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  • Ein Raum für Erinnerung

    Am Donnerstag feierte das szenische Chorprojekt der Oper Leipzig „Über.Leben!“ Premiere in der Peterskirche. Das Ergebnis sind ergreifende und einzigartig inszenierte 100 Minuten.

    Erst in den späten 70er Jahren – über zwanzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs – erlebte die Erinnerungskultur um den Holocaust eine angemessene Aufarbeitung des Geschehenen. Jahrelang wurde nicht darüber geredet, sowohl auf Seite der Opfer als auch der Täter*innen herrschte Schweigen. Heute stehen wir vor der Frage, wie künftigen Generationen, denen Überlebende ihre Geschichten nicht mehr persönlich erzählen werden können, dieses Kapitel der Geschichte nahe gebracht werden kann. Das szenische Chorprojekt „Über.Leben!“ der Oper Leipzig versucht dies mit Worten, mit Musik, mit Symbolik. Zu Stücken von Olivier Messiaen, Gideon Klein, Francis Poulenc, Arnold Schönberg und anderen soll die Bedeutung des Erinnerns in unserer Zeit reflektiert werden.

    In der Peterskirche stehen an diesem Abend keine Kirchenbänke. Stattdessen sind quaderförmige graue Blöcke unterschiedlicher Längen und Breiten im Kirchenschiff aufgestellt worden – und schon ist man in Berlin, am Denkmal für die ermordeten jüdischen Menschen Europas. Die verwirrten Besucher*innen werden darauf hingewiesen, sich ruhig auf die Blöcke zu setzen. Mittendrin ein Klavier, beim Altarraum sitzt das Orchester.

    Thomas Eitler-de Lint, seit der Spielzeit 2017/2018 Chordirektor der Oper Leipzig, leitet die ersten Töne des Orchesters ein. Gespielt wird Dimitri Schostakowitsch‘ Kammersinfonie 110a, die der Komponist den Opfern von Krieg und Faschismus widmete. Es sind subtile und zarte Klänge eines Streichorchesters, die Musik erwacht. Doch schnell wirkt sie bedrohlicher, schwerer, wird lauter, bis sie langsam wieder verstummt.

    Auftritt des Erzählers: Christian Intorp zitiert Ausschnitte aus dem Roman „Monster“, geschrieben vom israelischen Schriftsteller Yishai Sarid. Der Protagonist ist ein junger Historiker, der in den Gedenkstätten der Konzentrationslager als Guide sein Geld verdient. Intorp wird zum Ich-Erzähler, er spielt die Rolle so authentisch, dass man vergessen könnte, dass es nicht seine eigenen Erinnerungen sind. Er springt auf den Blöcken umher, ist mitten im Publikum. Verschiedene Charaktere spricht er mit unterschiedlichen Stimmen, baut hier und da Dialekte ein, schreit vor Wut oder schluchzt vor Trauer. Manche schauen zu ihm herauf, einige starren auf den Boden, gehen in sich. Viele haben Tränen in den Augen, einzelne Zuschauer*innen können sie nicht zurückhalten, oder wollen es nicht. In diesem Raum sollen Gefühle nicht versteckt werden, er ist so konzipiert, dass man einander ansieht, anstatt kollektiv in die gleiche Richtung zu schauen. Es entsteht, bewusst oder unbewusst, ein stiller Dialog. Intorp bestärkt dies in seinem Monolog durch Fragen wie: „Was hättest du getan?“

    Darauf folgt das Überraschungsmoment des Abends. Der Pianist beginnt zu spielen und der Chor singt „Mayn Rue Plats“ von Morris Rosenfeld – der Chor, der sich in Alltagskleidung unter den Gästen befindet. Noch bevor man sich über die plötzlich singenden Sitznachbar*innen wundern kann, stehen die Chormitglieder auf. Sie beginnen langsam durch den Saal zu schreiten, gehen dicht an den Zuhörenden vorbei. Anstatt wie üblich von der Chorempore, eher unnahbar und distanziert, erklingt der Gesang hier von allen Seiten. Man fühlt sich, als sei man Teil der Performance. Bei jedem Lied variiert die Position des Chors. Einmal legen sich einige Chormitglieder auf die Blöcke, ein anderes Mal bilden sie einen geschlossenen Kreis um das Publikum. Dabei geht der kanonartige Gesang im Uhrzeigersinn um wie eine Welle. Manchmal singen sie leise, an einem vorbeilaufend, sodass man Gänsehaut bekommt; manchmal singen sie so laut, dass es durch Mark und Bein geht. Immer sitzt man direkt daneben. Den ganzen Auftritt lang scheinen sie sehr ergriffen zu sein, sie umarmen sich oder halten sich an den Händen – sie sind Teil der Geschichte, die hier erzählt wird.

    Das Foto wurde von oben aufgenommen. Man sieht das Publikum und vereinzelt dazwischen die Chromitglieder, erkennbar an ihren schwarzen Mappen.

    Nur an ihren Textmappen erkennbar: die Chormitglieder mitten im Publikum

    Mit „Über.Leben!“ schafft die Oper Leipzig nicht nur eine einzigartige Inszenierung, sondern auch die Möglichkeit, sich buchstäblich in die Erinnerung hineinzubegeben: die Unmittelbarkeit zwischen dem Publikum und dem Chor, das Sitzen auf dem Denkmal, die rhetorischen Pausen, die Intorp auf bestimmte Fragen folgen lässt. Zentrale Aspekte des Romans, vor allem die oft schmerzhafte Selbstbeobachtung, werden geschickt mit der Inszenierung verknüpft. Die Bedeutung hinter der Symbolik scheint klar: Auch 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz, wenn immer weniger Überlebende des Holocaust Zeugnis ablegen können, dürfen wir uns nicht distanzieren, sondern tragen die kollektive Verantwortung, den fortwährenden Prozess der Erinnerung zu erhalten. „Über.Leben!“ zeigt, dass die Kunst ein wundervoller Ort dafür ist.

    Eine weitere Aufführung von „Über.Leben!“ findet am Freitag, den 14. Februar, ebenfalls um 19:30 Uhr in der Peterskirche statt.

    Fotos: Tom Schulze

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