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  • Die Ja-Sagerin

    Welche Nebenwirkungen es hat, sich selbst und seine Bedürfnisse für andere Menschen hintenanzustellen, musste Kolumnistin Celine auf die harte Tour lernen.

    Ich denke von mir selbst gerne, dass ich ein ziemlich selbstbestimmter Mensch bin. Wenn ich etwas will, dann mache ich das auch genauso; ohne Wenn und Aber. In der Realität sieht das aber, wenn ich mal ganz ehrlich mit mir bin, ein wenig anders aus. Angepasstheit und Harmonie, das ist alles was zählt. Solange ich Stress und Drama aus dem Weg gehen kann, mache ich das auch. Du brauchst Hilfe bei deinem Umzug, weil sonst niemand kann? Ich bin da, keine Sorge. Die Hausarbeit schreibe ich dann einfach heute Nacht fertig. Ob ich dich noch nachhause fahren kann, weil ich ja sowieso mit dem Auto da bin? Klar, du kennst mich doch. Ich nehme natürlich auch gerne noch deine vier Freunde mit. Wo wohnen die? Am anderen Ende der Stadt? Das Auto ist zum Glück vollgetankt!

    Kolumnistin Celine

    Kolumnistin Celine sagt von nun an nur noch „Ja“ zu den schönen Dingen im Leben – wie einem guten Wein.

    Wer mich nach einem Gefallen fragt, wird selten enttäuscht. Ich bin allzeit bereit, immer da. Das ist dann irgendwann eskaliert, als ich einer Freundin erkältet bei ihrem Umzug geholfen habe – keine Sorge, das war noch vor Corona. Anfangs hatte ich bei ihren Wohnungsbesichtigungen nur einen leichten Schnupfen, als wir ihre Wohnung in Kisten gepackt haben, kamen Husten und Fieber dazu. Am Tag des Umzugs konnte ich dann keinen zusammenhängenden Satz mehr sprechen, ohne dass ich minutenlange „Hust-Pausen“ einlegen musste. Kisten schleppte ich nur mit einem hochroten Kopf und ewigen Verschnaufpausen. Zwei Tage später saß ich dann beim Arzt, weil ich nicht mehr ohne Schmerzen atmen konnte. Aber hey, wenigstens habe ich nicht beim Umzug gefehlt und konnte mich dann zwei Wochen lang ganz ohne schlechtes Gewissen auskurieren!

    Die logische Schlussfolgerung aus diesen Situationen ist ziemlich einleuchtend: Einfach auch mal auf sich selbst achten. Die Welt wird nicht untergehen, wenn ich ehrlich bin und meinen Freunden sage, dass ich einfach keine Zeit habe. Am schlimmsten ist es, wenn ich mich im Nachhinein ärgere. Oft über meine eigene Inkompetenz das Wort „Nein“ zu sagen, immer wieder aber auch über diejenigen, die mich in solche Situationen bringen. Mein Dilemma ist also, wie so oft, dass ich es nicht allen recht machen kann. Es wird aber in meinem Leben immer wieder Situationen geben, in denen ich vor die Wahl gestellt werde – entweder ich gehe einen Schritt für andere zurück, oder ich achte auf mich selbst.

    Momentan integriere ich „Nein“ erst noch in meinen Wortschatz. Oft erscheint mein „Nein“ auch in Kombination mit kleinen Rechtfertigungen, aufgebauschten Entschuldigungen – und einem ziemlich schlechten Gewissen. Bald habe ich dann hoffentlich eine gesunde Balance zwischen „Ja“ und „Nein“ gefunden, ohne mir darüber den Kopf zu zerbrechen. Aber das ist der nächste Schritt, Rom wurde schließlich auch nicht an einem Tag gebaut.

     

    Titelfoto: Pixabay

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