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  • Auf den Spuren der musikalischen DNA Leipzigs

    Vom 10. bis zum 18. September fand in Leipzig erneut das Kammermusikfestival Con spirito statt. luhze-Autorin Johanna war für euch auf zwei dazugehörigen Veranstaltungen.

    Musik wird häufig als etwas urmenschliches bezeichnet, das ganz tief in unseren Genen verankert ist. Es stellt eine Ausdrucksform dar, die jeder, wenn auch auf unterschiedliche Weise, versteht. Mit bestimmten musikalischen Werken gehen besondere Emotionen einher. Jeder hat doch einen Soundtrack seines ersten Liebeskummers oder verbindet mit Songs wie „Last Christmas“ den Lebkuchen-Überkonsum der Vorweihnachtszeit. In ganz ähnlicher Weise schlängelt sich Musik durch die DNA einer Stadt. Und die genetische Struktur unseres Leipzigs könnte meiner Meinung nach vielfältiger nicht sein. Als Wirkungsort der Größen Felix Mendelssohn Bartholdy, Johann Sebastian Bach, Edvard Grieg, Richard Wagner ebenso wie Clara und Robert Schumann ist Klassik zweifelsfrei der Puls in den Adern der Stadt.

    Das Logo des Kammermusikfestivals “Con Spirito”.

    Und genau diesem Stadtkörper versucht das Kammermusikfestival „Con spirito”, wie schon der Name sagt, jedes Jahr aufs Neue einen Geist einzuhauchen und die großen Konzerthäuser mit Leben zu erfüllen.

    „Wo Sprache aufhört, fängt Musik an.“, äußerte ganz in diesem Sinne einst der Schriftsteller, Maler und Komponist E. T. A. Hoffmann, der uns neben dem Sandmann noch viele weitere Meisterwerke hinterlassen hat. Und so lebendig die Werke dieses besonderen Vertreters der Romantik auch wirken, inzwischen jährt sich sein Todestag zum 200. Mal.

    Als ich mich auf den Weg zum Leipziger Kammermusikfestival begebe, beschäftige ich mich gar nicht wirklich mit dem diesjährigen Thema – Ernst Theodor Amadeus Hoffmann. Erst die kurze Ansprache des künstlerischen Leiters Peter Bruhns, der später selbst noch mit seinem Cello als einer der Stars des Abends brilliert, macht mir bewusst, wie tief der Geist des Universalkünstlers das Programm des Festivals durchdringt.

    Hoffmann diente mit seinen Werken nicht nur etlichen Musikern als Inspirationsquelle, sondern war selbst ein begabter Komponist und Dirigent. Mit seinem unheimlich fantastischen Werk gilt der begnadete Geschichtenerzähler als der Begründer des heutigen Fantasy- und Science-Fiction-Genres.

    Vom 10. bis 18. September 2022 war es Besuchern möglich, an verschiedenen Veranstaltungsorten internationale Stars der Kammermusikszene zu erleben. Beginnend im Gewandhaus zog das Festival von einer Kulturerbestätte zur nächsten und ließ auf der Reise entlang der sogenannten Notenspur keine wichtige Institution der städtischen Musikhistorie aus.

    Pianist Martin Helmchen am Tangentenflügel.

    Am Dienstagabend, auf der für mich ersten Festival-Veranstaltung, erfüllten unter anderem Werke von Ludwig van Beethoven und Richard Wagner die Aula in der Alten Nikolaischule. Entsprechend des abendlichen Themas „Un notturno nella maniera di E.T.A. Hoffmann“ entführten Szenegrößen wie Sarah Christian, Annegret Kuttner, Christoph Traxler und viele weitere das Publikum mit kammermusikalischen Werken in die Welt von Hoffmanns Nachtstücken.

    Das Wesen der Kammermusik liegt in ihrer Intensität und ihrer kleine solistische Besetzung. Genau diese Besonderheit ist in der Richard-Wagner Aula bereits während des ersten Stücks der Serenade (Notturno in D-Dur op. 8 für ein Streichtrio) von Beethoven spürbar. Die drei Musiker wenden sich während ihres Zusammenspiels einander und auch dem Publikum zu und erzeugen dadurch eine Szenerie, die eine gewisse Intimität mit sich bringt. Man sitzt bei diesem Klangkonstrukt nicht einfach nur gespannt lauschend im Saal, vielmehr wird man als Zuhörer mit auf eine Reise genommen. Gänsehaut verteilt sich über den ganzen Körper, wenn man am schöpferischen Prozess und der Leidenschaft der Künstler teilhaben darf.

    „Jeden Konzertabend sind wir, die Veranstalter und das Publikum, reich beschenkt worden — von Kammermusikern, die diese wohl persönlichste und intimste Form des Musizierens leben, die Kompositionen durchdringen und einfach jeden Abend meisterlich zusammen spielen“, sagt Franziska Franke-Kern, die für das Festival zuständige PR-Managerin.

    Die Musizierenden in ihrem Element.

    Eine Beschreibung, der ich mich nur beherzt anschließen kann, denn sowohl mein Abend in der Alten Nikolaischule, als auch mein späterer Besuch in der Grieg-Begegnungsstätte verzaubern mich mit ihren musikalischen Tiefen. Vielleicht ist das der Grund für die Wehmut, die in mir aufkommt, wenn ich daran denke, dass ich, durch meine Examensvorbereitung bedingt, an nur zwei Events teilnehmen konnte. Und das Bach-Konzert auf dem sogenannten Tangentenflügel, einer Zwischenform aus Clavichord, Cembalo und Hammerklavier, hätte ich schon gern besucht. „Der Pianist Martin Helmchen spielte in der Thomaskirche alle sechs Bach-Partiten (auswendig!) auf einem Tangentenflügel aus dem Jahr 1790: So viel Spielfreude, überraschende Klangkunst, technische Brillanz in fast zweieinhalb Stunden reiner Spielzeit war atemberaubend und rührte einige Zuhörer zu Tränen — ein unvergessliches Konzert!“, erzählt Frau Franke-Kern mir im Nachhinein.

    Zu meiner großen Freude gibt es jedoch zu jeder einzelnen Veranstaltung einen Festival-Podcast und eine Playlist bei Apple Music. Klar ersetzt das niemals die Konzertatmosphäre, die mich in Leipzigs Kulturstätten so mitgerissen hat, aber es ist dennoch ein kleiner Trost für zu Hause und steigert die Vorfreude bis zum nächsten Jahr.

    Nach dem Festival ist vor dem Festival, denn es gibt bereits einen neuen Termin. Vom 3. bis 10. September 2023 darf man wieder der Sprache der musikalischen Gene unserer Stadt lauschen. Die Tickets werden voraussichtlich zu Beginn des nächsten Jahres erhältlich sein.

    „Wer einmal in den Bann von dieser Musiksprache gezogen wurde und in unseren kleinen Komponistensalons die Künstler hautnah erlebt hat, die sonst auf den großen Bühnen der Welt konzertieren, der möchte immer mehr davon!“, erzählt die PR-Managerin: „Kommt und lasst euch von der Kammermusik verzaubern!“

    Fotos: Christian Kern

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