen worden und die CLIV-Studie durchgeführt worden, durch die man erstmals Probleme in einem wissenschaftlichen Rahmen darlegen konnte.
Petzold weist außerdem auf die vielen Weiterbildungsangebote hin, die man geschaffen hätte, die wichtige Vernetzung und den Austausch was baurechtliche Themen angeht, bei dem man immer wieder an die Politik herantrete.
Insgesamt blicken beide besorgt, aber hoffnungsvoll nach vorne: im November 2026 findet zum neunten Mal die Stadt nach Acht, Europas größte Nachtlebenkonferenz, statt und dann zum ersten Mal in Leipzig.
Seit Dezember unterzieht sich das Projekt „Botschaft der Nacht“ einer externen Evaluation. Es bleibt, alles Gute zu wünschen und wer weiß: Vielleicht kann ja auch im Falle des Elipamanoke mit Hilfe des Nachtrats für alle Parteien eine zufriedenstellende Lösung gefunden werden. Doch auch wenn der Club weiterbesteht, Petzold und Fischer wird man dort wahrscheinlich nicht beim Feiern treffen. Sie gingen beide lieber in anderen Städten aus, da man sonst nur über die Arbeit sprechen würde.
Foto: Karl Hein
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