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  • Träume, die in Socken stecken

    Kolumnistin Michelle packt für ihr Auslandsjahr am liebsten Wörter ein. Die Rückenschmerzen zieht sie dabei dem Heimweh vor.

    In den letzten Tagen nehme ich Plakate von der Raufasertapete, stecke Bücher in Gefrierbeutel mit verschließbaren Plastikclips, damit sie die Zeit im Keller einer Freundin überstehen. Die meisten meiner Möbel habe ich vor einem Jahr umsonst bekommen, mir gebraucht zusammengesucht. Ich verschenke den Schreibtisch, den Stuhl, die Kommode, das kleine Regal. Ich behalte die Kleiderstange, die Matratze und das Bett aus Pappe. Stelle Bücherregal, Sessel und E-Piano für das Jahr bei Freunden unter: Möbel auf Zeit. Ich wickele Teller, Schüsseln, Tassen in Zeitungspapier ein. Ich gebe die Bücher zurück, die zu lange ausgeliehen und ungelesen auf meiner Fensterbank lagen. Alles, was ich brauche, packe ich in den großen, silbernen Koffer. Warte darauf, zehn Stunden lang Zug zu fahren und mir auszumalen, wie das nächste Jahr im Ausland wird. 

    Vor der Rückenzerrung.

    Ich bin oft umgezogen in den letzten zwei Jahren: das erste Studium abgebrochen, Zwischenmiete für ein Praktikum, das nächste Studium, das nächste Praktikum, da kommt einiges zusammen. Nach meinem Abitur sind meine Eltern aus meiner Heimatstadt weggezogen. Meine Kindheit liegt in Kisten verpackt im Keller meiner Eltern. 

    Ich packe: Pullover, Hosen, Unterwäsche. Ich packe Briefe ein und Bücher, weil ich wissen muss, dass es diese Briefe gibt, dass ich sie öffnen und lesen und mich geliebt fühlen kann. Besonders wichtig ist das Buch mit der Widmung, in das die Autorin Folgendes geschrieben hat: Liebe Michelle, hör nicht auf zu schreiben, hör einfach nicht auf. Vor kurzem habe ich den Roman noch einmal gelesen, ich weiß nicht, wie oft ich es im nächsten Jahr tun werde. Aber ich will, dass das Buch in meinem Zimmer steht und dass ich weiß, welche Wörter sich in ihm verbergen, wenn man die erste Seite aufschlägt. Beim Packen sind die Briefe und die Bücher fast wichtiger, weitaus schwerer als die Pullis und die Unterwäsche. Obwohl ich Pullis und Unterwäsche öfter tragen werde, als ich Briefe und Bücher in die Hand nehme. Für das Papier zerre ich mir liebend gerne den Rücken. Mir sind die Schmerzen lieber als das Heimweh. 

    Mein Vater kommt und holt Kartons und Taschen ab. Er bringt mir meine Winterschuhe und ich sage, ich hoffe, dafür ist noch Platz im Koffer und mein Vater sagt, die ziehst du an. Du ziehst die großen, schweren Schuhe während der Reise an. 

    Ganz selbstverständlich legt mein Vater Socken oder Sonnencreme in Schuhe, wenn er packt. Sowieso müssen alle Zwischenräume gefüllt werden. Pragmatisch ist er, mein Vater, dessen Sommersprossen ich habe, vielleicht auch die Grübchen, gegen den ich nie im Schach gewonnen habe und der mich nie gewinnen ließ, höchstens würdevoll verlieren. Mein Vater kann rückwärts Schlittschuh fahren und Tischtennis spielen und er hat versucht, mir beides beizubringen. 

    Ich frage mich, wann ich erwachsen genug bin, um selbstverständlich die großen, schweren Schuhe bei einer Reise anzuziehen und rückwärts übers Eis zu gleiten. Ich frage mich, welches Gepäck mir meine Eltern mitgegeben haben, in der Art, wie ich meinen Koffer packe und was ich mitnehme, wenn ich reise. Welches Trauma, welche Träume in den Socken stecken und in den Briefmarken. 

    Ich freue mich darauf, in einem Jahr zurückzukommen, den Koffer auszupacken. Zu sehen, welche Bücher, welche Briefe dazugekommen sind, welche Ängste habe ich überstanden, welche Träume gelebt. In wen verliebe ich mich, vielleicht auch nur kurz, nur im Vorübergehen. Bei wem muss ich gleichzeitig lachen und weinen, wenn ich mich das nächste Mal verabschiede. Wann werde ich das nächste Mal den Koffer packen? 

     

    Fotos: Michelle Schreiber

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