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  • Aus den Augen, aus dem Sinn

    Die Stadt Leipzig hat beschlossen, sich stärker mit dem Gedenken an Todesopfer rechter Gewalt auseinanderzusetzen. Zur fehlenden Auseinandersetzung mit Rassismus im städtischen Gedenken.

    „Moralisch höherstehende Edelopfer“ – so bezeichnete der AfD-Politiker Roland Ulbrich im Leipziger Stadtrat am 17. Juni die Menschen, die seit 1990 aus rechter Motivation heraus getötet wurden. Er bezog sich auf einen Antrag der Linksfraktion zu würdigem Gedenken von Todesopfern rechter Gewalt, den der Stadtrat kurz danach mit großer Mehrheit beschloss. Anschließend rechnete er dem Stadtrat vor, dass es „nur“ 0,33 Todesopfer rechter Gewalt gewesen seien. Die Verhöhnung der Opfer löste bei den anderen Fraktionen Empörung aus. „Leiden ist immer individuell. Es ist in diesem Fall aber angemessen, Opfer rechter Gewalt hervorzuheben“, sagt Nils Franke, Historiker und Kulturwissenschaftler an der Universität Leipzig. Denn: Aufgrund ihrer Vergangenheit liege es in der DNA der Bundesrepublik Deutschlands, sich mit Rassismus auseinanderzusetzen.

    Laut dem Initiativkreis Antirassismus wurden seit 1990 acht Menschen in Leipzig von Neonazis getötet, zwei weitere Verdachtsfälle kommen hinzu. Nur vier davon sind tatsächlich staatlich als rechts motiviert anerkannt. Damit ist Leipzig die Stadt mit den meisten rechts motivierten Morden in Sachsen seit 1990. Die einzige Erinnerung ist ein Gedenkstein für den 2010 erstochenen Kamal K. im Müllerpark vor dem Hauptbahnhof. Das soll sich mit dem Beschluss des Stadtrats ändern. Der ursprüngliche Antrag umfasste die Errichtung von Gedenkorten und -tafeln, die Aufnahme der Thematik in die ständige Ausstellung des Stadtgeschichtlichen Museums sowie weitere inhaltliche Veran­staltungen unter Miteinbe­zie­hung der Angehörigen.
    Wem oder was eine Stadt Aufmerksamkeit widmet, zeigt sich überall: an Straßenschildern, Gotteshäusern, Museen, Statuen. Hier offenbart sich, welche Erinnerung sie kollektiv als wichtig erachtet. In Leipzig ist es vor allem die Erinnerung an die Friedliche Revolution. Zurecht, findet Nils Franke, schließlich fand sie hier ihren Anfang. „Das Gedenken an ‘89 sollte aber nicht verhindern, dass andere Anliegen weniger Chancen auf eine Aufnahme in das kollektive Bewusstsein haben“, sagt er. In Leipzig werde der Blick zu wenig nach rechts gerichtet: „Es müssen mehr Fördermittel gestellt, Akteur*innen unterstützt werden.“

    Einer dieser Akteur*innen ist Henry Lewkowitz. Er ist stellvertretender Vorsitzender des Erich-Zeigner-Hauses, das Auf-klärungsarbeit zu Rassismus und Nationalsozialismus leistet. Auch er beklagt die mangelhafte Erinnerungskultur an den Nationalsozialismus, nicht nur in Leipzig, sondern im ganzen Freistaat. „Es gibt ein unfassbar großes Missverhältnis in der Förderung von Institutionen, die sich mit der DDR auseinandersetzen, und denen, die das Gleiche mit dem Nationalsozialismus tun“, sagt er. Verantwortlich ist die Stiftung Säch­sische Gedenkstätten. Sie trägt Sorge, die Erinnerungskultur an die kommunistische und die nationalsozialistische Diktatur aufrechtzuerhalten. Ein Blick auf die ausgezahlten Fördergelder bestätigt jedoch Lewkowitz‘ These. Rund 85 Prozent der Fördergelder wurden von 2016 bis 2019 für Projekte mit DDR-Bezug bereitgestellt. Nur etwa ein Sechstel der Fördergelder diente der Unterstützung von Projekten, die sich der Erinnerung an den Nationalsozialismus widmeten. In Leipzig zeigen sich ähnliche Verhältnisse: Von den vier institutionell geförderten Vereinen, die sich mit Erinnerungskultur beschäftigen, arbeiten drei zur Aufarbeitung der DDR. Lewkowitz befürchtet, dass die mangelnde Auseinandersetzung mit Rassismus und dem Nationalsozialismus auch zu einem Erstarken der Rechten in Sachsen beiträgt.

    Das fehlende Bewusstsein zeige sich auch in der Stadtratsdebatte zum Antrag der Links­fraktion. Das Bündnis Rassis­mus tötet! äußert sich auf Anfrage von luhze: „Auch im Stadtrat ist der Aufklärungsbedarf enorm.“ Sie seien skeptisch, was die Neugestaltung der Dauerausstellung im Stadtgeschicht­lichen Museum betrifft. Grund dafür ist, dass im verabschiedeten Antrag nur noch von der Dauerausstellung die Rede ist. Gedenkorte und -tafeln sowie die Einbeziehung der Angehörigen finden keine Erwäh­nung. „Mit einem würdigen Gedenken der Betroffenen und Ermordeten des rechten Terrors in Leipzig hat dies nichts zu tun.“

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