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  • Es hat geknistert

    ...zwischen luhze-Redakteurin Hannah und dem Knallbrause-Theaterfestival vom freien Ensemble Jedermensch.

    Ein letzter Blick auf das Programmheft und mit Schweiß auf der Stirn stelle ich fest: Ich muss gar nicht zum Ost-Passage Theater im Leipziger Osten, sondern zum Budde-Haus. Nach Gohlis. Kurz auf der Karte nachgesehen, wo Gohlis nochmal liegt und mich auf den Weg gemacht. Irgendwann finde ich das Budde-Haus und erkenne zum Glück gleich die Schilder: „Hier entlang zum Knallbrause-Festival“.

    Das erste Theaterfestival der freien Szene

    Vom 4. bis 7. August fand das Knallbrause-Theaterfestival statt. Wer in Leipzig den „Theater in Leipzig“- und „Theaterwissenschaft Fachschaft“-Telegramchannel mitliest oder dem Ost-Passage Theater auf Instagram folgt, konnte das Festival nicht entgehen, allen anderen schon. Das Besondere, es ist das erste Festival der freien Theaterszene in Leipzig. Die Initiator*innen und Veranstalter*innen sind Mitglieder des 2017 gegründeten freien Ensembles Jedermensch.

    Charlott Riedel ist Mitglied des Organisationsteams. Zwischen der Idee und der Planung bis zum Festival sei über ein Jahr vergangen, erzählt sie mir, während wir kurz auf einer Bank im Schatten im Hof sitzen. Die Weichen seien nun aber gestellt, falls das Festival in eine zweite Runde gehen sollte. Kurz danach ist Charlott auch schon wieder weg, alles im Blick behalten.

    Wer den Schildern von der Straße folgt, kommt als erstes im Hof an. Mein hilfesuchender Blick wird schnell von den vielen Festival Helfer*innen aufgenommen und an einem Welcome Desk bekomme ich alle Informationen zum Programm. Abgesehen davon haben die Veranstalter*Innen sogar für ein Awareness Team und Merch gesorgt. Still ist es bei meiner Ankunft auch nicht, eine Mini-Stage fungiert als Open Stage und bietet die Möglichkeit, endlich mal den selbstgeschriebenen Text auf dem Handy vorzulesen.

    Knallbrause auf der Bühne, weniger Knallbrause vor der Bühne

     Bedingt durch Corona habe man über neue Formate nachgedacht und der Wunsch, ein eigenes Theaterfestival zu organisieren, stand schon länger im Raum, erzählt mir Jula Kühl. Sie ist wie Charlott Mitglied des Organisationsteams und des Ensemble Jedermensch. Die Idee des Festivals ist es, jungen Theatermacher*innen der freien Szene eine Bühne zu bieten und unterschiedlichste Anliegen und Personen eine Plattform zu bieten. Halt wie Knallbrause, geht mir ein Licht auf.

     Die Gesichter kommen mir bekannt vor und tatsächlich studieren viele Besucher*innen entweder Theaterwissenschaft oder Dramaturgie oder sind da „wegen meiner Mitbewohnerin“. Jula gibt zu: „Hier sammelt sich schon der Theaterdunstkreis.“ Aber das sei ja auch schön, die Gesichter immer wieder zu sehen. Und tatsächlich macht es auch mir großen Spaß, viele Personen zufällig hier zu treffen und über das Gesehene ins Gespräch zu kommen. Es ergibt sich ein altbekanntes Bild in der Theaterszene, dass zwar unterschiedlichstes auf der Bühne verhandelt wird, auf den Stühlen im Publikum aber weniger Knallbrause ist.

    Das Programm beinhaltet unterschiedlichste Workshops, wie zum multilingualen Inszenieren bei Frau Professorin Annette Bühler-Dietrich, Schreibwerkstätten und Tanzworkshops wie „Middle Eastern Fusion Dance“ bei Eveline Lo Pilato, die auch zuvor mit ihrer Company das Tanztheater Rehla auf der Main Stage präsentiert. Ein Act, der ganz ohne Sprache auskommt und der mit viel Energie und Freude von den Tänzer*innen performt wird und dabei ganz aus der Reihe tanzt, aber trotzdem zum abwechslungsreichen Programm passt.

    Neben den Workshops gab es vor allem die Main Acts auf der Main Stage. Diese ist eine Freilichtbühne im Hinterhof des Budde-Hauses. Morgens Kinder-Theater und ab 13 Uhr hauseigene und externe Inszenierungen. Jula erzählt mir, es hätten sich einige externe Produktionen über die Ausschreibung des Festivals gefunden. Inszenierungen des Ensembles sind zum Beispiel „Das könnte ein bisschen Wehtun“ von Jula Kühl selbst oder „Vier Wände, ein Bett“ von Anna Zentgraf. Einige Inszenierungen feierten auf dem Festival auch Premiere, wie die englischsprachige szenische Lesung von „Nothing to hide“ von Spencer Freudenberg. Die Nachfrage nach englischsprachigen Projekten sei in Leipzig sehr hoch gewesen, erzählt mir Spencer über ihr Projekt, dass sie auch ihr „Datenschutzstück“ nenne.

     Nach der Aufführung von Nothing to Hide verlassen die Besucher*innen die Bühne. Zum Konzert, das danach im Programm angekündigt war, kommt niemand. Das sei einfach zu teuer, erklärt sich das eine Besucherin. Denn für jede neue Veranstaltung auf der Main Stage muss erneut eine Karte gekauft werden.

    Und nichtsdestotrotz, am Ende steht ein viertägiges Programm, das zeigt: Es braucht keine Hierarchien oder institutionelles Theater, um ein buntes, gelungenes Theaterfestival zu machen.

     

    Foto: Hannah Arnim

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