• Menü
  • Sport
  • „Verbände brauchen Vereine, nicht andersherum“

    In der Juli-Ausgabe sprachen wir mit René Jacobi, dem Präsidenten der Confederation of Football über Monopole und die Schiedsrichterei.

    René Jacobi hat 2015 die Confederation of Football (CoF) gegründet, um im deutschen Amateurfußball eine Alternative zum Deutschen Fußball-Bund (DFB) und den angegliederten Regionalverbänden zu schaffen. Im Interview mit luhze-Redakteur Jonas Waack spricht er über undurchsichtige Strukturen, Schiedsrichter­*innen und das Verhältnis zwischen Vereinen und Verbänden.

    luhze: Herr Jacobi, Sie wollen die Monopolstellung des DFB angreifen und so den Fußball verbessern. Warum versuchen Sie das nicht innerhalb des DFB?
    Jacobi: Bevor wir uns gegründet haben, haben wir mit Vielen gesprochen, die genau das versucht haben. Das sind alles Menschen, die heute fast nichts mehr mit dem Fußball zu tun haben, weil sie festgestellt haben, dass sie gegen viele künstlich aufgebaute Hürden und Barrieren laufen. Nehmen Sie die letzte Wahl des DFB-Präsidenten, wo sich Ute Groth aus dem Amateurlager als Präsidentin bewerben wollte und ausgekocht und abgebügelt wurde, weil niemand wusste, wie man sich auf das Amt der Präsidentin bewerben kann. Sie landen bei der Bewerbung als Präsidentschaftskandidatin bei der Personalabteilung des DFB und die sagen, sie sind nicht zuständig. Wie wollen Sie in so einem System, das solche Hürden aufbaut, irgendetwas verändern? Sie kommen nur an den entscheidenden Menschen wie zum Beispiel Rainer Koch in seiner Multifunktionsrolle vorbei, wenn er Sie für genehm hält. Und wenn Sie Rainer Koch genehm sind, ändern Sie nichts.

    Was wollen Sie denn besser machen als der DFB?
    Wir konzentrieren uns nicht auf das, was der DFB macht. Worauf wir uns fokussieren, ist der reine Amateurbereich. Wir sind ein Wettbewerber auf Ebene der Kreis- und Landesverbände. Das beginnt bei ganz einfachen Problematiken: Sie wollen zum Beispiel ein internationales Freund­schaftsspiel als Verein machen. Sie wollen eigentlich nur, dass Ihr Verband Sie dabei unterstützt. Was die Vereine aber feststellen, ist, dass sie sich selber erstmal durch die Verbands­strukturen telefonieren müssen, um herauszufinden, wen sie wie informieren müssen, damit sie das Spiel machen dürfen. Allein die Tatsache, dass ich als Fußballverein eine Erlaubnis für ein Spiel brauche, ist schon absurd. Das Zweite ist, dass wir in eine Dienstleisterrolle gegenüber dem Verein gehen. Ein Thema, das die Vereine immer wieder haben, ist das Thema Schiedsrichtergewinnung und vor allem das Halten von Schiedsrichtern. Das ist aus Sicht der bestehenden Verbände recht einfach gelöst. Die geben Ihnen eine Vorgabe, Sie müssen so und so viele Schiedsrichter haben, und wenn Sie die nicht haben, bekommen Sie eine Strafe. Der Fußballverein ist eigentlich für die Aus- und Weiterbildung von Spielern verantwortlich. Da taucht das ganze Thema Schiedsrichter gar nicht auf. Wenn wir schauen, mit wem die Schiedsrichter kontinuierlich zu tun haben, ist das der Verband. Weil der die Spiele ansetzt. Der Verband legt fest, welche Spielklasseneinteilung Sie haben.

    Das heißt, Sie wollen sich mehr um die Schiedsrichter kümmern?
    Das ist ein großer Baustein. Bei uns sind Schiedsrichter nicht einfach nur Mitglieder, sondern sie werden in eine eigene Organisation eingegliedert und sie müssen nicht zu Vereinen gehören. Und wenn wir junge Menschen halten wollen, müssen wir ihnen auch etwas Besonderes bieten. Dann reden wir von internationalen Spielen und Turnieren, wo sich diese Schiedsrichter weiterbilden. Das sind die Erlebnisse, die sie bei dir und bei der Schiedsrichterei halten. Unsere Schiedsrichter haben inzwischen mehr internationale Spiele als alle Leipziger Schiedsrichter in den letzten, ich würde mal sagen, 30 Jahren.

    Sie haben schon Probleme mit dem Leipziger Fußballverband gehabt. Wie wollen Sie dem in Zukunft begegnen?
    An der Stelle muss man es grundsätzlich so sehen: Kein Monopolist hat seine Monopolstellung je freiwillig hergegeben. Es sind alles juristische Dinge, die auf einer europäischen Ebene schon längst geklärt sind. Es existiert auch schon deutsche Rechtsprechung, da kann man auf das Thema Deutsche Ringerliga und Deutscher Ringerbund verweisen. Das Ganze ging bis zum Oberlandesgericht, das sagt, auch die Fußballverbände unterliegen dem Kartellrecht. Am Ende des Tages sehe ich gar kein Problem: Die Vereine werden das entscheiden. Wenn sich die Vereine großteilig von den bestehenden Verbänden abwenden, ist die Entscheidung getroffen – diese Mög­lichkeit gab es ja vorher nie. Sie können keinen Verein zwingen, Mitglied in einem bestimmten Verband zu sein.

    Es gibt aber auch sozialen Druck innerhalb der Verbände: Dass es verpönt ist, mit Ihnen zusammenzuarbeiten.
    Den gibt es tatsächlich. Es gibt aber auch mehr und mehr Vereine, die sagen, okay, welchen relevanten Druck möchte denn ein Verband ausüben? Die Verbände brauchen die Vereine, nicht andersherum. Die Vereine können sich ziemlich frei selbstorganisieren, wenn sie es wollen. Da gibt es jetzt zum Beispiel die International Phoenix Trophy, bei der auch der HFC Falke aus Hamburg beteiligt ist. Das ist ein internationales Turnier, ohne dass irgendein Verband involviert ist. Daran sieht man, dass Vereine wach werden und sich fragen: „Was bringt uns ein Verband? Welchen Mehrwert haben wir? Haben wir dadurch mehr Stress?“ Das hat auch viel damit zu tun, dass es in vielen Vereinen langsam aber sicher Altersverschiebungen in den Vorständen gibt, wo viele jüngere Leute nachrücken, die viele altgediente Prozesse hinterfragen. Die fragen sich, ob es Sinn ergibt, dass die Vereine ständig irgendwelche Strafen aus angeblich juristischen Prozessen bezahlen müssen, die mit dem Rechtsver­ständ­nis in einem Rechtsstaat wenig zu tun haben.

    Was meinen Sie damit?
    Es gibt innerhalb der Verbände sogenannte Sportgerichte. Die sind dafür zuständig, Verfehlungen von Spielern, Vereinen, Trainern und Schiedsrichtern im Rahmen einer Nachverfolgung entsprechend zu verurteilen. Das ist vom Prinzip her eine Paralleljustiz, die sich ganz gern fernab deutschen Rechtes bewegt. Sie können dort eine Stellungnahme abgeben und es ist vollkommen egal, was Sie dort reinschreiben: Wenn sich die Sportrichter in den Kopf gesetzt haben, dass Sie verurteilt werden sollen, passiert das auch. Jetzt hat man insbesondere in der Sportsgerichtbarkeit angelehnt an die Zivilprozessordnung eine schöne Ausweich­stelle gebaut: Wenn eine Geldstrafe unter 100 Euro für eine Einzelperson ist, können Sie gegen dieses Urteil auch nicht in Berufung gehen. Und jetzt kriegen Sie ein Urteil, das vollkommen hanebüchen ist und keiner einzigen Rechtsgrundlage folgt, und Sie können dagegen nicht in die nächsthöhere Instanz in Berufung gehen. Das bedeutet vom Prinzip her, dass Sie als Sportrichter dort vollkommen freie Hand haben, tun und lassen können, was Sie wollen, weil der Verein kein nächstes Rechtsmittel dagegen hat.

    Hochschuljournalismus wie dieser ist teuer. Dementsprechend schwierig ist es, eine unabhängige, ehrenamtlich betriebene Zeitung am Leben zu halten. Wir brauchen also eure Unterstützung: Schon für den Preis eines veganen Gerichts in der Mensa könnt ihr unabhängigen, jungen Journalismus für Studierende, Hochschulangehörige und alle anderen Leipziger*innen auf Steady unterstützen. Wir freuen uns über jeden Euro, der dazu beiträgt, luhze erscheinen zu lassen.

    Anzeige

    Verwandte Artikel

    „Der Verein war eine Zuflucht“

    Der JSV Bar Kochba Leipzig war in den 1920ern der größte jüdische Sportverein Deutschlands. Im Interview spricht der Historiker Yuval Rubovitch über seine Bedeutung für die jüdische Gemeinde.

    Sport | 1. Juni 2021

    Barriere, frei!

    Für Menschen mit Behinderungen kann es eine Herausforderung sein, das passende Sportangebot zu finden. Das sächsische Projekt „miss“ setzt sich deswegen für mehr Inklusion im Sport ein.

    Sport | 25. November 2020