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    Kolumnistin Celine hat lange gegen ihren Körper gekämpft, bis sie verstanden hat, dass es sich deutlich mehr lohnt auf ihn zu hören und mit ihm zusammenzuarbeiten.

    20 Kilo Übergewicht – die dumme Waage brüllt mir das Ergebnis unverhohlen in mein Gesicht. Ich schüttle mit dem Kopf. Für diesen Moment habe ich auch noch Geld ausgegeben. Die 20 Euro für diese Körperfett-Waage mit dazugehöriger App hätte ich auch anderweitig investieren können. Ich möchte das Ding, das mich vom Boden anstarrt, in seinen Karton werfen und auf dem schnellsten Weg zurückschicken. Na klar, einige meiner Hosen passen nicht mehr ganz so gut, wie vor ein paar Jahren. Aber 20 Kilo? Fast frech, wie mir die Waage die Zahl entgegenwirft. „Du bist trotzdem schön!“, wäre in diesem Moment angebrachter als die Info, dass ich mich mit diesem Gewicht kurz vor der Fettleibigkeit befinde. Einziges Problem: Die Tiefkühlpizza, die ich vor einigen Minuten in den Ofen geschoben habe, kann ich nun grade wirklich nicht alleine lassen. Fast habe ich mein Übergewicht vergessen: mein Retter, das Essen, ruft. Was sind schon 20 Kilo, wenn ich mich mit einer Tüte Chips und Gilmore Girls unter die Bettdecke legen kann.  

    Die Kolumnistin vor einem Fenster sitzend und in die Kamera blickend. Sie hat rotbraune Haare und ein blaues Hemd

    Mittlerweile steht Kolumnistin Celine über der Zahl, die ihr die Waage so unverschämt an den Kopf geworfen hat.

    Dann ging es irgendwie doch einfacher als gedacht. Versteht mich nicht falsch: Es hat nicht auf einmal „Klick“ gemacht und ich hatte auch nicht auf wundersame Weise keine Lust mehr, in einen Burger zu beißen. Ich hatte auch keinen Spaß daran, alle Süßigkeiten aus ihrem Zuhause (einer wirklich schönen Holzkiste im Wohnzimmer) zu zerren, um sie meinen Freunden anzudrehen. Wusstet ihr, dass man vom Zuckerentzug so starke Kopfschmerzen kriegen kann, als wäre man auf einem Drogenentzug? Wer Zucker isst, erhöht seinen Insulinspiegel. Und dafür produziert der Körper das sogenannte „Glückshormon“ Serotonin. Ich hatte also nicht nur Kopfschmerzen, sondern auch richtig beschissene Laune. Mein Körper teilte mir lautstark mit, was er von der ganzen Ernährungsumstellung hielt: rein gar nichts. Richtig übel nehmen konnte ich es ihm nicht. Dran geglaubt, dass das jetzt der richtige Weg sein sollte, habe ich auch nicht. 20 Kilo Übergewicht sind natürlich erschreckend, aber so dick sah ich doch eigentlich nicht aus. Das könnte man bestimmt gut kaschieren. So wehrte sich mein Körper nicht nur mit Kopfschmerzen und Müdigkeit, sondern manipulierte mich auch mental.  

    Nun ist ein bisschen Zeit vergangen seitdem ich mich das erste Mal auf die „dumme Waage“ gestellt habe. Lange habe ich geglaubt, dass Abnehmen alleine mein Leben vollkommen verändern würde. Wer schlank ist, hat auch mehr Spaß im Leben – ganz klar. Doch irgendwie kam das Glück ganz nebenbei. Ich wusste schon lange, dass ich mir mit der Ernährung einer wirklich pingeligen Sechsjährigen, die sich ausschließlich von Pommes und Nudeln mit Ketchup ernähren möchte, am Ende nur selbst schade. Mein Immunsystem war so angeschlagen, dass ich als Rechnung jede Grippe oder Erkältung, die irgendjemand in meinem Umfeld hatte, mitgenommen habe. Während die meisten nicht lange zu kämpfen hatten, lag ich zwei Wochen flach. Und trotzdem wollte ich nichts ändern.  

    Rund zwölf Kilo habe ich mittlerweile verloren. Ich weiß nicht, wie lange ich noch für die restlichen Kilos brauchen werde. Um ehrlich zu sein, ist mir das mittlerweile auch ziemlich egal. Es geht mir schon seit einer Weile nicht mehr darum, eine bestimmte Zahl zu erreichen. Ich mag mein Leben so wie es grade ist. Im Gegensatz zu unzähligen Abnehmversuchen zuvor, habe ich mir keinen Endpunkt gesetzt, an dem ich wieder „normal“ essen möchte. Und das ist vielleicht das „Geheimnis“. Die Sechsjährige in mir schreit zwar immer wieder nach Pommes, ich höre ihr aber nur noch manchmal zu. So lange ich Spaß daran habe, werde ich auch weitermachen. Abnehmen alleine hat mich nicht glücklich gemacht. Aber der bewusste Umgang mit den Signalen, die mir mein Körper schickt, schon.   

    Die Waage und ich sind bis heute keine wirklich guten Freunde geworden. Ab und an stelle ich mich trotzdem auf sie, das fühlt sich dann wie oberflächlicher Small-Talk an. Zurückgeschickt habe ich sie nicht. Vielleicht, weil sie mich an eine Zeit erinnert, in der mir Essen noch Trost gespendet hat, wenn es mir grade mal nicht so gut ging. Mittlerweile spende ich mir selbst Trost – so auf lange Sicht betrachtet, haben mich die unzähligen Portionen Pommes, Chips oder Gummibärchen nämlich auch nicht wirklich glücklicher gemacht. Und auch auf die Gefahr hin, dass das viel zu malerisch und ziemlich kitschig klingt: Ich mag mich mittlerweile wirklich gerne. Fürs Wachrütteln haben sich die 20 Euro also vielleicht doch gelohnt.   

     

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