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  • Panic! at the Party

    Kolumnist*in Jo schreibt über die mühsam gewonnenen Erkenntnisse im Umgang mit Panikattacken.

    Es ist Freitag. Eine Freundin hat zu einer Einweihungsfeier in ihre neue WG eingeladen. Die Anzahl der Leute ist relativ überschaubar und ich führe schnell sehr ausgelassene und angenehme Gespräche. Plötzlich sitze ich auf dem Küchenboden und eine Welle aus Gedanken, Sorgen und Ängsten bricht über mich herein und begräbt mich unter sich. Ich hyperventiliere und mein Körper verkrampft. Ich habe eine Panikattacke.

    Ich weiß nicht, wie lange mich meine Angststörung schon begleitet. Ich kann nicht mal genau sagen, wann die ersten Symptome in Form von Panikattacken auftraten. Nur eines weiß ich mit Sicherheit: Sie werden immer häufiger. Und das, obwohl mein Leben seit meinem Umzug nach Leipzig objektiv betrachtet besser ist als je zuvor.  

    Portrait Jo Fedelinski

    Eine Therapie hilft mir, mich und meine Erkrankung besser zu verstehen.

    Häufig wusste ich selbst nicht mal, was mit mir geschah. Bis es zu spät war. Bis ich teilweise bis zur Bewusstlosigkeit hyperventilierte und zusammenbrach. Auf Partys, bei Treffen mit Freunden im Park, in der Bahn. Das Tückische dabei ist, dass sich alles ganz langsam aufbaut, sodass ich es nicht bemerke. Im Nachhinein kann ich auch keinen konkreten Auslöser benennen. Das alles macht es für mich selbst und auch meine Freunde schwer nachvollziehbar. Wie soll man anderen erklären, was man durchlebt, wenn man es selbst nicht versteht? 

    Die schlimmsten Situationen entstehen, wenn ich eine Panikattacke habe und niemand es mitbekommt, obwohl ich in einem Raum voller Menschen sitze. Dies hat keinesfalls mit der Suche nach Aufmerksamkeit oder Mitleid zu tun. Es verstärkt einfach das Gefühl der Hilflosigkeit, wenn ich die Kontrolle über mich verliere und nirgendwo ein rettender Anker in der Nähe ist, der mich in der Realität festhält.  

    Beim Umgang mit einer Panikattacke hilft es mir zu wissen, dass sie nach spätestens 15 bis 20 Minuten vorbei ist. Diese ziehen sich zwar eine ganze Ewigkeit, doch auch sie gehen vorbei. Mittlerweile habe ich gelernt, mit meinen Freunden über meine Panikattacken zu kommunizieren. Ich kann ihnen erklären, was ich brauche, wie sie mir am besten helfen können und welche Handlungen die Angst verstärken. Sie schirmen mich dann vom Geschehen ab, reden beruhigend auf mich ein und begleiten mich zur Not sicher nach Hause. Sie geben mir ein Gefühl von Sicherheit. 

    Eine Panikattacke wirft mich so stark aus der Bahn, dass ich meist den kompletten nächsten Tag dafür brauche, wieder klarzukommen. Es fühlt sich an, als würde ein Reset-Knopf gedrückt und jeglicher Fortschritt, den ich in den letzten Wochen durch meine Therapie erzielt habe, zu Nichte gemacht. Dann liege ich zumeist den ganzen Tag in meinem Bett, schaue irgendwelche Dokus oder Serien. Alles, was mich irgendwie ablenkt. Ich habe für mich erst lernen müssen, dass solche Tage für meine mentale Gesundheit wichtig sind und ich nicht zwangsläufig produktiv sein muss. Ich musste regelrecht gegen mein schlechtes Gewissen ankämpfen, dass dies keine verschwendete Zeit ist, sondern eine wichtige Pause für mich und meine Psyche. Ich muss mich da nicht unter Druck setzen. Morgen ist auch ein Tag und morgen kann ich meine aufgeschobene Arbeit viel besser erledigen. Heute nehme ich mir Zeit für mich.  

     

    Fotos: Jo Fedelinski

     

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