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  • Stadtgeschichten: Das Holocaust-Mahnmal

    In unserer Rubrik Stadtgeschichten stellen wir jede Ausgabe einen besonderen Ort in Leipzig vor, heute das erste Mal online mit dem Holocaust-Mahnmal in der Gottschedstraße.

    In der inneren Westvorstadt gibt es einen geschichtsträchtigen Ort. In der Gottschedstraße an der Ecke der Zentralstraße sticht ein Gedenkstein mitten auf dem Bürgersteig hervor und unweit dahinter eine große Fläche mit gestutztem Buschwerk. Die Gesamtfläche ist ein jüdisches Mahnmal. Umgeben von dem Buschwerk, fängt eine erhöhte Plattform mit einer Installation von 140 leeren, aufgereihten Bronzestühlen den Blick ein. Zunächst wirkt die Konstruktion wie eine Narbe, die den Verlust einer vorher hier befindlichen Gebäudehülle aufzeigt. Und tatsächlich sind auf einer Gedenktafel hinter der Installation folgende Worte zu lesen:

    Ein Foto der Synagoge aus dem Jahr 1860

    Ein Foto der Synagoge aus dem Jahr 1860

    „Gedenkstätte am Ort der großen Gemeindesynagoge für die während der Zeit des Nationalsozialismus ausgegrenzten, verfolgten und ermordeten jüdischen Bürgerinnen und Bürger der Stadt Leipzig“. Die Gedenktafel gibt außerdem Preis, dass im September 1854 die Grundsteinlegung der Leipziger Gemeindesynagoge stattfand. Der damals rasante Anstieg der jüdischen Gemeindemitglieder erklärt die Geräumigkeit der ehemaligen Gemeindesynagoge, denn sie bat Platz für 1.600 Menschen. So war die 1847 gegründete Jüdische Religionsgemeinde Leipzigs in den 1920er Jahren die sechstgrößte Gemeinde in Deutschland. 1925 zählte sie um die 13.000 Mitglieder. Die Weihe der Synagoge erfolgte am 10. September 1855. Sie sollte einen Ort der Zusammenhörigkeit darstellen und einen großen Raum für jüdisches Leben in Leipzig schaffen. Insgesamt gab es damals 17 Synagogen in Leipzig. Während der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde sie in Brand gesteckt und einen Tag später erfolgte der Abriss der Synagoge, wobei die Religionsgemeinde hierfür die Kosten tragen musste.

    Das Mahnmal wurde vom Leipziger Kulturamt in Zusammenarbeit mit der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig errichtet und im Jahre 2001 eingeweiht. Das Buschwerk zeichnet zusammen mit der Betonplattform den trapezförmigen Grundriss der Gemeindesynagoge nach, die früher hier stand. Vorher bestand das Mahnmal lediglich aus dem im Jahre 1966 aufgestellten Gedenkstein.

    Die aufgereihten 140 Stühle erinnern an die damaligen Opfer des NS-Terrors. Dabei soll der Verlust des Gebäudes deutlich werden, indem die Stühle ohne Hülle im Freien stehen. Die Zahl 140 entspricht in der hebräischen Schreibweise der Bedeutung des Wortes „Stehen“ beziehungsweise „Aufstehen“, so der damalige israelische Botschafter Shimon Stein bei der Einweihung der Gedenkstätte: „Menschen sollen sich auf den Stühlen niederlassen und beim Aufstehen die Erinnerung mitnehmen.”

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