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  • Weltretten per Profilbild

    Nach der Tötung George Floyds durch einen Polizisten folgte eine Solidaritätswelle auf Instagram oder Twitter. Kolumnist Dennis findet diesen Clicktivism bequemlich und ignorant.

    Wir alle haben noch die Szenen aus dem Video im Kopf, auf dem der Polizist in Minneapolis auf dem Nacken des Mannes kniet, der kurz danach an diesem sinnlosen und rassistischen Gewaltakt stirbt. Kurz danach gab es massive Ausschreitungen, der Hashtag #Icantbreath tauchte überall auf, ebenso wie gewaltige Black-Lives-Matter-Demos, auch hier in Europa.

    Beim Scrollen durch meinen Instagram-Feed wunderte ich mich dann zunächst über die vielen schwarzen Kacheln, bis mir klar wurde – dabei handelte es sich um einen Solidaritätsakt gegen rassistische Gewalt. So weit, so erwartbar. Doch dann? Das Profilbild wird nach kurzer Karenzzeit zurückgeändert, es folgen wieder Selfies und Foodporn-Normalität. Doch für die Betroffenen bleibt die Situation bescheiden wie eh und je. Immerhin gab es auch reale Maßnahmen, wie geplante Umstrukturierungen in der Polizei in Minneapolis, und hierzulande eine Debatte um Racial-Profiling, sowie Polizeigewalt.

    Portraitfoto von Kolumnist Dennis

    Kolumnist Dennis glaubt nicht an die reale Wirkung von Klicks.

    Das beschriebene Phänomen schimpft sich Clicktivism und bedeutet, mit Klicks, Petitionen oder Social-Media-Posts Solidarität für ein Anliegen zu kommunizieren. Das ist auch erstmal gar nicht so falsch, da auch diese Art des Ausdrucks zu einem Bewusstseinswandel der Rezipienten beitragen kann, was wiederum politisch aufgegriffen werden kann. Aber gerade abstrakte und in der Gesellschaft tief sitzende Problematiken wie struktureller Rassismus lassen sich nicht mal einfach so lösen, was eigentlich auch allen bewusst ist.

    Vielmehr sind zum einen politische Maßnahmen nötig, welche die rassismus-begünstigenden Strukturen aufbrechen und zum anderen müssen wir uns mit dem Problem wirklich auseinanderzusetzen, um es überhaupt verstehen zu können. Doch viele haben dazu keine Lust, denn das ist ja dann nicht mehr so instagrammable. Und das eigene Verhalten kritisch zu reflektieren und zu ändern ist ebenfalls keine Option, denn das ist ja unter Umständen anstrengend und unangenehm. Hinzu kommt auch noch, dass für viele User solche Solidaritätswellen eine willkommene Gelegenheit sind, ihre Reichweite zu erhöhen oder Aufmerksamkeit in der Followerschaft zu generieren. Solidarität als Waffe der Eigenprofilierung und Selbstdarstellung – man kennt es von der Freiwilligendienstindustrie, bei der sich weiße Europäer irgendwo in Afrika zwei Wochen zwischen Einwohnern fotografieren lassen und exakt nichts bewegen außer Geld auf das Konto der Anbieter.

    Clicktivism ist im Übrigen auch noch sehr inkonsequent, da viele Krisen-Hotspots noch nicht mal dafür taugen, zum Beispiel ist die Solidarität mit den Geschehnissen in Hong Kong, Uiguristan oder Russland in der Breite des Social-Media-Nutzerspektrums kaum vorhanden. Auch ihr wisst gar nicht, was dort los ist? Dann informiert euch!

    Wenn ihr wirklich mit eurem Verhalten zur Verbesserung des Status Quo auf dem Planeten beitragen wollt, wäre das ja super, aber es erfordert eben auch, sich mit den gegebenen Problemen konkret zu beschäftigen und diese auch nachhaltig zu lösen. Tretet zum Beispiel einer Initiative bei, einer Partei oder leistet Aufklärungsarbeit im Bekanntenkreis. Aber bitte hört auf euer Profilbild nach jeder Katastrophe zu ändern – das nervt.

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