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  • „In Taiwan lebt man wie in Deutschland“

    Der Konrad-Adenauer-Preisträger André Laliberté forscht zu konfuzianistisch geprägten Wohlfahrtssystemen und dem Unterschied zwischen Taiwan und der Volksrepublik China.

    „Ich habe mich schon immer für Geschichte und Geisteswissenschaften, aber auch praktische Dinge interessiert“, sagt André Laliberté und er fügt hinzu, dass Politikwissenschaft seiner Auffassung nach im perfekten Verhältnis zwischen beiden Sphären steht. Er arbeitet an der School of Political Studies der University of Ottawa. Sein Schwerpunkt ist die Rolle von Religion in asiatischen Gesellschaften. Der Politologe ist der diesjährige Gewinner des Konrad Adenauer-Forschungspreises für kanadische Wissenschaftler*innen. Der Forschungspreis, der vom Auswärtigen Amt finanziert wird, soll die bisherige Gesamtleistung international anerkannter Wissenschaftler*innen verschiedener Fachrichtungen auszeichnen. Dotiert ist der Preis auf 60.000 Euro. Vorgeschlagen wurde Laliberté von Christoph Kleine, Professor an der Fakultät für Geschichte, Kunst und Orientwissenschaften der Universität Leipzig und einer der Leiter*innen der universitären Kollegforschungsgruppe „Multiple Secularities – Beyond the West, Beyond Modernities“. Eine Kolleg-Forschungsgruppe ermöglicht ein Zusammenarbeiten ausgewiesener Wissenschaftler*innen zur Weiterentwicklung eines sozial- oder geisteswissenschaftlichen Forschungsthemas an einem Ort. Im Moment ist Laliberté auf Kleines Einladung hin ein zeitweiliges Mitglied dieser Forschungsgruppe in Leipzig.

    Das Konzept der Säkularität sei in Europa oder Nordamerika, trotz unterschiedlicher Geschichte, grundsätzlich gleich, erklärt Laliberté. Es gehe im Grunde immer um die Beziehung zum Christentum. In Ostasien gestalte sich die Lage schwieriger, da nicht bloß eine Religion und ihr Verhältnis zum Staat betrachtet werden könne. In China, Japan oder Korea gibt es mehr als eine Religion. Die Menschen dort haben diese bis ins 20. Jahrhundert nicht einmal als Religionen begriffen: „Bestimmte Rituale sollten für Verbesserungen im Leben sorgen und manche Menschen lebten eben in lange Roben gewandet in Klöstern“, führt Laliberté aus. Diese Dinge wurden aber nicht als Religion und somit nicht als von Staat und Gesellschaft abgegrenztes Konstrukt betrachtet.

    Seine Untersuchungen begann Laliberté in Taiwan. Im Vorfeld hatte er zwei Jahre lang intensiv Mandarin gelernt – fünf Schriftzeichen am Tag. Er erzählt, ihn habe die Vorstellung geleitet, dass Taiwan und China ihre kulturelle Herkunft teilten, sich aber völlig anders entwickelt hätten. Am klarsten trete hier die Stellung von Frauen in der Gesellschaft als Beispiel zutage. Im chinesischen Zentralkomitee ist keine Frau zu finden. Dahingegen ist die Zusammensetzung des taiwanischen Parlaments sogar progressiver als im deutschen Bundestag. Hierzulande sind 31,17 Prozent der Parlamentarier*innen weiblich, in Taiwan sind es 38 Prozent. Auch die taiwanische Präsidentin ist eine Frau. Manchmal brachten Menschen während Lalibertés Forschung in China an, demokratische Konzepte würden einfach nicht zur chinesischen Kultur passen. Er fragt dann, mit einem Verweis auf Taiwan, was sie denn unter chinesischer Kultur verständen. Für ihn lässt sich eine Begriffsdefinition des Chinesischen nicht leicht bewerkstelligen. Das läge an den verschiedenen Sprachen und Religionen. Viele der Unterschiede, die ihn an seiner Arbeit faszinieren, können in politischen Entwicklungen gefunden werden.

    Vor über 50 Jahren hat unter Mao Tse Tung in der Volksrepublik China die große Kulturrevolution stattgefunden. Im Rahmen dessen wurde auch dazu aufgerufen, den Konfuzianismus zusammen mit dem „Müll der Vergangenheit“ wegzuschmeißen, da dieser nicht gut für die Idee des neuen China sei. Über die Zeit wurde der Konfuzianismus durch Wechsel in der politischen Machthabe des Landes nach und nach rehabilitiert, da die Parteiführung erkannte, dass diese Morallehre doch ein Teil der chinesischen Kultur sein kann. Taiwan entwickelte sich stattdessen ganz anders. Eine flächendeckende staatliche Gesundheitsversicherung wurde 1994 eingeführt, zudem gibt es ein Rentensystem. Laliberté sagt, dass es aufgrund eines gleichen Levels an Freiheit, sozialem Fortschritt und ähnlichen Lebensstandards in Taiwan heutzutage genauso aussehe, wie in Deutschland. Aus diesem Grund hält er eine Annäherung zwischen der Volksrepublik und Taiwan für unwahrscheinlich. „Um ehrlich zu sein, ich wüsste nicht, was die chinesische Regierung tun könnte, um Menschen in Taiwan zu einer politischen Wiederversöhnung zu bewegen“, sagt Laliberté. Denn China habe klargemacht, dass es nicht demokratischer werden will. „Taiwan aber ist auf dem Weg, ein westliches Land zu werden und die Taiwanes*innen sind deswegen nicht bereit, ihre Freiheiten wieder aufzugeben.“

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