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  • Ein Roadmovie abseits der Straßen

    „Nicht ganz koscher“ erzählt in humorvoll verspielter Weise über die Entstehung einer Freundschaft zwischen einem Juden und einem Muslim, die sich unter widrigen Umständen in der Wüste kennenlernen.

    Jerusalem bei Nacht, die dunklen Straßen hell erleuchtet, ein bärtiger Mann in der traditionellen Kleidung der orthodoxen Juden*Jüdinnen, schwarzer Anzug mit Hut, blickt aus dem Fenster eines Taxis. Plötzlich ein Stau, eine Demonstration, Plakate, die in die Höhe gehalten werden. Palästinenser*innen? Nein, streng religiöse Juden*Jüdinnen, die gegen die Regierung auf die Straße gehen. Der Mann bleibt ruhig, während der Taxifahrer aus dem Auto brüllt: „Wir könnt ihr so blöd sein, gegen euren eigenen Staat zu demonstrieren?“ Willkommen in Israel, dem Ausgangspunkt der Handlung des Films.

    Die Regisseure Stefan Sarazin und Peter Keller schicken den Hauptcharakter Ben (Luzer Twersky) aus seinem Taxi in die sprichwörtliche Wüste. Ben will eigentlich eine jüdische Gemeinde in Alexandria in Ägypten besuchen, doch durch die Demonstration verpasst er seinen Flug und muss den Bus nehmen. Allerdings geht auch das nicht lange gut. Die anderen Mitreisenden fühlen sich durch Ben gestört, weil er der einzige jüdische Fahrgast ist, und so muss er schließlich mitten in der Wüste aussteigen, nachdem an jeder Haltestelle demokratisch über sein Verbleiben abgestimmt wurde. Nun beginnt die eigentliche Handlung des Films.

    Ein jüdischer Mann schaut verdutzt

    Eine Mischung aus Verwirrung und Verzweiflung, meisterhaft dargestellt von Luzer Twersky.

    Ben wird von Adel (Hitham Omari), einem Muslim, aufgegabelt. Der muss allerdings erst noch sein entlaufenes Kamel finden, bevor er Ben nach Alexandria fahren kann, aber wie Gott will, ist kurz darauf das Auto kaputt. Gott… Gerade Bens sehr rigides Festhalten an bestimmten religiösen Handlungsformen bringt Adel regelmäßig zur Verzweiflung, Stichwort rituelles Händewaschen in der Wüste, wenn nur noch wenige Liter Wasser übrig sind. Dass Ben sich weigert, das nicht den jüdischen Speisevorschriften entsprechende (nicht koschere) Brot von Adel zu essen, kann Letzterer dann mit einem lakonischen „Dein Gott mag mein Brot nicht. No problem.“ abtun. Alles in allem überwiegt die Leichtigkeit inmitten all der Konflikte zwischen den beiden Protagonisten.

    Das Thema des Films ist ein schon oft dagewesenes, es geht um die Verständigung zwischen unterschiedlichen Kulturen und Religionen vor dem Hintergrund eines Konflikts. Teaser: Irgendwann kommen dann noch Christ*innen ins Spiel. Was an „Nicht ganz koscher“ besticht, sind die wunderschönen Bilder, die die Zuschauer*innen den ganzen Film über begleiten. Die Wüste sieht auf der Leinwand einfach unfassbar majestätisch aus, ins Kino zu gehen, lohnt sich hier ganz besonders. Auch der Humor macht den Film sehenswert, die Regisseure gehen in überspitzter Form auf die Absurdität vieler Streitfragen des Nahostkonflikts ein. Man könnte bemängeln, dass viele ernstere Aspekte der Situation in Palästina, wie Terror, Krieg und Vertreibung, nicht angesprochen werden. Allerdings würde dies auch den stilistischen Rahmen eines Films sprengen, der eher als Komödie angelegt ist.

    Im Bild ist Adel zu sehen, der von Hitham Omari dargestellt wird. Sein Oberkörper ist frei, er lächelt und führt ein weißes Dromedar durch die Wüste.

    Zwar kein Auto mehr, aber das Kamel ist wieder da – ein Grund zur Hoffnung.

    „Nicht ganz koscher“ ist außerdem ein klassischer Roadmovie, die beiden Charaktere sind eigentlich immer unterwegs. Lediglich zum Schluss wirkt der Film etwas gerafft, nachdem erst mal das pure Chaos ausgebrochen ist, muss ein Happy End her, das zwar wünschenswert ist, aber so schnell erzählt wird, dass es eher gewollt, als realistisch wirkt.

    Auch für Menschen, die sich nicht für Religion oder die Kulturen des Nahen Ostens interessieren, ist der Film lohnenswert. Er erzählt die Geschichte von zwei unterschiedlichen Menschen, die inmitten einer existenziellen Situation, die Zusammenhalt erfordert, lernen müssen, miteinander zu kommunizieren und zusammenzuarbeiten. Dass dabei sogar eine Freundschaft entsteht ist ein hoffnungsvoller Ausblick inmitten einer Zeit, in der der Individualismus, also auch die Unterschiede zwischen Einzelpersonen, so groß ist wie nie und dennoch die Kooperation auf eine bessere Gesellschaft hin erforderlich bleibt. Im übertragenen Sinne stehen auch wir vielleicht irgendwann  in der Wüste und wer weiß, ob ein netter Mensch mit seinem Auto anhält, um uns mitzunehmen. So etwas passiert leider oft nur in Filmen. Oder?

    Ab 4. August in den Kinos

    Credits: Alpenrepublik/Enigma Film

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