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  • Ein Projekt macht Schule

    Seit zehn Jahren entsendet die Organisation Teach First Deutschland Menschen nach ihrem Studium für zwei Jahre an Schulen. Für die praktische Arbeit gibt es viel Lob, intern wird auch Kritik laut.

    Maria Braune hat ein anstrengendes Jahr hinter sich, die kommenden Monate werden wahrscheinlich ähnlich nervenaufreibend sein. Trotzdem wirkt sie nicht müde, im Gegenteil: Aus ihren Augen sprüht der Tatendrang. Wenn es nach ihr geht, dann war die Arbeit der letzten Monate erst der Anfang.

    Seit bald einem Jahr unterrichtet Braune in der vierten Klasse einer Chemnitzer Grundschule, wo sie die Lehrkräfte unterstützt und eigene AGs anbieten kann. Nachdem sie an der Universität Leipzig ihren Master in Politikwissenschaften gemacht hatte, wollte sie praktisch arbeiten, um ihre Vision einer gerechteren Gesellschaft zu verwirklichen. „Im Grunde geht alles bei der Bildung los“, dachte sie sich und bewarb sich bei der Organisation Teach First Deutschland. Die entsendet seit 2009 frischgebackene Bachelor- oder Masterabsolventen aus ganz Deutschland  für zwei Jahre an sogenannte Brennpunktschulen, um für mehr Chancengleichheit zu sorgen: Noch immer hängt in Deutschland der Schulabschluss maßgeblich vom Bildungshintergrund der Eltern ab.

    Deutschlandweit arbeiten mittlerweile 216 sogenannte Fellows an insgesamt 175 Schulen, dafür erhalten sie pro Monat zwischen 1.850 und 2.200 Euro brutto. „Das sind Menschen, die Bock auf gesellschaftliche Veränderung haben“ sagt Kilian Stephan, der in Leipzig für Teach First in der Öffentlichkeitsarbeit tätig ist. Für die Arbeit der Fellows bekommt Teach First viel Lob: Laut einer Studie der Universität Bielefeld aus dem Jahr 2011 sehen sowohl das Lehrpersonal als auch die Schüler die Arbeit der Fellows überwiegend positiv. Teach First verweist außerdem auf interne Erhebungen, die bei den Schülern einen signifikanten Lernfortschritt ausmachen konnten. Die Lehrkräfte selbst sind geteilter Meinung, wie Ilka Hoffman von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) ausführt: Auf der einen Seite sei es gut, wenn junge Menschen Erfahrungen im Bildungsbereich machen würden, die Schulen würden sich auch über jede Unterstützung freuen. Andererseits könnten die Fellows nur zusätzliche Hilfe leisten – auf keinen Fall dürften sie teurere reguläre Lehrkräfte ersetzen, wie das bei der US-amerikanischen Vorbildorganisation Teach for America schon passiert sei. Auch Heinz-Peter Meidinger vom Deutschen Lehrerverband hält das Engagement der Fellows prinzipiell für wertvoll, sähe aber „lieber mehr gut ausgebildete Pädagogen auf lange Zeit“ an den Schulen.

    Besonders kritisch äußert sich Thomas*, dessen eigene Zeit als Fellow bereits hinter ihm liegt. Er hält das Anliegen von Teach First für wichtig, sagt aber auch: „Ich glaube, dass wir es besser machen könnten.“ Zum einen vermisst er bei Teach First politische Forderungen, die darauf eingehen, wie Ungerechtigkeiten im Bildungswesen systematisch beseitigt werden könnten. Er beklagt außerdem eine stark hierarchische Trennung zwischen Angestellten und Fellows. Vor allem aber hält er die Finanzierung von Teach First für problematisch: Unter den Förderern befindet sich der Immobilienkonzern Vonovia, dem seit Jahren überteuerte Mieten und unlautere Unternehmenspraktiken vorgeworfen werden. Thomas selbst hat am Stadtrand einer deutschen Großstadt gearbeitet, viele der Familien an seiner Schule seien erst wegen steigender Mieten gezwungen gewesen, aus dem Stadtkern wegzuziehen. Letzen Endes trage das Unternehmen so stark zu der gesellschaftlichen Spaltung bei, gegen die sich Teach First doch einsetze.

    Kilian Stephan aus der Öffentlichkeitsarbeit verweist hier auf die Richtlinien: Bestünden Zweifel an der Zusammenarbeit mit einem Unternehmen, würde Teach First ein „internes Ethikkodexverfahren“ einleiten, an dessen Ende ein Gremium, dem unter anderem Mitglieder der Geschäftsführung und des Betriebsrats angehören, eine Entscheidung treffen würden. Allerdings kommentierte Teach First auch auf Nachfrage nicht die Förderung durch Vonovia. Auch eine Nachfrage zum Förderer Accenture blieb unbeantwortet – ein Untersuchungsausschuss des Bundestags beschäftigt sich momentan im Rahmen der „Berateraffäre“ mit der Unternehmensberatung.

    Maria Braune jedenfalls fühlt sich bei Teach First gut aufgehoben und sieht auch den Umgang von Angestellten und Fellows „auf einer Ebene“. Der Anfang an der Chemnitzer Schule war hart: „Ich hätte nicht erwartet, dass in Deutschland im 21. Jahrhundert soziale Missstände so hart sein können“, sagt sie. Sie fühlt sich aber gut aufgehoben in den internen Fortbildungen, auch unter den Fellows gebe es bei diesen Treffen einen „fruchtbaren Austausch“. Wenn sie in einem halben Jahr ihren Dienst beendet, will sie erst einmal durchatmen – und dann schauen, wie sie ihre Arbeit fortsetzen kann.

    *Name von der Redaktion geändert

     

    Titelbild: Teach First Deutschland

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