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  • Zigaretten sind wie Ketchup

    Seit ein paar Stunden schon raucht luhze-Kolumnist Jonas nicht mehr, doch der Nikotinentzug und Unistress führen ihn an die Grenzen des Aushaltbaren und in eine intensive Begegnung mit sich selbst.

    Morgens der Blick in den Spiegel. Mein Hals fühlt sich an wie eine offene Schürfwunde, mein Brustkorb ist schwer, darunter schlägt mein Herz schwächer, als es könnte. Mir kommt es so vor, als würde es Dreck durch meine Adern pumpen. Schon in den letzten Tagen habe ich mich immer häufiger über Zigaretten und meine Sucht nach ihnen aufgeregt. Jede Kippe schmeckte noch viel ekelhafter, als normalerweise. Die Schockbilder auf den Tabakpackungen schocken mich inzwischen wirklich. Ist das wirklich ein Fuß? Ich fasse einen Entschluss. Nicht zum ersten, aber hoffentlich zum letzten Mal: Ich will nicht mehr rauchen. 

    Ich habe die letzten fünf Jahre geraucht, um besser zu verdauen, um schöne Momente länger hinauszuzögern, weil ich es attraktiv finde, und um Stress abzubauen. Ich rauchte, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen, ich rauchte, um etwas zu tun zu haben, ich rauchte gegen meine Unsicherheiten. Seit fünf Jahren bilde ich mir ein, dass Zigaretten mir im Alltag helfen, dass sie ein Loch in mir füllen, das ich ohne Zigaretten nicht füllen kann. Aber Zigaretten halten selten, was sie versprechen, und nach einer Zigarette ist eigentlich fast nie etwas besser als davor. Zumindest nicht wirklich. Denn Zigaretten fühlen sich nur geil an, weil es vorher noch beschissener war. Zigaretten sind nur geil, weil man vorher entzügig war und die Zigaretten den Suchtdruck für eine Stunde lindern. Zigaretten sind wie Ketchup. Ein schlechtes Essen wird durch Ketchup einigermaßen erträglich – jetzt schmeckt halt alles nach Ketchup. Aber ein gutes Essen macht Ketchup zunichte, weil jetzt schmeckt halt alles nach Ketchup. Ich habe die Schnauze voll von Nudeln mit Ketchup. Ich will die ganze Bandbreite meiner Geschmacksnerven genießen. Ich möchte Sommerwiesen riechen und nicht aus der Puste sein, wenn ich zu meiner Bahn rennen muss, weil ich vorher unbedingt noch eine Kippe rauchen musste. Mein Drehzeug schenke ich meiner Mitbewohnerin. Ich lege es ihr einfach vor die Tür, weil sie noch nicht aufgestanden ist. Dann fahre ich in die Uni.  

    Ich war 13 oder 14 Jahre alt, als ich zum ersten Mal Zigaretten von meinen Eltern klaute. In meiner Schulklasse galt es als sehr uncool zu rauchen, deshalb verheimlichte ich meine ersten Stresskippen nicht nur vor meinen Eltern, sondern auch vor meinen Mitschülis. Ich erinnere mich an gemischte Gefühle. Einerseits machte es mir Spaß, den Rauch zu inhalieren und durch die Küche zu pusten, und auch die Wirkung des Nikotins gefiel mir. Ich wurde ruhiger. Entspannter. Alle Emotionen verloren ein Stück ihrer Schwere, ihrer Tragik. Zigaretten fingen mich auf, in einer Zeit, in der ich gefühlt immer und überall nur auf die Fresse flog. Ein paar Mal klaute ich bei meinen Eltern Zigaretten, bis meine Mutter mich erwischte, weil ich nach Rauch stank. Raucher*innen stinken immer nach Rauch; manchmal ist es wirklich läsitg. Ein paar Jahre lang rauchte ich dann überhaupt nicht mehr und ich fing erst wieder langsam damit an, als die Vorbereitung für das Abi begann. Meine damaligen Freunde und ich, wir litten unter Stress, wir wollten frei und erwachsen sein, wir griffen zu den Zigaretten. Eine Weile lang rauchte ich Camel, dann Pall Mall, zwischendurch auch Malboro Gold (fragt nicht warum), dann Lucky Strike ohne Zusätze (Vollkornkippen), dann Luckies mit Flowfilter, dann fing ich an häufiger selbst zu drehen und zwischendurch rauchte ich Camel Light, weil Kurt Cobain die vor seinem Tod geraucht haben soll. Zigaretten wurden zu einem Teil meiner Erscheinung, meiner Selbstidentifikation. Als Raucher war ich plötzlich Teil einer Gruppe. Ich fühlte mich zugehörig. Ich wurde zu einem Teil der Gemeinschaft der Rauchenden, die sich draußen vor der Tür freundlich zunicken, sich mit Feuer, Schulterklopfern und Kippen weiterhelfen, wenn der andere gerade mal in Not ist. Ich kann verstehen, woher dieses Bedürfnis damals kam. Ich fühlte mich ständig fehl am Platz, wie ein Außenseiter, einsam. Als Raucher hatte ich plötzlich einen Platz und in jeder Pause jemanden zum Reden. Und auf einmal redeten auch Leute mit mir. Ein paar Mal versuchte ich bereits aufzuhören, aber meistens fing ich am dritten Tag wieder an. Dieses Mal soll es anders laufen. Heute ist der erste Tag meines neuen Lebens. Ich muss in die Uni, um mit zwei Dudes an einer Hausarbeit zu arbeiten. Ich tanze durch das Treppenhaus in die Tram Linie 11 und fahre zum Augustusplatz. Während wir auf J warten, raucht P eine Zigarette. Beißender Gestank. Ich freue mich ernsthaft darüber, diesen Blödsinn nicht länger mitzumachen. Den restlichen Tag verbringe ich euphorisch und rauchfrei. 

    Jonas K. war nicht beim Friseur

    Gib mal Feuer, bitte.

    Am nächsten bricht die Realität über mich herein. Ich bin leicht reizbar, unfassbar schlecht gelaunt. Gesprächen kann ich nicht folgen. Meine Gedanken reißen immer wieder ab. Ich muss mich die ganze Zeit bewegen, meine Hände sind schwitzig. In drei Tagen müssen wir die Arbeit abgeben. Das Regressionsmodell steht noch nicht. Alles ist viel zu laut, zu schnell, zu viel. Ich bin entzügig. Es fühlt sich an wie ein Juckreiz zwischen meinen verwirrten Dopaminrezeptoren. Ich kann mich dort schlecht kratzen. Ich habe entsetzliches Verlangen nach einer Zigarette, aber ich bleibe willensstark. Das Glück ist nur eine Entscheidung weit entfernt. Mit jedem Mal, in dem ich mich gegen die Zigarette entscheide, wird es leichter. Oder? Abends dann eine Party. Das Rauchverlangen hat sich beruhigt und ich kann neben rauchenden Leuten sitzen, ohne mich großartig gestört zu fühlen. Ich versuche Spaß zu haben, aber verlasse die Party frühzeitig. Es ist mir zu anstrengend. Ich brauche Ruhe. 

    Tag drei. Ich bin verabredet, um mit einer größeren Gruppe ins Kino zu gehen. Bevor ich in die Bahn steige, fetze ich in drei Zügen eine Zigarette in mich hinein und es ist ungelogen die beste Zigarette, die ich jemals geraucht habe. Mir wird wohlig warm ums Herz, die Gedanken beruhigen sich und ich kann wieder klar denken. Ich ärgere mich nicht so sehr darüber, dass ich geraucht habe, denn ich rede mir ein, dass ich ohne das Nikotin nicht in der Lage gewesen wäre, unter Menschen zu gehen. Außerdem sind Rückfälle normal. Dann bin ich halt ein Nichtraucher, der eine Zigarette geraucht hat. Hab trotzdem keinen Bock mehr auf den Scheiß. Für den nächsten Tag nehme ich mir vor, Nikotinkaugummis zu kaufen, denn ich bezeichne mich nach wie vor als Nicht-Raucher. So kann ich meine Nikotinsucht beruhigen, ohne über 70 weitere krebserregende Stoffe zu inhalieren. Wie krank ist das eigentlich? 

    Tag vier. Nikotinkaugummis sind teurer als ich dachte. Ich bin genervt. Ich muss Sachen schaffen. Ich werfe den ersten Nikotinkaugummi ein. Die Wirkung kommt schnell, ich fühle mich wacher, präsenter und konzentrierter aber es fühlt sich nicht halb so gut an, wie nach einer Zigarette. Ich verfluche den Tag, an dem ich meine erste Zigarette geraucht habe. Ich wünschte, ich könnte das ungeschehen machen. 

    Ein oder zwei Tage später knicke ich erneut ein. Wir müssen an diesem Tag unsere Hausarbeit abgeben. Ich glaube, dass ich unaushaltbar war. Ich gab mein Bestes, meine schlechte Laune nicht an den anderen Menschen auszulassen. Ich kaute einen Nikotinkaugummi nach dem anderen, rannte mehrmals um die Uni, machte Liegestütze, wusch mich mehrmals kalt ab. Nichts half – außer den Zigaretten, die ich mir ab dem frühen Nachmittag wieder reinzog. Ich bin erleichtert und gleichzeitig sehr enttäuscht darüber, dass es nicht geklappt hat mit dem Rauchstopp. Trotz aller Schwierigkeiten, mochte ich es, Nicht-Raucher zu sein. Es fühlte sich gut an, mich für meinen Körper, für meine Gesundheit und für mein Wohlempfinden zu entscheiden. Dieser Rauchstopp ist gescheitert. Aber ich bin stolz darauf, dass ich es zumindest ein paar Tage lang geschafft habe, auf das Rauchen zu verzichten. Ich habe wertvolle Erfahrungen gesammelt und weiß jetzt besser, worauf ich beim nächsten Mal achten möchte. Ich werde nicht als Raucher von dieser Welt gehen. Es widert mich an. Ich bin genervt von dem Gestank, ich bin genervt von dem ekligen Körpergefühl, das Zigaretten verursachen und ich bin wütend darüber, dass ich ohne Zigaretten im Alltag (noch) nicht klarkomme. Ich weiß, dass ich stark genug bin, um mit dem Rauchen aufzuhören. Ich weiß, dass es sich lohnt, mit dem Rauchen aufzuhören. Deshalb nehme ich nochmal Anlauf. Wenn es sein muss auch noch zehnmal.  

     

    Fotos: Jonas Kilb

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