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  • Der Realität entfliehen

    Das DOK-Festival am 31. Oktober 2017

    Kaum sprang die Uhr auf 12 Uhr, wurde es schon voll im Messehof: Die Virtual Reality (VR)-Brillen waren dauerbesetzt, an manchen Plätzen musste man anstehen. Der Eröffnungstag von „DOK Neuland“ brachte bereits viele Schaulustige zur interaktiven Ausstellung des diesjährigen Filmfestivals.

    Insgesamt zehn ganz besondere Arbeiten warteten darauf, vom Publikum entdeckt zu werden. Neben vier 360°-Filmen (ein absolutes Muss!) konnten zwei Webdokumentationen, ein sogenanntes „animated painting“, zwei Transmedia-Installationen und ein interaktiver Film bestaunt werden. Besonders die 360°-Filme erfreuten sich dabei großer Beliebtheit, was nicht zuletzt an den unterschiedlichen Weisen ihrer Darstellung liegt: Ob dokumentarisch als Realfilm, vor den Augen des Zuschauers wie live gemalt oder detailreich als Animationsfilm, das Erlebnis ist einzigartig.  Der interaktive Film „The Maribor Uprisings“ wirbt dagegen durch „Storytelling“ mit Konsequenzen, der Zuschauer muss selbst entscheiden, in welche Richtung die Geschichte weitergeht. Sobald er gewählt hat, entwickelt sich ein entsprechender Handlungsstrang, der zu wiederum weiteren Entscheidungen führt. In einem separaten Raum wartet dann noch das gefeierte Transmedia-Projekt „Das Kongo-Tribunal: Zeuge J & Die Hearings“, die Erweiterung des gleichnamigen Dokumentarfilms von Milo Rau, der auch im DOK-Programm läuft. Ergänzend zu einem browserbasierten Spiel ermöglicht eine „Room-Scale-VR-Experience“ einen noch intensiveren Einblick in das, was für die Opfer des Kongokrieges Realität ist. „DOK Neuland“ ist noch bis Samstag täglich von 12 bis 20 Uhr für weitere Neugierige geöffnet.

     

    Auch das Filmprogramm selbst startete in vollen Zügen: Nach dem animiert-gezeichneten Kurzfilm „Folly“ mit Themenfokus auf Krieg und Tod scheint das Blätterrauschen, mit dem „Baek-Gu“ beginnt, fast unwirklich ruhig. Der Dokumentarfilm aus Südkorea hat sich eigentlich dem Leben des titelgebenden schmutzig-weißen Hund Baek-Gu verschrieben, einem, der auf einem Flachdach gegenüber eines Supermarktes lebt. So zumindest erklärt es die Filmemacherin zu Beginn. Doch nachdem sie etwa zwanzig Minuten lang filmisch den Hund beobachtet und verschiedene Menschen über ihn befragt hat, verschwindet das Tier plötzlich aus der Handlung. Stattdessen richtet sie ihr Augenmerk auf andere Ort und andere Geschichten – und der Film verliert damit den Fokus. Das wilde Puzzle aus Bild- und Textbausteinen, in den der Film jetzt abgleitet und dem der rote Faden fehlt, scheucht einige Zuschauer sogar vorzeitig aus dem Saal.

    Mehr Action gab es hingegen im Jugendprogramm unter dem Motto „Escaping Realities“: Der animierte Kurzfilm „I was a winner“ behandelt die Themen Online-Gaming und Spielsucht auf ungewohnt kreative Weise: Aus der Sicht ihrer animierten Spielcharaktere erzählen drei ehemalige Gamer von ihrem Weg in die Sucht, ihrem Leben damit und der Herausforderung, ihr wieder zu entfliehen. Die grafisch sehr ansprechende Darstellung lässt das Videospielerlebnis vor den Augen der Zuschauer entstehen. So streift der tapfere Krieger durchs Unterholz, während er von Problemen mit dem Stiefvater und schlechten Schulnoten berichtet. Die Katzenfrau hat  ihren Freund im Spiel geheiratet, während sie schweigend nebeneinander zuhause saßen. Und der blutrünstige Barbar, hier friedlich am Feuer ruhend, berichtet über das schlimmste Erlebnis in seinem Leben: Zu hören, dass seine Frau schwanger sei. „Ich habe mich gefragt, wie das Baby mein Spielen beeinflussen wird.“ Alle drei haben am eigenen Leib erlebt, wie das Spielen Beziehungen verändert – und zerstört. Alle erzählen von Leid und von Einsamkeit, aber auch von der Befreiung aus der Hölle „Spielsucht“.

    Auch Ann Orean ist gefangen in ihrer Welt: Sie spielt eine junge Cosplayerin, welche nach Tokio gezogen ist, um ihr Dasein als Hatsune Miku in vollen Zügen ausleben zu können. Die Dokumentation „The World is Mine“ begleitet das Leben der jungen Frau, wenn sie mit knöchellangen Haaren und Mundschutz durch die Straßen der Stadt wandelt. Neben den einsamen Seiten der kontrovers bunten, humorvollen Manga-Welt beleuchtet der Film aber vor allem den Humor und die Lebenseinstellung der Cosplayerin. „When I cosplay, I can just forget about my life which is usually a lot of work“, erklärt sie und hüpft zur nächsten Miku-Party.

     

    Foto: © DOK Leipzig/ Susann Jehnichen

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