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  • „Hallo, liebe Väter“

    Mit „Die Hand ist ein einsamer Jäger“ inszeniert das Theater-Kollektiv „Lachende Hyänen“ großartig die Tragikomik von Geschlechterrollen.

    Braves Mädchen, Party Girl, Videospielprinzessin, Hausfrau, Macho-Mann: Auf der Bühne steht nur ein Mensch, doch nach einer Stunde hat man das Gefühl, viele Charaktere kennengelernt zu haben. Zu Klängen von Britney Spears, mit Requisiten wie Gymnastikball, Mixer, Bobby-Car und Bierflasche verwandelt die Performerin sich in verschiedene Personen und parodiert gesellschaftliche Vorstellungen über die Geschlechter. 

    Die Solo-Performance „Die Hand ist ein einsamer Jäger“ wurde als Gastspiel des freien Theater-Kollektivs „Lachende Hyänen“ am 13. Oktober im Theater Cammerspiele aufgeführt. Das Stück hat nur eine Darstellerin, die mehrere namenlose, karikaturhafte Charaktere spielt. Eigentlich gibt es aber zwei Protagonistinnen: erstens die Absurdität der binären Geschlechterordnung. Zweitens die Gewalt, die diese aufrechterhält. 

    Die Regie des Stückes führte Kim Ehinger. Zusammen mit der Schauspielerin Johanna Franke hat sie vor einem halben Jahr das unabhängige Theater-Kollektiv „Lachende Hyänen“ gegründet, als sie an „Die Hand ist ein einsamer Jäger“ arbeiteten. Das Stück basiert auf einem gleichnamigen Text der Schweizer Autorin Katja Brunner, umgearbeitet zu einer Monolog-Performance. Als weitere Grundlage nennt Ehinger „Testo Junkie“, ein Buch des Philosophen Paul B. Preciado, das sich mit dessen körperlichen und sozialen Veränderungen durch Testosteron beschäftigt. 

    Mann auf der Bühne.

    Sixpack, Bier, Schnurrbart sitzt: So geht Männlichkeit.

    „Hallo, liebe Väter“, spricht Johanna Franke die Zuschauenden an. Es scheinen an diesem Abend keine Väter im Publikum zu sein – zumindest will sich niemand auf ihre Nachfrage melden – doch mit dem eigenen Vater abrechnen kann man auch so. Erzogen mit Liebe, erzogen mit Angst, erzogen zu einem guten Mädchen. Schon vor der Geburt hat der Vater Angst um sein Kind. Und das zu Recht, denn: 

    Partyszene. Mädchen ist 14 und hat es mit einem gefälschten Schülerausweis ins Conne Island geschafft. Sie kommt ins Gespräch mit einem älteren Jungen – doch was macht diese Hand auf ihrem Bein? Unter ihrem Rock? „Nur eine Hand, so Addams-Family-mäßig.“ Bis das Mädchen merkt – an der Hand, da ist ja ein Mensch dran! 

    „Ja, liebe Väter“, sagt sie. „Das sind die Söhne eurer Vereinsmitglieder, die Söhne eurer Mitarbeiter.“ Liebe Väter: Ihr erzieht eure Töchter zur Vorsicht vor dem, wozu ihr eure Söhne erzieht. 

    Mit einer Balletnummer versucht das Mädchen vergeblich, seinen Körper in die vorgegebenen Rollen zu zwängen. „Sei ein gutes Mädchen“, wiederholt sie. „Sei ein Hungermädchen.“ Bis sie unweigerlich scheitert und aufgeben muss. Was ist besser, fragt sie das Publikum, die Persönlichkeit anpassen und den Körper so lassen, wie er ist, oder den Körper verändern und die gleiche Person bleiben dürfen? Betretenes Schweigen antwortet. Ja, das ist schwer zu sagen. Denn „unsere Persönlichkeit entsteht aus genau diesem Spalt zwischen Körper und Realität“. 

    Frau passt sich an. Frau versucht, den Körper zu verändern. Frau dankt den Verwandten, dass sie ihr beigebracht haben, nie Nein zu sagen. Frau scheitert. Frau wehrt sich. Frau kotzt auf die anderen. 

    Theater über Gender, wie alles politische Theater, läuft schnell Gefahr, ins Belehrende und Pathetische abzurutschen. Hier befürchtet man an manchen Stellen, dass es nun so weit ist, doch das Stück bekommt immer wieder die Kurve. Es schafft den Balanceakt: behandelt ein ernstes Thema, ohne den Humor zu verlieren, kommuniziert seine Botschaft, ohne sich lehrerhaft an die Tafel zu stellen. Dem Publikum wird zugetraut zu verstehen. Nicht zuletzt ist dabei Frankes Schauspielkunst entscheidend. 

    Für den letzten Abschnitt verwandelt sie sich noch einmal. Trotz der offensichtlichen und absichtlichen Lächerlichkeit des Looks aus Tank Top mit aufgedrucktem Sixpack und aufgeklebtem Fake-Schnurrbart (der zudem ständig abfällt) – der Effekt ist erstaunlich. Auf einmal steht ein Mann auf der Bühne. Das also soll Männlichkeit sein: mit einer Flasche Bier in der Hand herumpöbeln. 

    Bühne, verschiedene Gegenstände.

    Was bleibt danach übrig? Chaos.

    Franke zieht die männliche wie die weibliche Rolle ins Dramatische, Lächerliche, Tragikomische. So zeigt sich, dass Geschlecht eben nur das ist: Performance. Rollenspiel. Ein lächerliches Theaterstück mit tragischen Konsequenzen. „Macht“, so wird der Philosoph Foucault im Stück zitiert, „existiert nicht außerhalb der Techniken ihrer Theatralisierung.“ 

    Auch Mann scheitert an seiner Rolle. Mann wird zur Stärke erzogen. Mann überspielt Schwäche. Mann überschreitet Grenzen. Mann soll Frauen erobern und besitzen. Mann ist gewalttätig. Mann hat erektile Dysfunktion. Mann unterdrückt seine Anziehung zu anderen Männern. 

    Männliche Homosexualität als ultimatives Scheitern an der Geschlechterrolle: Mit der Bedienung dieses Klischees tut das Stück sich zum Schluss keinen Gefallen. Schließlich können heterosexuelle Männer den Erwartungen an ihrer Gender-Performance und dem Scheitern daran genauso wenig entkommen. 

    Am Ende entzieht die Person auf der Bühne sich dem Spiel, zieht sich das Kostüm aus und wendet sich vom Publikum ab. Nach dem Ablegen der Rollen bleibt nur der Körper in Unterwäsche, neutral und verletzlich. Am Ende sind wir alle nur Menschen. Wie der Gender-Philosoph RuPaul einst sagte: „Wir werden alle nackt geboren und der Rest ist Drag.“ 

     

    Bilder: Eliah Grooß

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