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  • Belastende Brünnlein Befunde

    Wie sich Klempner*innen im Leben von Kolumnistin Valerie von Statist*innen zu Protagonist*innen entwickelten.

    Ich huldige dem Morgen sowieso nicht besonders, aber selten hatte ich so einen triftigen Grund für meine Attitüde der Morgenmuffeline wie vor ein paar Wochen: ich stand auf, ging ins Bad und als ich meine Hände waschen wollte, sah ein großes Loch im Waschbecken unserer WG. Ich verdächtigte direkt die Gäste, die zu der Zeit bei uns nächtigten, aber es stellte sich heraus, dass mein Mitbewohner dafür verantwortlich war. Schande über mich wegen der falschen Anschuldigung, Schande über ihn wegen des Schadens.

    Es dauerte zweieinhalb Monate, bis wir uns eines neuen Waschbeckens erfreuen konnten, vorher probierte er den offene Stelle mit Instantnudeln zu stopfen. Meine Mitbewohnerin und ich fielen aus allen Wolken, als der Instagram-Lifehack überraschenderweise nicht funktionierte und die Nudeln lediglich schimmelten. Das einzige was Instantnudeln reparieren sind vielleicht gebrochene Herzen. Erst wurde die Funktion der Badewanne um das Händewaschen erweitert, bis wir schließlich das Loch im Waschbecken mit Panzertape überklebten. Beim Ausspucken der Zahnpasta kam man dem Leck jedoch immer etwas zu nahe, ein etwas modriger Geruch stieg auf. Ähnlich übel war zwischenzeitlich die Stimmung in der WG.

    Kolumnistin Valerie

    So entspannt wie auf dem Bild war Kolumnistin Valerie nicht immer – und vor allem nicht so sauber.

    Zwei Wochen nach der feierlichen Einweihung des neuen Brünnleins im Bad, wie wir das Waschbecken verzückt nannten, überkam uns ein Déjà-vu. Dieses war jedoch leider nicht nur eine Erinnerungstäuschung, sondern spülte leidige Erfahrungen mit defekten Waschbecken wieder nach oben – im wahrsten Sinne des Wortes: das Wasser in der Küche lief nicht mehr ab. Mit der Spüle war auch die Geschirrspülmaschine nicht mehr funktionstüchtig.

    Die Vormieter*innen hatten sehr viel mit Kreppband beim Anschließen der Küchenzeile gearbeitet, was wir gekonnt ignorierten, bis wir es eben nicht mehr konnten. Mögliche Ursachen wurden ergooglelt und schließlich die Rohre auf Verstopfungen untersucht – erfolglos. Nach einigen verschickten Bildern mit roten Kreisen um die problematischen Stellen und Telefonaten mit Leuten, die so mittel vom Fach sind, sah es kurz so als könne ich das Problem selbst beheben.

    Die Euphorie über meine klempnerischen Fähigkeiten hielt nicht lange an, ich überließ, nach meinem Scheitern, dann doch gelernten Kräften das Feld.

    Sehr zeitnah wurde ich von der Hausverwaltung an eine Klempner*innenfirma vermittelt, die mich anrief und mir mitteilte, sie könne heute helfen oder wohlmöglich nie. Ich wählte die Option „Heute“ und wartete zu Hause. Nach dem Öffnen der Tür und einer sehr zielgerichteten Konversation mit den Fachleuten („Hallo“, „Guten Tag“, „Küche?“, „Küche“) hockte ich bei geöffneter Tür in meinem Zimmer, denn man weiß ja nie. Dazustellen wollte ich mich auch nicht, denn sonst hätte der Eindruck entstehen können, dass ich ihnen misstraute. Am Anfang vernahm ich immer wieder ungläubiges Lachen aus der Küche. Langsam wurde ich unruhig, ich selbst bewertete die Situation nicht gerade als erheiternd, musste wohl branchenspezifisch witzig sein. Angst machte sich breit, ich hatte schon Respekt vor den Anfahrtskosten.

    Nach ein paar Minuten wurde ich nochmal in die Küche gerufen – gut, dass meine Tür offen stand – und mir mitgeteilt, dass sie nun zum nächstgelegenen „Fachhandel“ fahren werden (ich nahm an zum Baumarkt?), um neue Rohre zu kaufen. Ich fragte, ob das notwendig sei und was denn das Problem sei. Sie lachten nur und meinten trocken „alles“. Ich nickte verunsichert und sagte, wenn das so sei, ginge wohl kein Weg daran vorbei.

    Kurz darauf kamen sie wieder zurück und schlossen die Spüle und Geschirrspülmaschine fachgerecht an. Bevor sie gingen, unterschrieb ich ein Dokument ohne Preisangabe für die Hausverwaltung. Diese übernehme die Reparaturkosten, dafür sei sie ja schließlich da.

    Ich bedankte mich, schloss die Tür hinter den beiden Klempnern, machte zufrieden den Wasserhahn in der Küche auf, ließ das Wasser fließen und machte ihn wieder zu. Danach nahm ich in Angriff das klirrende Geschirr von der schleudernden Waschmaschine im Bad in sieben Gängen wieder in die Küche zu schleppen. Ich war sehr erleichtert, dass es diesmal nicht zweieinhalb Monate gedauert hatte. Es war auch echt kein Zustand, das Geschirr im Waschbecken im Bad zu säubern. „Wenigstens haben sich die zwei problematischen Brünnleinsituationen nicht überschnitten“, dachte ich. Obwohl ich absolut nichts dazu beigetragen hatte, dass ich wir wieder über zwei funktionierende Waschbecken verfügten fühlte ich mich als sei ich absolut produktiv gewesen. Gut gelaunt sang ich “Rain over me“ von Pitbull und Marc Anthony, der erste Song, der mir einfiel, in dem Wasser eine Rolle spielt.

    Seitdem wasche mir jetzt immer zweimal die Hände an zwei verschiedenen Standorten, wenn ich nach Hause komme: sinnvolle Maßnahme wegen Corona (da hilft viel wirklich viel), aber vor allem einfach, weil ich es kann.

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