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  • Cheer up, Leipzig!

    Der dritte Tag auf dem DOK-Festival

    Ich beschwere mich oft, dass berühmte Autoren ihre Lesungen immer nur in Berlin abhalten und nie nach Leipzig kommen. Dass Leipzig eben doch noch nicht so richtig zum hippen Kulturangebot anderer Großstädte aufgeschlossen hat. Und trotzdem habe ich im letzten Jahr das DOK-Festival komplett verpasst. Kein Wunder, dass Kulturereignisse die Stadt meiden, wenn sich niemand dafür interessiert. Um mich mit Recht weiterhin zu beschweren, habe ich dieses Jahr einen ganzen Tag im DOK-Kino verbracht und mir eine Auswahl der Festivalfilme angesehen.

    Der allererste Film am Donnerstag kommt aus Israel: „#uploading Holocaust“ beschäftigt sich mit der sogenannten „Reise nach Polen“. Jedes Jahr reisen israelische Schulklassen nach Polen und besichtigen die Stätten des Massenmordes der Nationalsozialisten. Schüler und Lehrer werden vom Bildungsministerium angehalten, ihre Reise zu filmen und anschließend ins Internet hochzuladen. „#uploading Holocaust“ besteht nur aus derartigen zusammengeschnittenen Aufnahmen von diesen Klassenausflügen.

    Wie ist es, als Jugendlicher eine Klassenfahrt zu den Plätzen zu machen, an denen während des größten Verbrechens gegen die Menschlichkeit viele Vorfahren jener gelösten und aufgeregten Schulklasse ermordet wurden? Den Regisseuren Udi Nir und Sagi Bornstein ist es gelungen, eine bizarre Stimmung einzufangen. Die Lehrer im Film bringen die Schüler in Kontakt mit Zeitzeugen, lassen sie durch das Tor von Auschwitz marschieren. Dort wo noch die Viehwagen zu sehen sind, in denen Juden in das Konzentrationslager gebracht wurden. Doch für viele Schüler ist das alles unvorstellbar, sie wirken entsetzt und sagen, dass sie selbst „nichts“ fühlen würden.

    „#uploading Holocaust“ stellt wichtige Fragen und zeichnet eine Entwicklung der israelischen Erinnerungskultur nach. Vor allem Deutschen, die der gleichen Generation wie die in dem Film gezeigten Jugendlichen angehören, zeigt der Film neue Perspektiven auf.

    Nächste Vorstellung von „#uploading Holocaust“: Samstag 5.11. 13.30 Uhr CineStar 6

    Mein Favorit des Donnerstags auf dem DOK war die Finnische Cheerleading-Doku „Cheer Up“. Dieser Film ist für diejenigen geeignet, die „Dokumentarfilme an sich“ langweilig finden. Der Film erzählt die Geschichte der „Arctic Circle Spirit Ice Queens“ aus dem äußersten Norden Finnlands, die die mit Abstand schlechteste Cheerleadermannschaft des ganzen Landes sind. Nach einer Reise zum Ursprung des Cheerleadings in Dallas, Texas, möchte ihre Trainerin Miia die Mädchen zur neuen Finnischen Nummer Eins im Cheerleading machen. Doch die Mädchen sind gerade mit vielen anderen Dingen beschäftigt und reagieren perplex, als Miia versucht, die amerikanische „Everything is possible, if you really want it“-Attitüde in Finnland zu etablieren.

    „Cheer Up“ hat liebenswerte Figuren, Charakterentwicklungen und dramatische Wendungen, wie sie sich nur die besten Drehbuchautoren ausdenken könnten. Dass es ein Dokumentarfilm ist, macht den Film zu etwas Besonderem und sehr sehenswert.

    Nächste Vorstellungen von „Cheer Up“: Samstag, 5.11. 21.30 Uhr, Passage Kinos Universum und Sonntag 6.11. 13:15 Uhr, CineStar 4

    Am Abend gab es noch als Doppelvorstellung „Distant“ von der kurdischen Regisseurin Leyla Toprak und „The Others“ von der deutsch-kurdischen Regisseurin Ayşe Polat. In „Distant“ werden die Frauen in den kurdischen Milizen beleuchtet, die in den Trümmern von Kobane erklären, wieso dieser Kampf auch ein persönlicher Kampf für ihre Gleichberechtigung ist.

    „The Others“ behandelt das Thema des Völkermords an den Armenier durch die Türkei 1915. In den Dörfern im äußersten Osten der Türkei liegt noch heute der Schatten der Vergangenheit über alten Gebäuden, zwischenmenschlichen Beziehungen und komplizierten Familienverhältnissen. Im Vergleich zu dem ersten Film „#uploading Holocaust“ wird hier klar, was passiert, wenn ein grauenhafter Massenmord verdrängt wird: Die Armenier sind heute noch „die Anderen“, obwohl ihr kulturelles Erbe überall in der Provinz Van, wo der Film spielt, zu finden ist.

    Nach dem Tag auf der DOK ist mir klargeworden, wie wichtig Dokumentarfilme heute sind. In Zeiten von Netflix und kleinen Videoschnipseln im Internet, die uns die ganze Zeit berieseln, ist es gut, sich die Zeit zu nehmen und die eindringlich vermittelte Realität auf sich wirken zu lassen. Manchmal muss man dann doch nicht in andere Großstädte flüchten, um große Kunst zu sehen.

    Der fünfte Tag auf dem DOK-Festival

    Der zweite Tag auf dem DOK-Festival

    Foto: DOK Leipzig

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