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  • Verheiratet, Tod oder dem Wahnsinn verfallen – die Frau in der Oper

    Die Oper zeigt große Gefühle, hält aber an stereotypen und frauenfeindlichen Inszenierungen fest. Warum werden sexistische und diskriminierende Stücke noch immer so aufgeführt?

    Am Abend des 24. Novembers startete die feministische Veranstaltungsreihe der Kneipenoper „Viva la Primadonna“ mit der Premiere. Das besondere hierbei? Es handelt sich um eine Kneipenoper! Es gibt keinen Dresscode, ein kleines intimes Publikum, Getränke und Snacks!

    Dazu ist das Ziel der Kneipenoper die zugeschriebenen Rollen von Frauen in der Oper zu hinterfragen. Und warum werden Opernstücke wie „Lucia di Lammermore“ eigentlich noch genauso sexistisch aufgeführt, wie in den letzten Jahrhunderten?

    Um diesen Fragen nachzugehen, beginnt die Inszenierung in dem Bühnensetting einer Kneipe. Zwischen den Sitzplätzen des Publikums sitzt versteckt die Protagonistin Giselle. Mit einem starken Seufzer zieht sie die Aufmerksamkeit auf sich und erzählt von ihrem langen Arbeitstag als Opernsängerin. Sie fühlt sich mit den Frauenrollen, die sie verkörpern und besingen soll, unwohl. Während sie die geplante Inszenierung hinterfragt, lauscht ein männlicher Kollege heimlich ihrer Kritik und ihrem Wunsch nach Emanzipation. Mit Inbrunst wettert er gegen sie mit pauschalisierten Argumenten, die mittlerweile jeder in der feministischen Debatte schonmal gehört hat: „Aber ist sie nicht auch bisschen selbst schuld?, Die Frauenrollen sind nun mal nicht feministisch geschrieben, wie soll man sie denn dann emanzipiert inszenieren?,  Und die Männer sind halt nun mal überzeichnet dargestellt und deren sexuelle Lust ist doch zu belächeln.“

    Giselle hält entschieden dagegen an. Sie sieht das Problem in der Betrachtungsweise und in der doppelmoralischen Bewertung von Fehltritten: in der Oper wird eine Frau umgebracht, wenn sie sich einen Liebhaber nimmt, der Mann hingegen wird dafür gefeiert. Beispiele wären die Opern „Carmen“ und „Pagliacci“. Giselle sagt keine Frau solle an einem Femizid sterben, nur weil ein Mann seine Ehre als gekränkt ansieht. Das gilt für das reale Leben genauso, wie für Opern oder Kunst im Allgemeinen. Die Kernbotschaft ist – Kunst ist ein wertvolles Sprachrohr unserer Gesellschaft und sollte keine patriarchalen Machtstrukturen reproduzieren.

    Während sich die beiden Opernsänger*innen einen argumentativen Wettstreit liefern, untermalen sie diese mit passenden Opernausschnitten, welche sie eindrucksvoll und voller Leidenschaft singen. Dabei umkreisen sie sich immer mehr und gestikulieren stark. Bis sie sich flüsternd; „Ich hasse dich!“ entgegenwerfen und einen Todeskampf inszenieren. Ein kegelförmiger Lichtstrahl formt einen Kreis in welchem die Protagonisten sich, wie in einer Kampfarena umkreisen. Pantomimisch würgen sie sich und werfen einander durch die Luft. Die Musik anfangs ganz leise, wird immer lauter, bis Giselle schließlich ihren Kollegen ersticht.  Der Kampf wurde zurecht im Vorfeld mit einer Trigger-Warnung versehen, da das Licht, die Musik und die Körpersprache sehr bedrohlich wirken.

    Zusammenfassend lässt sich die Kneipenoper als innovativer Zugang zu feministischer Kritik in der Opernwelt beschreiben. Besonders das Bühnenbild, welches vom Publikum selbst abgebildet wurde, schuf eine intime Atmosphäre. Die Premiere stieß auf große Begeisterung im Publikum, das nicht aufhören wollte zu klatschen. In einem kurzen Gespräch mit einer versierten Zuschauerin zeigte sich, dass die Oper insgesamt als Erfolg wahrgenommen wurde. Lediglich allein der angekündigte Punkanteil wurde vermisst. Dies tat der Inszenierung jedoch keinen Abbruch. Abschließend lässt sich die Kneipenoper als eine gelungene brandaktuelle Debatte, untermalt von tiefgefühltem Gesang und dem Wunsch nach mehr Aufarbeitung verstehen.

     

    Produktion: Julia Cantzler in Zusammenarbeit mit dem Verein Werkstattmacher und Lofft – Das Theater

    Ort: Lofft – Das Theater 

    Eintritt: 7 Euro bis 15 Euro

     

    Titelbild: Rebecca Franz

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