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    Mit dem Hitness Club zieht ein neuer Sender in die Leipziger Fernsehlandschaft ein – und bringt gleich frischen Wind mit.

    In das wild plakatierte Backsteingebäude in der Eisenbahnstraße Ecke Hermann­Liebmann-Straße einzutreten, kühlt an diesem sonnigen Nachmittag angenehm. Dass hier einmal der Partyschuppen „Okapi“ beheimatet war, lässt nur der Bartresen gegenüber der Ein­gangstür erahnen. Rechts weist ein Turm aus diversen technischen Geräten auf den neuen Bewohner hin: der Hitness Club, ein laut Selbst­beschreibung „unabhängiges Fern­­­­seh­kollektiv mit Hang zu Experimentellem und Musik“.

    Vorbild war der freie New Yorker Fernsehsender „8 Ball TV“. In Sachsen ist das Leipziger Projekt in Sachen freies Fernsehen Pionier: Das Kollektiv habe am Anfang offen für alles sein wollen, erzählt Achim, der beim Hitness Club für den Internetauftritt zuständig ist. „Dann haben wir gemerkt, dass wir eine Struktur brauchen.“ Inzwischen hat das Projekt zum Beispiel diskriminierende Inhalte verboten. Dass um diesen gemeinsamen Nenner herum aber viel Platz ist, beweisen die unterschiedlichen Interessen der drei von zehn ehrenamtlich aktiven Mitgliedern, die heute da sind: außer Achim auch Rotte und Max.

    Der heutige Dreh ist kurzfristig abgesagt worden – dass spontane Änderungen im Hitness-Zeitplan normal sind, wird sich fünf Tage später noch zeigen. Während Rotte und Achim es sich auf Barhockern bequem machen, werkelt Max im Hintergrund herum. Dort offenbaren sich hinter dem Tech­nik-Turm eine gemütliche Sitz­ecke und am Ende des Ge­schosses eine hellgrün gestri­chene Wand. „Das ist unser Greenscreen-Raum“, sagt Rotte, „Damit kann man sich in jede Welt reinkatapultieren.“

    Der Hitness Club arbeitet aber auch außerhalb der eigenen vier Wände: im mobilen TV-Studio, mit dem das Team letztes Jahr auf dem Linde­now-Festival war oder in externen Locations. Jede*r darf mitmachen. Die notwendige Technik erklärt das Team bei Bedarf. Das Konzept hat der Club mit einem Pop-Up-Studio letzten Juni erprobt. „Darüber bin ich reingerutscht, war aber schon vorher mit Achim befreundet“, sagt Rotte. Jede*r habe sich hinter die Kamera stellen können. Die Idee für die eigene Website „hitness.club“ ist ein Jahr älter: „Sie war zufällig fertig, als Corona losging“, sagt Achim. Im ersten Lockdown hätten dann viele Künst­ler*innen die Plattform genutzt und aus ihrem Wohnzimmer gestreamt. So ist auch Rottes „Queerobic“-Show entstanden, die täglich um 13.12 Uhr läuft.

    Hallo, ich bin ‘ne tote Ratte

    Achim hat die Webseite in einer Art Retro-Space-Design erstellt. Er trägt heute eine leuchtend orange Mütze, deren Form ein bisschen an einen Aluhut erinnert. „Ich fand es komisch, dass alle ähnlichen Pro­jekte ihre Sachen bei großen Plattformen anbieten“, sagt der studierte Multimedia-Designer. Die Website solle ein DIY-Platz im Internet sein, wie es ihn auch in der Stadt gebe. In der Internet-AG des Kollektivs sei er zurzeit aber leider das einzige Mitglied, gesteht Achim lachend.

    Klickt man auf einen kleinen Sticker rechts unten auf der Startseite von „Hitness Club“, gelangt man auf die externe Crowdfunding-Website, die Aktion ist aber schon vorbei. „Hallo, ich bin ‘ne tote Ratte, bitte spendet Geld für den Hitness Club“, wird man am Ende eines lustigen Werbevideos aufgefordert. Bisher soll nämlich nur die Technik von der Kulturstiftung der Länder gefördert werden. Die übrigen monatlichen Unkosten beliefen sich auf 1.600 Euro, sagt Achim. Für eine Unterstützung durch die Stadt sei der Hitness Club aber noch nicht etabliert genug.

    Das hält Rotte nicht davon ab, weiter zu planen: „In den Keller kommt das Kostüm- und Requisitenlager“, sagt Rotte und zeigt in Richtung Bartresen, hinter dem man in die „kunterbunte Hölle“ im Untergeschoss hinabsteigen kann. Wenn der Hitness-Club einmal richtig läuft und Corona-Einschränkungen wegfallen, möch­te Rotte Queer-Show-Abende veranstalten, bei denen Menschen sich einfach anmelden und dann vor Freund*innen oder anderen ihre „kleinen oder großen Talente“ zeigen können.

    Max unterbricht das Gespräch und serviert Kamillentee. Er studiert Ernährungswissenschaften und plant eine Show zu „Kochen und sowas“. „Kannst du mir vielleicht eine Limo mitbringen?“, fragt Achim ihn, als er zum Kiosk aufbricht. „Limo ist Gift“, erwidert Max nur. Rotte und Achim brechen in Gelächter aus. Die gewünschten Getränke bringt Max trotzdem mit.

    Hitness fliegt aus

    Fünf Tage später, an einem Samstagabend, steht für den Hitness Club das Filmen einer Performance in der Galerie KUB im Leipziger Süden an. Kurzfristig wird der Dreh ins eigene Studio verlegt, nur um dann doch wieder in der Galerie stattzufinden. Von Volkmarsdorf aus geht es daher mit dem Fahrrad durch Leipzig Richtung Südvorstadt. Heute sind Anita, Achim und Charlotte dabei. Sie wissen nicht, dass ihnen noch ein langer Abend bevorsteht.

    Nach einem kurzen Aldi-Abstecher müssen sie, in der Galerie angekommen, nämlich erst einmal warten, weil die Räumlichkeiten noch belegt sind. Im vorderen Bereich arbeitet ein Team an einer Kombination unterschiedlicher Beamer- und Bildschirmprojektionen mit Ton. Weiter hinten läuft eine Performance zu Ende, bei der ein Künstler eine Leinwand bemalt, an deren Rückseite Sensoren angebracht sind, die Töne erzeugen. Ein weiterer Künstler tanzt dazu.

    Im Innenhof der Galerie machen Anita, Achim und Charlotte es sich daher mit Snacks und Getränken bequem. Sie scherzen über Ideen für weitere Hitness-Projekte. Charlotte plant schon seit längerem eine Serie über Ärzt*innen: „Die tun so, als seien sie kompetent, ihre Zertifikate sind aber gefälscht.“ Nach einigem Hin und Her kann das Hitness-Team gegen 19.30 Uhr auf­bauen. Die Performance star­tet etwa eine Stunde später – oder besser: das Üben der Performance.

    Video gut, alles gut

    Der Auftritt ist nämlich noch eine Probe: „Wir haben bisher erst einmal zusammen Musik gemacht“, erzählt Aliya. Sie begleitet mit einem Synthesizer Beats, die von Elia kommen. Die beiden sitzen auf dem Boden und starren konzentriert auf ihre Instrumente. Es scheint so, als könnten sie ganz ausblenden, wie das Hitness-Team um sie herum in ständig wechselnden Konstellationen die musikalische Performance aufzeichnet.

    Mit Achims Kommentar „Film was du willst!“ werde auch ich Teil der Dreharbeiten. Unbeholfen zoome ich auf die Hände und Augen von Elia und Aliya. Dann entspanne ich mich immer mehr und filme auch Anita, während sie nebenbei isst, und Achim, der mit einer anderen Kamera um das Musik-Duo kreist. Parallel können alle ihre Arbeit live auf einem Laptop und einem alten Fernsehbildschirm mitverfolgen und mit Special Effects bearbeiten.

    „Seid ihr fertig?“, fragt Achim irgendwann, als Aliya und Elia sich schon unterhalten, die Musik aber noch läuft. Die Performance ist diskret ausgelaufen, Aliya ist mit dem Ergebnis nicht hundertprozentig glücklich: „Zwis­chen den Beats wusste ich manchmal nicht, wo ich noch Platz habe.“ Achim lächelt dagegen entspannt und verlässt den Raum zum Rauchen. Charlotte und Anita räumen das Equipment zusammen. Auch ihre Erwartungen wurden an diesem Abend enttäuscht: Sie dachten, dass es um 16 Uhr im Studio losgeht – sechs Stunden später ist die Luft bei ihnen raus.

    Titelfoto: Achim Kolba

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