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  • Kontaktvermittlung für soziales Engagement

    Das Leipziger Patenschaftsprogramm „Ankommen in Leipzig. Paten für Geflüchtete“ bringt Ehrenamtliche und Geflüchtete zusammen und bereichert dabei das Leben beider Seiten.

    Angelica und Mimi sind Freundinnen. Kennengelernt haben sie sich allerdings nicht über die Uni, über gemeinsame Bekanntschaften oder Hobbys – stattdessen wurden sie zueinander vermittelt, und zwar von der Johanniter-Akademie Mitteldeutschland im Rahmen des Programms „Ankommen in Leipzig. Paten für Geflüchtete“. Dieses sogenannte Patenschaftsprogramm bringt Ehrenamtliche wie Mimi, die Anfang 20 ist und in Leipzig studiert, zusammen mit Geflüchteten wie Angelica, die Anfang 30 und Zahnärztin ist und vor einem Jahr aus Venezuela nach Leipzig kam. 

    Das Programm „Ankommen in Leipzig. Paten für Geflüchtete“ wird seit seiner Gründung 2014 von der Stadt Leipzig gefördert und befindet sich seit 2017 in der Trägerschaft der Johanniter-Akademie. Diese vermittelt neben den Patenschaften auch Ehrenamtliche in Gemeinschaftsunterkünfte und organisiert Sprachmittlungen und gemeinsame Veranstaltungen. So unternahmen sie im November beispielsweise einen Ausflug in den Deutschen Bundestag in Berlin. „Wir bringen die geflüchteten Menschen und die Ehrenamtlichen zusammen und geben ihnen damit einen Push, um sie in die Gesellschaft zu integrieren und das Ankommen zu erleichtern“, erklärt Sara Scheibe-Thakeb, Integrationsmittlerin und Ehrenamtskoordinatorin bei den Johannitern.  

    Wichtig sei dabei der niedrigschwellige Kontakt, erklärt ihr Kollege Florian Tobis. Sowohl die Geflüchteten als auch die Ehrenamtlichen könnten sich direkt bei den Johannitern melden. Anhand von Fragebögen und Gesprächen entscheidet das Team der Johanniter dann, welche Ehrenamtlichen mit welchen Geflüchteten Patenschaften schließen. Dabei stünden die Wünsche der Menschen selbst im Vordergrund, so Tobis, also beispielsweise mit welcher Altersgruppe und welchem Geschlecht sie zusammengesetzt werden wollen, und ob es für sie in Ordnung ist, wenn es eine Familie mit Kindern ist. Auch gemeinsame Hobbys, Sprachkenntnisse und räumliche Entfernungen spielen eine Rolle. 1.200 solcher Patenschaften konnten sie bereits schließen. Wie viele davon noch bestehen, sei aber nicht genau zu sagen, erklären Tobis und Scheibe-Thakeb. Sie halten unterschiedlich lange, und dass wie bei Mimi und Angelica Freundschaften daraus entstehen, komme zwar vor, sei aber nicht die Regel. 

    Formelle Voraussetzungen gebe es fast keine; die Ehrenamtlichen müssten lediglich über 18 Jahre alt sein und ein sauberes polizeiliches Führungszeugnis aufweisen. Offenheit und Aufgeschlossenheit seien wichtig, ebenso natürlich Zeit für gemeinsame Aktivitäten. Regeln, wie oft man den*die Pat*in treffen müsse, gebe es aber nicht, so Sara Scheibe-Thakeb. 

    Mimi und Angelica haben durch das Patenschaftsprogramm vor allem eins gewonnen: eine neue Freundin. Foto: Isabella Klose

    Die gemeinsame Zeit kann vielfältig gefüllt werden: Stadterkundungen, gemeinsames Kochen, Deutsch lernen – besonders wichtig seien aber auch Behördengänge und Unterstützung bei Arztbesuchen. Die deutsche Bürokratie erschwere den Geflüchteten vieles, erklären Tobis und Scheibe-Thakeb. Oft bekämen die Menschen Briefe, die sie aufgrund des schweren „Behördendeutsch“ nicht richtig verstehen. Da könne es helfen, eine*n Muttersprachler*in an der Seite zu haben. Besagte Muttersprachler*innen können durch das Ehrenamt neue Sprachen und Kulturen kennenlernen, neue Menschen treffen und im Idealfall sogar Freundschaften schließen. Für Mimi war gerade Letzteres der ausschlaggebende Grund, sich bei den Johannitern zu melden. „Ich wollte gerne neue Leute kennenlernen und mich sozial engagieren. Also habe ich ein bisschen recherchiert und bin so auf das Patenschaftsprogramm gestoßen.“ Angelica hingegen habe zunächst an anderen Angeboten der Johanniter, zum Beispiel einem Deutschkurs, teilgenommen. Darüber habe sie vom Programm erfahren. 

    Das Interesse sei auf beiden Seiten groß, erklärt Tobis – aufseiten der Geflüchteten allerdings deutlich größer als aufseiten der Ehrenamtlichen, denn in Gemeinschaftsunterkünften und den sozialen Umfeldern der Geflüchteten spreche das Programm sich häufig herum. Ehrenamtliche gebe es im Vergleich dazu nicht ganz so viele. Daher ist das Patenschaftsprogramm auch immer auf der Suche nach neuen Pat*innen. „Es gibt ein starkes Ungleichgewicht“, findet Tobis. „Wir merken, dass der Diskurs sich in den letzten Jahren verschoben hat. Es gibt diverse Krisen.“ Darunter zählt er die Klimakrise und die Coronapandemie, die die Aufmerksamkeit zunehmend von Geflüchteten weglenken. Ein Problem sei aber auch die zunehmende Ablehnung von Geflüchteten. Beides führe dazu, dass ehrenamtliches Engagement für diese entweder aus dem Blickfeld der Menschen verschwinde oder – zumindest in bestimmten Bevölkerungsgruppen – negativer betrachtet werde. 

    Von lokalpolitischer Seite gebe es dagegen viel politische Unterstützung für das Patenschaftsprogramm. „Wir sind regelmäßig im Kontakt mit dem Referat für Migration und Integration, treffen uns viermal im Jahr“, beschreibt Scheibe-Thakeb. „Natürlich kann man immer mehr machen“, fügt Tobis hinzu. Das gelte vor allem in Hinblick auf die finanzielle Unterstützung. „Aber wir wollen uns nicht beschweren. Man muss ja auch mal wertschätzen, was man hat.“ 

    Das Programm sucht weiterhin nach Ehrenamtlichen. Wer Geflüchtete bei ihrer Ankunft in Leipzig unterstützen, dabei Neues über andere Kulturen und Sprachen lernen und vielleicht sogar eine*n neue*n Freund*in finden möchte, kann sich direkt bei der Johanniter-Akademie melden.

     

    Dieser Beitrag ist auch auf Englisch erschienen: Arriving in Leipzig: Mentorship program for refugees (luhze.de)

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