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  • Räume betreten, Augen öffnen, Eindrücke sammeln

    Was ist Kunst und was für Aufgaben werden an Kunststudierende gestellt? Die Studierenden der HGB präsentieren im alljährlichen Rundgang ihre Ergebnisse und Findungsprozesse.

    Von was für einer enormer Größe, Vielfalt und Einfall das Gebäude der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) erfüllt ist, können Besucher*innen beim Rundgang der Hochschule vom 13. bis 16. Februar live erleben. Die Kunsthochschule öffnet in diesen drei Tagen ihre Tore für das kunstinteressierte Publikum Leipzigs. Über vier Etagen erstrecken sich Räume, die Einblicke in die Arbeiten der Studierenden der HGB ermöglichen. Ganze 67 Stationen, an denen Studierende ihre Arbeiten ausstellen, können hierbei bestaunt werden. Jeder Raum hat seine ganz eigene Atmosphäre und lädt die Betrachtenden dazu ein, die Findungsprozesse der jungen Künstler*innen an einer der bekanntesten Kreativinstitutionen Deutschlands zu verfolgen.

    Letztes Jahr blieben die Räume als Reaktion auf die Einsparungen der sächsischen Kultur- und Bildungspolitik beim Rundgang leer. Der Rundgang war symbolisch gedacht und die Studierenden machten auf Finanzierungs-, Stellen- und Raumdefizite aufmerksam. Dieses Jahr, wie auch im letzten Semester, sind die Räume wieder Orte für künstlerische Denkanstöße.

    Die Studiengänge Buchkunst und Grafik-Design, Fotografie, Malerei und Grafik, sowie Medienkunst erschaffen die Zimmer des Hochschulgebäudes mal bunt und mit einem Augenzwinkern, mal düster und zum Nachdenken anregend. Dabei sprechen sie unterschiedliche Aspekte aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen an und interpretieren auch gegenwärtige Geschehnisse in Leipzig auf ganz individuelle Art und Weise.

    Im Erdgeschoss steht eine rechteckige Installation, die wie eine Litfaßsäule mit Plakaten verkleidet ist. Die meisten von ihnen sind uns aus den vergangenen Wochen bekannt: Vielversprechende Slogans für die Zukunft Leipzigs und Menschen, die uns auf Parteiplakaten entgegenstrahlen. Einer unter ihnen ist beispielsweise der aktuelle Oberbürgermeisterkandidat Sebastian Gemkow (CDU). Im Hintergrund läuft erst Udo Jürgens und dann Scooter. Die Arbeit wurde aus auf dem Boden liegengebliebenen Plakaten erschaffen. „1937 – 2017: Von Entarteter Kunst zu Entstellter Kunst“ lautet der Titel des performativen Ausstellungsprojekts der Studierenden.

    Im ersten Obergeschoss gibt es ein „Studio für undiszipliniertes Tun“. Markus Dreßen hat sich mit den Studierenden aus dem zweiten Studienjahr Buchkunst/Grafik-Design ganz dem Thema der Disziplin und des Prozesses von der Skizze zur Produktion gewidmet. Ein Vorgang, der auf allerlei Bereiche im Leben übertragen werden könnte. Er soll auf die voranschreitende Ökonomisierung des Kunstbetriebs aufmerksam machen. Immer mehr Kunstschaffende werden eingeschränkt und müssen sich dadurch den Zwängen des beschleunigten Produktionsprozesses anpassen. Die Folge sind vernachlässigte Schritte bei den handwerklichen Arbeiten. Diese Schritte sind eigentlich essenziell für das Feld der Kunst, deren Hauptaufgabe darin besteht, Bedeutungen zu produzieren und Machtverhältnisse zu hinterfragen.

    Auch die Nachhaltigkeit des Kunstbetriebs wird in einem Raumkonzept der Klasse für Installation und Raum, geleitet von Joachim Blank, thematisiert. Die gestrandeten Objekte wurden von den Studierenden in Kooperation mit dem Künstler Carsten Saeger, der als Preisträger des Bundespreises für Kunststudierende nominiert wurde, konzipiert. Die Objekte sind mit einer lehmfarbigen Schicht überdeckt. Sie stammen aus teilweise unfertigen beziehungsweise vergangenen Arbeiten der Studierenden. Verpackungen, Holzbalken, Metallgitter und andere Überrreste liegen chaotisch im Raum verteilt.

    Sogar ein Kino wurde für den diesjährigen Rundgang von der Klasse expanded cinema von Clemens von Wedemeyer und Angelika Waniek ausgerufen. Im zweiten Obergeschoss befindet sich ein Raum für filmische Arbeiten, die von der ganzen Hochschule kuratiert wurden.

    Der HGB-Rundgang ermöglicht es, die kommende Künstler*innengeneration aus Leipzig näher kennenzulernen und ihre Arbeiten in Kontext zum Studierendenleben zu setzen, mit all seinen Glanz- und Schattenseiten. Das gesamte Gebäude wird genutzt, auch zwischen den Räumen. Die Flure, der Innenhof, die Wände und sogar Toiletten erinnern uns daran, dass wir uns in einer Kunsthochschule und keiner Normalo-Uni befinden.

    Wer sich von der Kunstvielfalt überfordert fühlt, kann sich auf einem der vielen Sofas, die sich auf den langen Fluren des altehrwürdigen Gebäudes befinden, erholen. Jeder Raum ist anders. Jedes Thema unterscheidet sich voneinander. Die Studierenden spannen den künstlerischen Bogen ganz unterschiedlich auf. Es lohnt sich, ihnen dabei zuzusehen und mit neuen Denkanstößen das kunsterfüllte Gebäude zu verlassen.

    Der HGB-Rundgang ist noch am Sonntag, den 16. Februar von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.

    „1937 – 2017- Von Enttarnter Kunst zu Entstellter Kunst“
    Die Studierenden setzen sich mit Nachhaltigkeitsaspekten des Kunstbetriebs auseinander.
    Auch Wände und Graffiti nutzten die Studierenden für ihre Botschaften beim Rundgang.
    Selbst beim Treppen hinauf- und hinabsteigen begegnen wir Momenten, die uns zum Anhalten und Hinterfragen von Kunst verleiten.

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