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  • Make Music Sad Again

    Kolumnist Dennis erinnert sich an seine frühe Jugend, in der Alternative Music die Charts dominierte. Dabei erinnert er sich an diese Zeit zurück und fordert ein kulturelles Revival.

    Content Warning: Der folgende Text enthält Boomer-takes.

    Zwanzig lange Jahre ist es her, im Sommer 2003, tief in der Thüringer Provinz, ein junger Mann hat zum ersten Mal ungehinderten Zugang zum Satellitenfernsehen und schaut MTV. Für die Jüngeren, MTV war das lineare Prequel zu Youtube, wenn es um Musik oder schlecht synchonisierte Scripted-Reality-Formate mit Trash-Garantie ging. Das Programm bestand aus einer Reihe von Musikvideos von Sean Paul, Metallica, 50 Cent, Limp Bizkit, Stacie Orico, Scooter – alles auf Dauerschleife. Kein Internet, kein Tiktok, kein Spotify. Dir hat ein Song gefallen? Dann warte gefälligst, bis er irgendwann erneut gespielt wird, oder beweg dich zum Media Markt und hole dir für 4,99 Euro die beschissene Maxi-CD!
    Bis zu dieser kulturellen Zäsur bestand mein Musikgeschmack aus Eurodance-Bangern der späten 90er, die man ab und zu im Autoradio oder zu besonderen Anlässen aus dem Discman (das musst du jetzt googlen) wummerte, sowie The Spirit of the Hawk von Rednex. Nach besagtem Sommer war ich vor allem eins – der größte Scooter Fan, da Maria I like it loud einfach unstrittig einer der besten Songs aller Zeiten ist! Kurz gesagt, meine Musik musste laut, schrill und plastisch sein und straight nach vorn gehen.

    Ein Song holte mich damals aber noch auf eine andere Weise ab – Bring me to life von Evanesence. Das Video angesiedelt in einem düsteren Cyberpunk-Gothic Setting, vereinte Symphonic- mit Nu Metal und traf nicht nur bei Millionen Pubertierender einen dicken Nerv, denn auch ich entdeckte damals die Begeisterung für traurige Musik.

    Etwa zur gleichen Zeit gab es zudem eine Besonderheit, die seitdem eigentlich kein zweites Mal zum massenkulturellen Phänomen wurde – nämlich dass traurige, düstere und brachiale Musik im absoluten Mainstream eingeschlagen ist. Alternative Rock, Pop Punk und Nu Metal Bands wie Avril Lavigne, My Chemical Romance oder Linkin Park konnten alle mitsingen und jeder Gaming-Soundtrack wie der von Need for Speed, Tony Hawks Pro Skater oder SSX bestand neben Hip Hop-Tracks fast ausschließlich aus Alternative Music. Mich begeisterte die Musik damals aber scheinbar nur unterbewusst, da ich mein dürftiges Taschengeld ausschließlich für Techno und Trance Sampler rausballerte.
    Später gab es dann noch die sogenannte „Scene“-Phase, bei der sich Metalcore und Post Hardcore in den Mainstream drängten, Jungs und Mädels mit Emofrisuren und hautengen Röhrenhosen quasi nicht auseinanderzuhalten waren und hervorragende Bands wie The Devil wears Prada, Bring me the Horizon, Escape the Fate oder Suicide Silence ihre Macht zementierten.

    Zu dieser Zeit war ich aber mit voller Engstirnigkeit in die Metalszene abgedriftet und hörte ausschließlich breitbeinigen Power-, Viking-, oder Melodic Death Metal – also Musik, bei der nicht die letzte Trennung oder das ätzende Heimatkaff bejammert wird, sondern Drachen, Odin oder irgendein Massaker auf dem Schlachtfeld. Erst vor ein paar Jahren, in der Mitte meines Studiums, hab ich gerade, auch dank der Möglichkeiten von Spotify, aktiv den Weg hin zu Pop Punk, Emo, Post Hardcore und melancholischer Singer-Songwriter-Kunst gefunden.

    Schaut man sich aber nun im aktuellen Massenmusikmarkt um, erkennt man erstaunlich wenig Musik dieser Spielart. Vielmehr hört man den zwanzigsten Remix von irgendeinem Uraltsong, der von irgendeinem Multimillionär oder Multimillionärin ein wenig neu Interpretiert wurde, oder es haben sich eine Vielzahl von Rap-Subgenres aufgetan, die vollkommen emotionsfrei versuchen, nicht cringe zu sein, und dabei genau das sind. Ähnliches hatte Böhmermann schon vor ein paar Jahren im Bereich der sogenannten „Deutschpoeten“ mit „Menschen-Leben-Tanzen-Welt“ vorgeführt, wo die seelenlose Konsumbegleitmusik im deutschen Sprachraum exposed wurde.
    Daher frage ich nun einmal ganz unverbindlich: Wo in den Charts ist die Musik, zu der man sich in der eigenen Melancholie suhlen kann, oder seinen Frust herausbrüllen kann? Wo bitte, lieber Herr Radio, sind Songs wie Behind these Hazel Eyes von Kelly Clarkson, Nobody‘s Home von Avril Lavigne oder Welcome to the Black Parade von My Chemical Romance?
    Fun Fact: Statistisch gesehen wird Pop-Musik seit ca. 50 Jahren tatsächlich trauriger, allerdings findet diese Entwicklung eher in der Tiefe und nicht im kulturellen Mainstream statt. Zu erklären ist dieser Trend laut Wissenschaft damit, dass der Verarbeitung und Auseinandersetzung mit Emotionen immer mehr Beachtung geschenkt wird. Dass sich der Trend aber nicht in den Charts widerspiegelt, könnte aber insbesondere damit zu tun haben, dass wir schon seit längerem in einem Dauerkrisenmodus leben und die Menschen sich da eher nach positiven Vibes sehnen.

    Aber mal Realtalk, man hört keine schwere und traurige Musik, damit es einem noch bescheidener geht, sondern, wie gerade schon angesprochen, damit man sich mit bestimmten Emotionen auseinandersetzt und das kann eben bedeuten, heißes Feuer mit Feuer zu bekämpfen. Sich mit oberflächlicher Kommerzbeschallung zu betäuben, kann doch auch nicht die Lösung sein, und die zu betäubenden negativen Emotionen lassen sich doch auch am besten mit dem alten Punk-Mantra „Wir schreien das Problem so lange an, bis es weggeht“ bekämpfen, oder nicht?

    Nichtsdestotrotz, ich möchte endlich wieder Radiosender und Gaming-Soundtracks voller nachdenklicher, bedrückender und energiegeladener Musik. Emofrisuren und hautenge Hosen können aber gerne auf Instagram Throwback-Memeseiten verewigt bleiben.

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