Zwischen Fakten und Hoffnung
Die Journalistin Marisa Becker spricht im Interview über Klimakommunikation und Engagement im Alltag.
Klimaschutz fühlt sich oft weit weg an – abstrakte Zahlen, globale Zusammenhänge, politische Debatten. Marisa Becker will das ändern. Die freie Journalistin und Content-Creatorin berichtet seit Jahren über Nachhaltigkeit und Klimaschutz auf Instagram (@mysustainableme), in ihrem Podcast „Fairquatscht“ und in Medien wie Deutschlandfunk Nova, Der Freitag und der Ahoi Leipzig. Im Interview mit luhze Redakteurin Vlada Kostohlodova erzählt sie vom aktuellen klimapolitischen Stillstand und der Verantwortung junger Generationen.
luhze: Wie bist du zum Klimaschutz und zur Klimakommunikation gekommen?
So richtig hat es bei mir 2017 angefangen. Damals habe ich ein Praktikum beim Kreuzer gemacht und dort eine Start-up-Kolumne betreut. Da wurden auch Zero-Waste-Projekte vorgestellt. Ich habe zum ersten Mal gemerkt, wie viel Müll wir produzieren. Das hat bei mir ein krasses Umdenken ausgelöst und ich habe angefangen, mein eigenes Leben umzustellen. Gleichzeitig habe ich meinen Instagram-Kanal gestartet, um meinen Fortschritt zu dokumentieren. So Sachen wie: „Ich habe heute meine Zahnbürste ausgetauscht, Plastik gegen Bambus.“ Mit der Zeit hat sich das weiterentwickelt und ist immer mehr Teil meiner journalistischen Arbeit geworden. Seitdem begleitet es mich durchgehend.
Wie gelingt es dir, komplexe Klimathemen so aufzubereiten, dass sie verständlich werden?
Mir ist wichtig, herauszuarbeiten: Wie betrifft das die Menschen konkret? Lieferketten oder Emissionszahlen sind super abstrakt. Aber wenn man sagt: „Hey, wenn du dieses Produkt kaufst, unterstützt du Kinderarbeit“, dann wird es greifbar. Ich versuche nicht zu moralisieren, sondern Zusammenhänge sichtbar zu machen. Und ich arbeite ganz viel mit Expert*innen zusammen, zum Beispiel von der Deutschen Umwelthilfe. Ich bin Journalistin, keine Physikerin oder Juristin. Gerade auf Social Media, wo Formate sehr kurz sind, muss man Dinge runterbrechen. Den Leuten ist wichtig zu verstehen: Was bedeutet das für mich? Was kann ich tun?
Über Instagram bekommst du sehr direkt mit, wie Menschen auf Klimathemen reagieren. Wie nimmst du die gesellschaftliche Stimmung dazu aktuell wahr?
Ich finde, die Stimmung ist total gemischt. Viele wollen eigentlich schon etwas verändern, aber sie wollen nicht, dass es unangenehm wird. Das ist dieser Widerspruch, den man überall merkt. Dann gibt es natürlich auch Menschen, die wirklich gar nichts mit Klimathemen am Hut haben wollen oder sie komplett ablehnen. Ich versuche aber gar nicht, alle zu überzeugen. Ich richte mich an die Menschen, die offen sind und die Fragen stellen. Entweder lösche ich Kommentare, die unter die Gürtellinie gehen oder ich lasse es einfach stehen. Ich kann nicht jeden einzeln im Internet bekehren. Ich möchte durch Fakten überzeugen, und die sprechen eine deutliche Sprache.
Welches Klimathema steht für dich persönlich gerade besonders im Vordergrund?
Ein ganz wichtiges Thema ist die Verkehrswende. Die Sektorziele wurden nicht erreicht und dann einfach abgeschafft. Ohne diese ist es aber noch schwerer, überhaupt etwas einzufordern. Ich setze deshalb viel Hoffnung auf die Klimaklagen beim Bundesverfassungsgericht. Wenn da was durchgeht, dann zwingt das die Politik vielleicht wieder zu verbindlichen Maßnahmen.
Und wenn du auf die aktuelle Klimapolitik insgesamt schaust – was treibt dich dabei im Moment am meisten um?
Ich glaube, das größte Thema aktuell ist dieses Gefühl von Stillstand. Gerade sind so viele Dinge wieder umkämpft, die eigentlich lange Zeit gesetzt waren. Teilweise wird das Klimaziel 2045 infrage gestellt. Noch vor drei Jahren wäre niemand auf die Idee gekommen, das offen zu diskutieren. Wir arbeiten uns also an Themen ab, die wir schon mal verhandelt hatten. Und das ist echt krass, weil man die Dringlichkeit einfach sieht. Global verfehlen wir nicht nur das 1,5-Grad-Ziel, sondern auch das Ziel, die Erderwärmung deutlich unter zwei Grad zu halten. Zwar zeigen UN-Prognosen, dass sich die Temperaturprognosen im Vergleich zu früher verbessert haben. Das muss man sich immer wieder selber sagen, um ein bisschen Motivation zu finden. Aber wir sind immer noch meilenweit entfernt von dem, was wir uns mal als Ziel gesteckt haben. 2021 gab es diesen riesigen Aufschwung für Klimathemen, jetzt ist das deutlich abgeflacht. Vor allem politisch.
Was gibt dir trotz dieser Lage Motivation, weiter über Klimathemen zu berichten?
Ich habe das große Privileg, durch meine Arbeit ganz viele tolle Geschichten erzählen zu dürfen – von Menschen, die sich für den Wandel einsetzen und die Erfolge verzeichnen. Und dadurch, dass ich mich beruflich so viel mit diesen positiven, empowernden Geschichten umgebe, ziehe ich selbst total viel Motivation daraus, selbst aktiv zu bleiben. Andere lassen sich davon anstecken. Und auch, wenn man auf die großen UN-Zahlen schaut: Früher sind wir auf vier bis sechs Grad Erderwärmung bis 2100 zugesteuert, jetzt auf 2,3 bis 2,6. Es tut sich was.
Leipzig scheint für deine Arbeit ein wichtiger Ort zu sein. Welche Bedeutung hat die Stadt für dich – und was macht Leipzig beim Thema Nachhaltigkeit aus deiner Sicht besonders spannend?
Ich schreibe seit sechs Jahren die Nachhaltigkeitsseiten für die Ahoi. Dadurch habe ich viele Projekte kennengelernt: Upcycling-Läden wie Wiederschön, der Samstagmarkt von Egenberger, Hofläden, Saatgutinitiativen und vieles mehr. Hier gibt es einfach viele Menschen, die sich mit ihren Ideen gegenseitig befruchten und gute Alternativen schaffen.
Und siehst du bestimmte Entwicklungen oder Trends, die in Leipzig gerade entstehen?
Also ich habe den Eindruck, dass sich gerade viel in Richtung „Ich beziehe Dinge wieder lokal“ entwickelt. Vor allem bei Lebensmitteln tut sich viel. Ich war in ein paar WhatsApp-Gruppen aktiv, aus denen sogar die App Kauf beim Bauer entstanden ist. Landwirt*innen aus der Region haben erst regionale Angebote geteilt, damit man weiß, was um einen herum passiert. Und inzwischen zeigt die App alle Hofläden in deiner Nähe. Das macht diese ganzen regionalen Konsumalternativen viel präsenter. Auch die SoLaWis hier wachsen. Das zeigt, dass die Leute Lust darauf haben.
Was können Leipziger Studierende tun, wenn sie starten wollen, aber nicht wissen wie?
Ich finde, das Wichtigste ist wirklich, nicht alles auf einmal verändern zu wollen. Dann wird man schnell überfordert. Besonders beim Essen kann man supergut anfangen, weil das Entscheidungen sind, die man jeden Tag trifft und die sich schnell bemerkbar machen. Für Studis in Leipzig gibt es auch viele niederschwellige Möglichkeiten: solidarische Landwirtschaften zum Beispiel, die bieten oft Solipreise an. Auch Foodsharing, Läden für gerettete Lebensmittel, oder Apps wie Too Good To Go sind gute Wege. Wenn es um Kleidung geht, würde ich immer erst mal überlegen, ob man das Teil wirklich braucht. Und wenn ja, dann vielleicht eher zu Second-Hand greifen.
Was wünschst du dir von jungen Menschen für die Zukunft?
Ich wünsche mir, dass junge Menschen dieses Gefühl nicht verlieren, das viele von uns damals hatten: dieses Moment, in dem man realisiert, dass die Generationen vor uns es in Teilen richtig verbockt haben und wir plötzlich vor einem Berg ungelöster Aufgaben stehen. Dieses „Fuck, wir müssen das jetzt irgendwie retten“ – das sollte man nicht verdrängen, sondern mitnehmen.
Titelbild: Raphaela Fietta
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