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    „Die Märchen der Gebrüder Grimm“ - Neues Ballett zur Vorweihnachtszeit.

    Als scheinbar zeitlose Geschichten, die vom Kampf zwischen Gut und Böse, von mutigen Helden und schönen Prinzessinnen und dem ein oder anderen sprechenden Tier erzählen, sind Märchen zum Kulturgut geworden. Besonders die Weihnachtszeit scheint ideal, um diesen alten Werten zu frönen und sich an glückliche Kindertage zu erinnern. Mit „Die Märchen der Gebrüder Grimm“ bringt Mario Schröder nun einen Ballettabend für Groß und Klein ins Opernhaus, der den Bogen von damals zu heute und von einer Generation zur anderen spannen möchte.

    Insgesamt zehn Märchen, von Hänsel und Gretel bis Frau Holle, sind in einzelnen Szenen von Schröders vierzigköpfiger Company und Kindern der Musikschule vertanzt und werden von den Gebrüdern Grimm höchst persönlich erzählt. Kabarettist Michael Sens, der die Gebrüder als eine Art gespaltene Persönlichkeit inszeniert, reimt sich als Erzähler um Kopf und Kragen und ist sich für keinen Wortwitz oder Schenkelklopfer zu schade. Zu jedem Märchen hält er einen recht überflüssigen Einführungsmonolog und versucht über manchen holprigen Reim mit Betonung und tiefer Stimme hinwegzutäuschen. Die eigentliche Tanzkunst kommt dadurch viel zu kurz und besonders im Vergleich zu Schröders letzten Produktionen wirken die Choreografien simpel und unspektakulär. Selbst das effektvoll als Märchenwald angedachte Bühnenbild, kann davon nicht ablenken. Im Kontrast zu den bunten Kostümen, besteht es hauptsächlich aus weißen Bäumen, die fließend von bedrohlich groß bis klein wie Dornenbüsche variiert werden.

    Im Grunde ist das Ganze eine schöne Idee, wirkt jedoch durch die vielen Szenenwechsel und abgehackten Geschichten wie ein Märchen-Best-Of für das an Aufmerksamkeit mangelnde Kind von heute. Diese Vermutung bestätigt sich spätestens bei der vorletzten Szene, dem „Märchenmix“: Denn wenn Spiderman Rapunzels Zopf erklimmt, Harry Potter den süßen Brei bekämpft und dann auch noch Darth Vader sein Lichtschwert vor Dornröschens Hecke schwingen muss, wird klar, dass verzweifelt versucht wurde, Popkultur mit Märchen zu vereinen. Wie in einem modernen Animationsfilm, findet sich hier ein bisschen Action und Slapstick für die Kleinen, da ein Witz über Twitter für die Großen, doch leider mangelt es an Intellekt und Feingefühl, um beides zu vereinen.

    Die Zielgruppe von „Die Märchen der Gebrüder Grimm“ sind eindeutig Familien. Als erste Balletterfahrung für den Sprössling ist das Stück sicher nicht verkehrt, da auch musikalisch auf Klassiker wie Tschaikowskis „Der Nussknacker“, Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ oder Edvard Griegs „Peer-Gynt-Suite“ gesetzt wurde. Und auch Eltern werden sich unterhalten fühlen, wenn sie noch darüber lachen können, wie kompliziert doch die Technik von heute ist. Alle anderen Ballettinteressierten sollten sich jedoch bis zur Premiere von „Lobgesang“ im Februar gedulden und lieber in den ein oder anderen vorweihnachtlichen Glühwein investieren.

    nächste Aufführungen: 15./19. Dezember 2015, 15. Januar 2016, 26. Februar 2016

    Foto: Ida Zenna

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