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    Eingestaubtes Image und alte Gemälde waren gestern. Soziale Medien sind in den Kunstmuseen angekommen und beeinflussen Ausstellungen und Besuch. Auch in Leipzig.

    Das Gemälde der Mona Lisa ist 77 Zentimeter hoch und 53 Zentimeter breit – kleiner als viele denken. Denn oft kennt man nur Fotos davon und ist erstaunt, wenn man selbst davor steht. Fotos aus Museen sind keine Seltenheit mehr, in vielen Kunsthäusern darf und soll man heutzutage fotografieren. Zeiten, in denen man Fotoerlaubnisse erwerben musste oder gar nicht fotografieren durfte, sind vergangen. Denn auch wenn immer noch Jahrhunderte alte Bilder ausgestellt werden, sind viele Museen im Hier und Jetzt angekommen. Fotos-verboten-Schilder findet man in fast keinem der Häuser mehr und der Internetauftritt reicht meist weit über eine Webseite hinaus.

    Auch die Leipziger Museen sind fast ausnahmslos auf Social Media vertreten, am prominentesten wohl das Museum der bildenden Künste (MdbK). Auf Instagram folgen dem Museum fast 20.000 Menschen. Auf jedes Foto in der Story und jeden Tweet, in dem man den Account des Museums verlinkt, gibt es eine Antwort oder wenigstens ein Like. Die Wichtigkeit dessen hob der damalige Direktor des MdbK, Alfred Weidinger, im luhze-Interview im April 2019 hervor: „Jeder Besucher, der uns liket und unser Follower ist, wird genauso von uns ernst genommen wie jeder andere, der vorbeikommt. Uns ist es sehr wichtig, dass jeder, der was kommentiert oder fragt, eine Antwort bekommt.“ Doch es ist nicht nur der Austausch über die sozialen Medien, der die Kunstwelt verändert, Social Media hat direkten Einfluss auf die Kunst. Das sieht man zum Beispiel an der Ausstellung „Link in Bio. Kunst nach den sozialen Medien“, die das MdbK von Dezember 2019 bis März 2020 ausstellte. Über 50 Arbeiten, darunter Installationen, Videos, Gemälde, Skulpturen und Virtual Reality, befassten sich mit der Produktion und Rezeption von Kunst unter dem Einfluss von sozialen Medien. Diese Form von Kunst heißt Social Media Art und greift laut der Ausstellung „die Utopie der Net Art auf, die Kunstwelt demokratisieren zu können“. Denn über Social Media könne das Publikum direkt erreicht werden, sodass junge Künstler*innen in der Lage sind, direkt auf Inhalte, Trends und Technologien zu reagieren.

    Kuratiert wurde „Link in Bio.“ von Anika Meier. Sie schreibt in einem Artikel des Monopol Magazins über die Idee hinter der Ausstellung, dass „junge Künstler und Künstlerinnen, die im Internet groß geworden sind, raus aus den sozialen Medien und rein ins Museum wollen.“ So gab es in der Ausstellung zum Beispiel einen Spiegel, der wie eine Art live-Instagram-Filter den Gesichtsausdruck als Smiley wiedergab und fotorealistische Gemälde von Chris Drange, die zum Beispiel Kylie und Kendall Jenner und einen Emoji-Totenkopf täuschend echt zeigen. Damals kam Instagram ins Museum; seit durch Covid-19-Vorsichtsmaßnahmen alle Museen geschlossen sind, spielt sich der Museumsalltag nunmehr auf Instagram ab. Museen halten durch Fotos, Videos, Podcasts und Liveübertragungen interessierte Menschen auf dem Laufenden. Auch Anika Meier stellt auf ihrem Instagramprofil @anika Künstler*innen und ihre Kunst vor. Schließlich weiß niemand, wann die Tore zur Kunst wieder für Besuchende offenstehen werden.

    Anders war vor Covid-19 dagegen die Lage im Grassi Museum für Angewandte Kunst. Das Museum zeigt vor allem Kunsthandwerk, Design und angewandte Kunst von der Antike bis zur Gegenwart, daher gebe es wenige Berührungspunkte mit bildender Kunst, Video-Installationen und anderen Kunstformen, in denen Social Media Art derzeit reflektiert werde, so Grassi-Pressesprecherin Anett Lamprecht und Marketing-Verantwortliche Ulrike Pilz. Es ist also kein direkter Einfluss auf die Kunst, jedoch einer auf das Museum. Sie sind keine Orte des stillen Betrachtens mehr. „Im Grassi Museum für Angewandte Kunst werden in den letzten Jahren interaktive und partizipative Elemente schon bei der Konzeption von Sonderausstellungen mitgedacht. Zum Teil werden auch Selfie-Points integriert“, beschreibt Pilz den Wandel.

    Der Schriftzug Art Looks Much Better On Instagram ist um 90 Grad gedreht auf einem weißen Hintergrund schwarz gedruckt.

    Das Kunstwerk von Florian Kuhlmann war Teil der Ausstellung „Link in Bio.“ und spielt auf die Social Media Benutzung von Museumsbesucher*innen an.

    Partizipation. Demokratisierung. Das sind Worte, die immer wieder im Zusammenhang mit dem Wandel der Museen und neuer Kunst fallen. Doch laut Gisela Weiß haben „traditionelle Häuser das Problem, nicht partizipativ sein zu können“. Weiß ist Professorin für Museumspädagogik an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig (HTWK). Gemälde, Skulpturen und andere traditionellere Kunstformen seien einfach weniger interaktiv gestaltbar. Social Media Art sei von sich aus partizipativer. Sie betont jedoch, dass es kein neues Phänomen ist, denn „Netzkunst gibt es seit den 1990er Jahren“. Sie wünscht sich, dass soziale Medien und Kunst auch in der Lehre eine Rolle spielten. Denn der Masterstudiengang „Museumspädagogik – Bildung und Vermittlung im Museum“ an der HTWK, der das Modul „Formen medialer Vermittlung II: Digitale Medien“ enthält, steckt noch in den Kinderschuhen und wird stetig weiterentwickelt.

    Kunst in einer anderen modernen Form findet man im Kunstkraftwerk Leipzig. Über Beamer und Soundanlagen entsteht ein „Zusammenspiel von Video und Audio an acht Meter hohen Wänden sowie auf den Fußböden“, beschreibt der Pressesprecher des Kunstkraftwerks, Frank Schmiedel, das Erlebnis sogenannter digital darstellender Kunst. Im Kunstkraftwerk gab es zuletzt Ausstellungen zu Vincent van Goghs Werken, Friedensreich Hundertwasser und Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“. „Klassische und digitale Kunst vertragen sich sehr gut, sie bereichern und befruchten sich gegenseitig“, betont Schmiedel. „Die klassische Kunst wird zu moderner Kunst, da sie in einem modernen Setting, mit veränderter Dramaturgie und mittels aktueller Technologien neu präsentiert wird.“ Damit wird laut Schmiedel Kunst auch einer breiteren Besucher*innengruppe zugänglich gemacht, die vielleicht weniger oft in ein klassisches Museum oder Galerie gehen würde, da die dortige Darreichungsform zu altbacken wäre. Auch Social Media sei für Besucher*innen im Kunstkraftwerk wichtig. Jedoch eher, um zu zeigen „Ich war hier“. Schmiedel sagt aber auch, dass man das Erlebnis im Kunstkraftwerk schlecht auf einem Foto einfangen kann. „Deshalb sind die Social Media-Beiträge der Besucher mehr eine Art Vorspeise.“

    Social Media und Social Media Art findet offensichtlich Wege in die Leipziger Museen. Auch wenn es im Moment eher der Blick auf das Smartphone als der Gang in die Galerie oder das Museum sein muss, um Kunst zu erfahren. Wie sich diese Krise auf Museen auswirkt, weiß noch niemand. Über die Zukunft von Kunstmuseen fand der scheidende Direktor des MdbK, Weidinger, im luhze-Interview im Juli 2019 klare Worte: „Die Zeit der klassischen Kunstmuseen ist vorbei, diese Museen wird es immer geben, weil sie ihre Berechtigung haben. Aber sie sind längst selber zum Museum geworden.“

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