Identitätsstress
Viele studierende Personen kennen es: das Gefühl im Vorlesungssaal zu sitzen und sich zu fragen, warum das alles? Irgendwo zwischen zwischen Realität und kindlichen Träumereien.
In letzter Zeit bin ich immer wieder einer ordentlichen Prise Identitätsstress ausgesetzt: die Gedanken in tausend Zukunftsszenarien verwickelt und das ständige Gefühl den eigenen Ansprüchen nicht gerecht zu werden. Und dann die fundamentale Frage: Wer will ich eigentlich sein?
Ich erinnere mich noch daran, wie leicht ich das als Kind beantworten konnte. Da war diese große, weite, abstrakte Vorstellung meiner eigenen Zukunft, die ich mit all meinen naiven Wünschen füllen konnte. Wenn ich etwas in meiner Umwelt sah und es mir gefiel, dann wollte ich es sein. Ich stellte mir verschiedenste Versionen meines zukünftigen Selbst vor: Prinzessin, Blumenverkäuferin oder auch Schauspielerin.
Dabei ging es nicht um reale Bedingungen, sondern um die Rolle, in der ich mir selbst und den anderen gefallen würde. Je älter ich wurde, desto kleiner wurde dieser träumerische Anteil in mir. Ich verstand, dass ich mich anstrengen muss, um in dieser Welt meinen Platz zu finden. Mit jedem Jahr, das verging, verlor ich Teile meiner Naivität und meines Selbstvertrauens, während der realistische, kontrollierte Anteil stetig wuchs. Nach dem Abitur fühlte ich das zum ersten Mal mit jeder Zelle meines Körpers. Meiner extrem privilegierten Situation war ich mir sehr bewusst, was mich fast noch mehr lähmte. Ich fühlte mich undankbar und wusste nicht, wohin mit mir. Die Welt wartete nicht auf mich, da war niemand mehr, dem ich die Schuld geben konnte, wenn ich unzufrieden war.

Naivität zuzulassen, kann befreiend sein, findet luhze-Redakteurin Paula Helena. Foto: Dominik Friess
Als ich dann endlich eine vage Vorstellung davon hatte, wo ich mich später sah, fragte ich mich immer wieder, wie sehr ich es bereits sein muss und wie sehr ich es wollen muss, um es zu sein. Letztendlich geht es um den Mut, vorauszuschreiten, ohne die Sicherheit zu haben, dass es funktionieren wird. Alle sagen dann zu dir: „Fake it until you make it“, aber die Vorstellung, mir zunächst eine Identität mehr überzustülpen, als sie wirklich innezuhaben, ist sehr befremdlich für mich. Die Frage nach dem Selbst kann in einem richtigen Identitätsstress münden, zumal man in der analogen wie auch digitalen Welt ständig mit glänzenden Individuen mit ausgeformten Identitäten konfrontiert ist, die vermeintlich innerlich und äußerlich ihren Platz gefunden haben. Der Vergleich ist unvermeidbar und schlägt mich immer wieder nieder, denn warum sollte ich es versuchen, wenn 100 Leute um mich herum genau das Gleiche wollen, schon viel weiter sind und es womöglich viel besser machen? Es fällt mir schwer, mich nicht zu vergleichen und in mich zu vertrauen. Die Welt will mich erwachsen und fleißig sehen, und egal wie sehr ich mich bemühe, irgendwie fühlen sich meine Leistungen nie gut genug an.
Manchmal raubt mir das ständige Funktionierenwollen die Lebendigkeit und Inspiration. Aber da kommt die Naivität wieder ins Spiel: Bei all der Leistung und den Zweifeln, die man in seinen Zwanzigern in sich trägt, kann es sehr hilfreich sein, die kindlichen Träume, die tief in uns allen schlummern, wieder hervorzukramen und aufleben zu lassen. Vielleicht kann einem genau das in den besonders harten Momenten wieder einen Schubs geben. Denn ich möchte mir nicht von Rationalität und Ernsthaftigkeit meine Naivität und den ursprünglichen Zugang zur Welt und mir selbst rauben lassen.
Titelbild: Dominik Friess
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