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  • „Die ukrainischen Interessen sichtbar machen“

    Peter Steingaß unterstützt mit Sunflower Society Leipzig e.V. ukrainische Kriegsbetroffene. Im Interview mit luhze-Redakteur Eric Binnebößel spricht er über die Arbeit des Vereins.

    Schon fast zwei Jahre dauert der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine an. Viele Organisationen setzen sich seitdem für die ukrainischen Betroffenen ein. Ein Beispiel ist „Sunflower Society Leipzig“. Der Verein besteht zum Großteil aus Leipziger Studierenden. Zusammen organisieren sie Lieferungen von humanitären und militärischen Hilfsgütern, sammeln Spenden und pflegen das Andenken an die Opfer des Krieges. Im Interview mit luhze-Redakteur Eric Binnebößel erklärt der Vorstandsvorsitzende Peter Steingaß das Leitbild des Vereins und spricht über seine eigenen Erfahrungen im Militär.

    luhze: Peter, du hast zwei Jahre als Aufklärungssoldat in der Bundeswehr gedient. Warum hast du dich damals für diesen Schritt entschieden?
    Steingaß: Ich brauchte nach der Schule erst mal eine Orientierungsphase, da ich noch nicht richtig wusste, was ich machen wollte. Vielleicht wäre es irgendwie ein Germanistik-Studium geworden. Ich wollte jedoch nicht direkt studieren, denn ich hatte einfach Bock, durch das Gelände zu springen und im Dreck zu spielen (schmunzelt). Außerdem wollte ich etwas zurückgeben, einfach meinen Teil leisten. Es war eher ein Gefühl: Ich möchte etwas beitragen. Und mit Sicherheit spielte auch meine Sozialisation eine Rolle.

    Inwiefern spielte sie eine Rolle?
    Für meine Generation (Jahrgang 2000, Anm. d. Red.) war ja beispielsweise der Afghanistan-Einsatz eine der Konstanten, die mich auch zur Schulzeit geprägt haben. Damals hatte ich jedoch eher ein Gefühl statt ein Bewusstsein, was die Bundeswehr macht. Ich wollte als Kind immer Polizist werden, das hat sich dann irgendwie verändert. In meiner Schulzeit hatte ich auch zwei Praktika bei der Bundeswehr gemacht. Nach dem Abi hat sich für mich dann die Frage gestellt, ob ich gleich die Ausbildung zum Offizier mache oder erst mal die Mannschaftslaufbahn wähle. Ich habe mich für Letzteres entschieden.

    Warum?
    Offiziere werden in gesonderten Schulen ausgebildet, etwas isoliert von dem Rest. Dann kommen sie in die Truppe, haben aber wenig Praxiserfahrung. So hast du dann Leute unter dir in der Rangordnung, die jedoch vom Erfahrungsschatz weit über dir sind. Ich wollte erst lernen zu dienen als zu führen. Das hat mir ganz gut getan.

    Das klingt nach einem harten Weg. Andere gehen erst mal auf Weltreise…
    Ich bin ja auch international herausgekommen. Zum Beispiel war ich in Litauen, jedoch in der Hochphase der Corona-Pandemie. Da musste ich erstmal ein halbes Jahr drinnen in der Kaserne verbringen. Das hat sich ein bisschen angefühlt wie ein Knast: Alle haben die gleichen Sachen an, alle sind in ihren Zwei-Mann-Stuben, wir durften kaum raus, und wenn, liefen wir an einem Stacheldrahtzaun vorbei. Man wurde jedoch recht gut behandelt, der Umgang war schon ziemlich human. Das war übrigens die Zeit, wo ich wohl am meisten gezockt und Fernsehen geschaut habe (lacht).

    Inwieweit musstest du leiden können?
    Das war ja nur in Litauen wegen der Pandemie so. Ansonsten ist das Kasernenleben ganz entspannt. Es ist halt nur anders, wie die Bundeswehr generell.

    Wie meinst du das?
    Die Grundausbildung ist ein Wurf ins kalte Wasser. Du lernst einen ganz anderen menschlichen Umgang kennen: Die Regeln des Zusammenlebens sind anders, du hast eine stärkere Hierarchie. Man hat einen ganz festen Platz in dieser Ordnung mit entsprechenden Aufgaben. Ein Leben in der Bundeswehr erfolgt unter anderen Regeln als in der Zivilgesellschaft. Und es wurde ja nichts Unmenschliches erwartet. Natürlich musst du auch Unannehmlichkeiten aushalten, aber das formt dich ja. Besonders an die harten, anstrengenden Erfahrungen erinnerst du dich immer als erstes. Im Nachhinein denkst du: Irgendwie war es cool.

    Sunflower Society; Vereinsmitglieder mit Flagge, im Hintergrund der Umriss der Ukraine; in den Nationalfarben

    Vereinsmitglieder bei der Gründung am 09. Mai 2023. Foto: Sunflower Society e.V.

    Anfang November hatte euer Verein sein halbjähriges Jubiläum. Wie kam es zu der Idee, den Verein zu gründen?
    Ich habe mich anfangs persönlich versucht zu engagieren und bei einem humanitären Konvoi geholfen, Hilfsgüter in die Westukraine zu fahren. Dort habe ich ein paar Leute von der ukrainischen Fremdenlegion kennengelernt. Seitdem habe ich überlegt, wie man sich noch mehr einbringen könnte. So hat sich das nach und nach entwickelt. Im Frühjahr habe ich dann beschlossen, einen Verein zu gründen. Dadurch hat man halt andere Möglichkeiten, man hat Anspruch auf bestimmte Förderungen und Steuererleichterungen, die du als Privatperson nicht bekommst. Ich wollte etwas Eigenes auf die Beine stellen.

    Warum eigentlich der Name „Sunflower Society Leipzig“?
    Die Sonnenblume ist eine Symbolpflanze der Ukraine. Wir hatten lange überlegt und es gab auch schon „offensivere“ Ideen für Namen, die hätten aber unseren humanitären Charakter eher in Frage gestellt. Wir wollen nicht aggressiv auftreten, nur bestimmt in unserer Motivation. Dass Leute sagen: Die unterstützen wir gerne. Es steht der humanitäre Aspekt im Vordergrund.

    Die Sonnenblume steht auch ein wenig für Zuversicht. Bist du selbst ein Optimist?

    In Selbstreflexion bin ich, glaube ich, nicht gut genug (lacht). Das sind Kategorien, über die ich in meiner Arbeit bisher nicht nachgedacht habe. Ich rechne vielleicht nicht mit dem Schlimmsten und versuche immer, das Beste herauszuholen. Im Verein sind wir davon überzeugt, dass Erfolg nicht nur von äußeren Bedingungen abhängt, sondern auch, wie sehr man sich bemüht. Insofern ist da kein Platz für Optimismus oder Pessimismus. Es geht um die Frage: Arbeiten wir ordentlich? Wenn ja, dann haben wir auch Erfolg in unserer Arbeit.

    Was habt ihr bisher schon auf die Beine stellen können?
    Leider zieht sich der Gründungsprozess noch etwas hin. Wir sind jedoch in der Planung von verschiedenen Aktionen. Das reicht von kleinen Redebeiträgen auf Marktplätzen bis zu größeren Plänen. Unter anderem würden wir gerne für den Winter eine Schlafsack-Spendenaktion organisieren. Herausfordernd ist für uns nur, dass wir noch sehr unerfahren im Gruppenmanagement sind. Das muss man echt lernen.

    Nehmen wir mal an, ihr seid schon ein gestandener Verein und habt entsprechende Erfahrungen gesammelt: Was ist euer utopischstes Ziel?
    In Amerika gab es einen „Ukraine Summit“, wo alle pro-ukrainischen Organisationen aus den ganzen Staaten zusammengekommen sind und mit den Senator*innen im Kapitol diskutiert und sich vernetzt haben. Quasi eine große Versammlung, die ich sehr beeindruckend fand. Es sind auch Leute aus der Ukraine hingekommen, um zu sprechen, ein Legionär wurde per „Starlink“ zugeschaltet. Natürlich würde ich mir wünschen, dass der Krieg nicht mehr so lange dauert, dass wir die Zeit haben, eine solche Struktur zu entwickeln. Ich fände es jedoch gut, wenn wir in Deutschland einen ähnlichen politischen Organisationsgrad hätten. Wir haben keinen „Dachverband“ oder ein festes Netzwerk zwischen den einzelnen Gruppen. So eine Versammlung wäre zur Vernetzung gut, aber auch, um mit den*politischen Entscheidungsträger*innen ins Gespräch zu kommen und so für mehr Unterstützung werben zu können.

    Würde der Vereinszweck mit einem Friedensschluss erlöschen?
    Ich denke nicht, da wir nicht in unserer Satzung stehen haben, dass wir nur die Ukraine unterstützen, solange der Krieg läuft. Natürlich sind die Hauptpunkte unseres Vereins besonders wichtig im Krieg. Aber das Gedenken an Opfer, die humanitäre Hilfe, die politische Arbeit hier gehen darüber hinaus. Unsere Arbeit würde sich einfach verändern. Außerdem gehe ich davon aus, dass ein möglicher Frieden erst mal ein kalter Frieden wäre. Nur weil die Waffen schweigen, haben sich die Menschen noch nicht lieb. Die Arbeit geht in anderer Form weiter. Dann geht es weniger um Erste Hilfe oder Schlafsäcke, sondern eher um infrastrukturelle oder kulturelle Arbeit. Wir brauchen Städtepartnerschaften und kommunale Zusammenarbeit. Dazu können wir beitragen.

    Zu der kulturellen Arbeit gehört auch Aufklärung. Ihr habt unter anderem in einem Blogbeitrag über sprachliche Unterschiede zwischen Ukrainisch und Russisch geschrieben.
    Genau. Wir wollen generell die ukrainische Kultur und Interessen auch in Deutschland sichtbar machen, die ukrainische Bevölkerung hier porträtieren. Wenn die Leute die Schicksale sehen, ist wesentlich mehr Verständnis und Unterstützungsbereitschaft da. Diese kulturellen Aspekte gehen über einen möglichen Friedensschluss hinaus. Gerade in Friedenszeiten ist es wichtig, starke Verbindungen aufzubauen.

    Gibt es etwas, worauf du in den vergangenen Monaten besonders stolz bist?
    Ich bin stolz auf alle Leute, die sich entschlossen haben, sich uns anzuschließen und ihre Zeit und Energie in den Verein zu investieren. Ich bin stolz auf uns als Gruppe. Wir vom Verein hoffen, in der Zukunft noch mehr Selbstbewusstsein aus den Erfolgen, die wir mit Sicherheit feiern werden, zu ziehen. Dass wir unser Selbstbild nicht mehr aus einem Leitbild ziehen, wie es auf unserer Website dargestellt wird, sondern aus konkreten Aktionen.

    Im Nahen Osten ist der Konflikt eskaliert und man konnte eine Verschiebung der Medienaufmerksamkeit wahrnehmen. Wie sehr trifft euch dies?
    Als Verein haben wir uns dazu klar positioniert. Wir solidarisieren uns mit allen Opfern der Gewalt. Damit versuchen wir, uns nicht auf eine Seite zu stellen und irgendwelche politischen Implikationen zu relativieren. Als Privatperson beobachte ich, dass die Aufmerksamkeit für den Ukrainekonflikt natürlich schwindet. Es ist schade, dass die Ereignisse sich irgendwie überschatten.

    Du hast freiwillig gedient, beschäftigst dich tagtäglich mit Kriegsthemen. Naiv gefragt: Hat man da eigentlich noch Angst?
    Klar, es ist legitim, diese zu haben. Sie ist ein wichtiges Gefühl. Angst ist wie Feuer: Wenn du sie in kontrollierter Menge hast, dann ist sie nützlich. Sie rät zur Vorsicht. Aber wenn Angst die Kontrolle übernimmt, dann ist sie nicht mehr dein Freund. Es gibt keinen Mut ohne Angst. Mut heißt nicht, dass du keine hast, sondern dass du Dinge dennoch anpackst. Ich bewundere Leute, die den Kampf mit der eigenen Angst gewinnen. Menschen, die sagen: Trotzdem!

     

    Titelbild: Vincent Frisch

     

    Nachtrag: Anfang Dezember ist die im Interview angesprochene Schlafsack-Spendenaktion gestartet. Weitere Infos sind auf der Website des Vereins zu entnehmen.

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