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  • „Momentaufnahmen von durchwachten Nächten“

    Mit unserer Januar-Ausgabe haben wir auch die 150. Ausgabe dieser Zeitung herausgebracht. Zu diesem Anlass hat luhze-Redakteurin Hanna Lohoff mit student!-Mitgründer Henri Kramer gesprochen.

    Henri Kramer hat im Jahr 2000 gemeinsam mit einer Gruppe Leipziger Journalistik-Studierender diese Zeitung ins Leben gerufen – damals noch unter dem Namen student!. luhze-Redakteurin Hanna Lohoff hat mit Kramer über die Gründung, Weiterentwicklung und Bedeutung des Mediums gesprochen.

    luhze: Die Gründung ist jetzt fast 20 Jahre her, dies ist die 150. Ausgabe. Macht dich das stolz?
    Kramer: Ja, schon. Ich bin inzwischen 40 Jahre alt. Es ist eine große Freude zu sehen, dass es etwas, das ich mit Anfang 20 angefangen habe, immer noch gibt. Wir haben das ja damals nicht ohne Grund gegründet. Es ist toll zu sehen, dass es immer noch funktioniert.

    Wie war das damals bei der Gründung? Habt ihr bei einem Bier zusammengesessen und gesagt: „Lass uns mal eine Hochschulzeitung gründen“?
    Damals waren die Studienbedingungen noch andere als heutzutage. Wir haben alle auf Diplom studiert, da war vieles noch nicht so verschult wie heute. Wir hatten viele Freiräume und wenige Seminararbeiten. Irgendwie müssen wir uns dann offensichtlich gelangweilt haben und es gab keine andere Hochschulzeitung. An diesem Zustand wollten wir etwas ändern. Das war ein ganzes Team aus meinem Jahrgang. Wir waren alle im zweiten Semester, hatten das erste ausgiebig mit Feiern verbracht und dann haben wir angefangen, uns Gedanken über die Gründung zu machen.

    Wir haben heute immer mal wieder Probleme mit der Finanzierung. Wie habt ihr dieses Problem anfangs gelöst?
    Wir sind da mit eigenem Geld in Vorkasse gegangen, jeder wie er konnte. Die Hoffnung war, dass sich das mit der Zeit anfängt zu tragen, was glücklicherweise funktioniert hat. Da wir aber ziemlich unerfahren waren, war der Anfang natürlich mit Fehlern und enormem Zittern verbunden. Die Suche nach einer Druckerei, die in so geringer Auflage druckt, war sehr schwierig. Die zweite Ausgabe mussten wir auf wahnsinnig teurem Hochglanz-Papier drucken. Es hat gedauert, bis sich alles gefunden hat. Wir mussten die Zeitung auf unseren privaten PCs, die natürlich nicht dem heutigen Stand entsprachen, selbst produzieren und haben uns alles selbst beigebracht. Es gab immer viel zu tun. Wenn es in die Endredaktion ging, war das oft mit erheblichem Schlafmangel verbunden. Am Ende mussten zwei Leute mit den fertigen Dateien, auf CD gebrannt, zur Druckerei nach Erfurt fahren. Das Internet war damals eben noch nicht so verbreitet wie heute.

    Mittlerweile arbeitest du als Reporter für die Potsdamer Neueste Nachrichten (PNN) und den Tages­spiegel. Inwiefern hat dir deine Zeit bei student! den Weg in den Journalismus geebnet?
    Das hat mir ziemlich viel geholfen, weil ich gelernt habe, dass eine Zeitung nicht nur Schreiben ist, sondern auch etwa Werbung ranholen oder Layouten. Wenn man eine eigene Zeitung gründet, hat man eine Verantwortung für das Gesamtprodukt. Das war sehr prägend. Selbstständiges Arbeiten konnte man bei student! sehr gut lernen.

    Im Juli letzten Jahres haben wir unseren Namen geändert. Wir haben uns an den Namen luhze mittlerweile gewöhnt, was hältst du davon?
    Im ersten Moment fand ich es überraschend und habe überlegt, ob ich mich jetzt ärgern soll. Aber eine neue Generation setzt eben andere Prioritäten und wir haben als Gründer keinen Alleinvertretungsanspruch. Ich mag selbst eigentlich keine Kunstnamen, fand die Namensänderung aber völlig legitim. Ich denke, dieser Name funktioniert in Leipzig.

    Also hingst du sehr an dem alten Namen?
    Es ist im Endeffekt nur ein Name. Was zählt, ist, dass es eine Studentenzeitung gibt, die Öffentlichkeit für Hochschulthemen schafft.

    Warum ist eine Hochschulzeitung für Leipzig weiterhin so wichtig?
    Zeitungen sind allgemein wichtig, um Haltung in der Öffentlichkeit zu schaffen. Das sieht man an dem Zeitungssterben in den USA, wo es in einigen Regionen gar keine Zeitung mehr gibt. Da geht dann etwa das ehrenamtliche Engagement zurück, weil die Leute keine Öffentlichkeit mehr bekommen oder Korruption nimmt zu, weil niemand mehr hinschaut. Deswegen ist auch an einer Hochschule eine Zeitung enorm wichtig, um sich kritisch mit den Entscheidungen der Hochschulleitung und des gewählten Studentenparlaments auseinanderzusetzen sowie ein Debattenforum über die Entwicklung der Hochschule zu sein. Auch als unabhängige Ausbildungsplattform für angehende Journalisten ist die Zeitung wichtig. Junge Menschen haben mit luhze ein Mittel, sich ganz praktisch mit Journalismus zu befassen.

    Was ist deine Lieblingserinnerung, wenn du an deine Zeit bei student! zurückdenkst?
    Sehr cool waren immer die großen jährlichen Partys, die wir in der Moritzbastei mit Leipziger Bands gefeiert haben. Diese ganzen Bands ranzuholen, daran kann ich mich noch mit großer Freude erinnern. Und natürlich blitzen jetzt Momentaufnahmen von durchwachten Nächten in mir auf, in denen irgendwann die Computer nicht mehr gingen und alle nur noch verzweifelt waren. Aber es hat am Ende doch immer geklappt. Für diese Momente hat dann nur noch die symphonische Filmmusik gefehlt. Und ganz am Anfang: Die fertigen Zeitungen stapelweise geliefert zu bekommen und dann wild drum herum zu tanzen, das sind die eindrücklichsten Szenen, die ich noch in Erinnerung habe.

     

    Foto: Ottmar Winter PNN

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