• Menü
  • Kolumne
  • Ich will eigentlich nicht mehr übers Abnehmen reden

    Trotzdem wird Kolumnistin Celine es noch ein letztes Mal tun – vielleicht auch, um die Bedeutungslosigkeit ihres Gewichts selbst zu verinnerlichen.

    „Hast du abgenommen?“ war für mich bis vor einer Weile noch das schönste Kompliment, das man mir so hätte machen können. Ich war Anfang des Jahres noch ziemlich übergewichtig, hab‘ dann mit Sport angefangen und Fast Food gegen selbstgemachtes Essen getauscht. Als ich rund 20 Kilo abgenommen hatte, wollte ich die Bestätigung dafür, dass ich etwas Großartiges geleistet hatte. Ich wartete nur darauf, dass es meine Freunde bemerken würden. Und schließlich fiel es fast allen auf – sogar den Eltern meiner Freunde, Mitarbeitern meines Stamm-Döners und meinem Friseur. Ich war selig und fühlte mich so, als hätte ich gerade einen Marathon beendet und als warteten alle jubelnd im Ziel auf mich. Bis dann schließlich eine gute Freundin zu mir sagte, dass sie absichtlich darauf achten würde, das Gewicht anderer Menschen nicht zu kommentieren und mir daher auch kein Kompliment für meinen Gewichtsverlust machen würde. Ich konnte sie nicht verstehen, denn ich hatte doch schließlich mit viel Selbstdisziplin das geschafft, was mir vorher so oft nicht gelungen war. Klar, Gewicht ist nicht alles: Aber ich sehnte mich trotzdem nach Bestätigung und Anerkennung. Nie hatte ich vorher so viele Komplimente für meinen Körper bekommen – und das Gefühl wollte ich nicht mehr missen. Also guckte ich sie nur verständnislos an und wartete auf das nächste Kompliment, es würde sicher kommen.

    Die Kolumnistin in schwarzer Hose und Blazer schaut selbstbewusst in die Kamera

    Kolumnistin Celine möchte eigentlich lieber für ihre Offenheit oder ihren Humor, als ihren Körper gelobt werden.

    Jetzt, ein paar Monate später, habe ich wieder ein bisschen zugenommen und seitdem werden tatsächlich auch die Komplimente weniger. Mein enger Kreis weiß jetzt, dass ich abgenommen habe – an irgendeinem Punkt sind die anerkennenden Worte abgenutzt, mein Gewichtverlust rückt leise in den Hintergrund. Nach einiger Zeit musste ich mich also damit abfinden, dass mein vermeidlich größter Erfolg weniger relevant war, als ich zuvor gedacht hatte. So habe ich schließlich verstanden, dass Abnehmen keine Errungenschaft ist, die permanent thematisiert werden muss. Ich hatte keinen Nobelpreis gewonnen, sondern mein Körper sah anders aus als zu Beginn des Jahres. Herzlichen Glückwunsch! Schließlich fragte ich mich also: Warum würde ich überhaupt wollen, dass sich andere Leute so genau mit meinem Körper beschäftigen? Und möchte ich unterschwellig wirklich ein Schönheitsideal unterstützen, gegen das ich so oft ankämpfen und es in den Boden stampfen möchte? „Wow, du hast abgenommen und siehst jetzt richtig gut aus!“ suggeriert, dass ich vorher nicht gut aussah. Ich habe gemerkt, dass ich mich selbst ganz schön verrate, wenn ich will, dass mein Gewicht immer wieder Thema ist. Klar, der Weg war schwer. Und ich bin auch immer noch stolz auf mich, wenn ich an das letzte Jahr zurückdenke. Trotzdem weiß ich mittlerweile, dass mein Körper einen viel zu hohen Stellenwert in meinem Leben hatte (und bis heute oft noch viel zu oft hat).

    Daran arbeite ich – und der erste Schritt ist auch, das Gewicht anderer nicht mehr zu kommentieren. Viel schöner ist es doch, wenn andere Fähigkeiten herausstechen. Ich möchte nicht dünn, sondern viel lieber humorvoll und offen sein. Und schließlich kann man sich auch niemals sicher sein, was in dem Kopf einer Person passiert, die gerade viel Gewicht verloren hat. Nicht immer nehmen Menschen, so wie ich, mit Absicht ab. Depressionen, Stress, Essstörungen, Krankheiten – das kann alles hinter schnellem Abnehmen stehen. So kann sich niemand sicher sein, was der Satz „Hast du abgenommen?“ auslösen kann. Doch es gibt für all das eine ziemlich einfache Lösung: Den Fokus weg von unserem Gewicht und unseren Körpern lenken, hin zu Stärken und Fähigkeiten, für die man viel lieber gelobt werden möchte.

    Hochschuljournalismus wie dieser ist teuer. Dementsprechend schwierig ist es, eine unabhängige, ehrenamtlich betriebene Zeitung am Leben zu halten. Wir brauchen also eure Unterstützung: Schon für den Preis eines veganen Gerichts in der Mensa könnt ihr unabhängigen, jungen Journalismus für Studierende, Hochschulangehörige und alle anderen Leipziger*innen auf Steady unterstützen. Wir freuen uns über jeden Euro, der dazu beiträgt, luhze erscheinen zu lassen.

    Verwandte Artikel

    Wachgerüttelt

    Kolumnistin Celine hat lange gegen ihren Körper gekämpft, bis sie verstanden hat, dass es sich deutlich mehr lohnt auf ihn zu hören und mit ihm zusammenzuarbeiten.

    Kolumne | 31. Mai 2020

    Ein Film zum Schweigen

    In „Girls/Museum“ interpretieren junge Frauen und Mädchen berühmte Kunstwerke. Dabei erfährt man mehr über die Erzählerinnen als man zuerst glauben mag.

    Film Kultur | 30. Oktober 2020