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  • Tür an Tür und Wand an Wand

    In ihrer Sonntagskolumne teilt Redakteurin und bekennendes Stadtkind Lisa ihre Gedanken über Komik, Frust und Bedeutung der städtischen Nachbarschaft.

    Ich erwache unsanft, denn es trötet über mir. Seit ich letzten Sommer in eine neue Wohnung gezogen bin, kommt es im regelmäßigen, manchmal fast täglichen Rhythmus dazu, dass direkt über mir eine Trompete zu erklingen beginnt. Das passiert meistens nachmittags, aber leider eben auch morgens. Meine Mitbewohnerin und ich haben unseren wirklich hart und fleißig übenden Nachbarn bereits „Trompetenschlumpf“ getauft. Natürlich könnte es auch eine „Trompetenschlumpfine“ sein, aber getraut, das herauszufinden, haben wir uns irgendwie noch nicht.

    Als Stadtkind™ gab es für mich nie eine Zeit, in der ich keine mit mir Tür an Tür, Wand an Wand und Decke an Boden lebenden Nachbarn hatte. Ist es da nicht verwunderlich, mit wie wenigen von ihnen ich mehr als ein freundliches Nicken oder gar „Hallo“ im Treppenhaus ausgetauscht habe? In der Wohnung, in der ich bis zu meinem 14. Lebensjahr wohnte, hatten wir eine Nachbarin, die, obwohl es diesen Begriff damals noch nicht in meinem Sprachgebrauch gab, nur rückwirkend als Catlady bezeichnet werden kann. Diese Dame, anders als meine Eltern, war sehr am nachbarschaftlichen Austausch interessiert und so gelang es ihr mehrmals, mich zum Hüten ihrer Katzen zu überreden. Ich weiß noch genau, wie spannend ich es damals als kleines Mädchen fand, ganz allein in die Wohnung direkt neben unserer gehen zu dürfen und mich nach dem pflichtbewussten Füttern von Miez und Maunz ein wenig umzusehen und herauszufinden, was für ein Mensch da eigentlich neben uns wohnt.

    Während meines Auslandsjahres in Irland erfuhr ich das erste Mal, was Nachbarschaft in anderen Nationen bedeuten kann. Mein Mitbewohner und ich hatten die Wohnung am Ende eines Gebäudekomplexes und jeden Tag, wenn ich von der Uni kam, passierte ich das Wohnzimmerfenster dreier junger Frauen. Aus freundlichem Winken und einem leisen „Hey“ wurde irgendwann ein Hereinwinken und „Have a drink with us!“. Das führte dazu, dass ich mir ein paar Bier später kurzerhand den großen (zwei Meter mindestens) Bruder einer der Damen auslieh, welcher gerade zu Besuch war, damit er meinem, wie ich auch eher kleingewachsenen Mitbewohner und mir die Deckenleuchten auswechselt. Ich schenkte ihm als Belohnung einen Keks.

    Kolumnistin Lisa Marie Schulz

    Kolumnistin und Stadtkind Lisa Marie Schulz

    Ein städtisches Wohnhaus, anders als das Einfamilienhaus oder die Doppelhaushälfte, ist wie sein eigener sozialer Kosmos. Man riecht schon im Treppenhaus, was die Oma im obersten Stock heute zum Mittag gekocht hat, nimmt Pakete für das gesamte Haus an und fragt sich, ob man nicht vielleicht zu oft zuhause ist und fühlt sich geeint in der Illusion, dass ein „Bitte keine Werbung einwerfen“ Sticker mehr als bloße Briefkasten-Deko ist. Obwohl man sich die Menschen, mit denen man diesen Kosmos teilt, nicht ausgesucht hat, ist genau das doch eines der angenehmeren Symptome des urbanen Lebens. Natürlich braucht es in der Anonymität der Stadt mehr Überwindung über ein freundliches Grüßen hinauszugehen, weil man öfter umherzieht und sich immer wieder auf ganz neue Menschen einstellen muss. Doch selbst wenn man manchmal Dinge hört (Sex-Geräusche schon im Treppenhaus) und sieht (ein nicht sorgfältig zugeknoteter Bademantel) gibt einem Nachbarschaft auf engerem Raum, neben unvorhergesehenen Bekanntschaften, die Möglichkeit, im allergrößten Notfall wirklich mal nach Mehl fragen zu können und vor allem immer das Gefühl, nicht ganz alleine in der Welt zu sein.

    Wenn ich das nächste Mal unsanft von einer von der Schlumpf(ine) trompeteten Tonleiter geweckt werde, sollte ich vielleicht anstatt zu stöhnen und die Faust zur Decke zu ballen, einfach mal einen Zettel mit Liederwünschen unter der Nachbarstür durchschieben.

     

    Grafik: Marie Nowicki